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Muskulöser Monsterwein: Schwierig aber grossartig

Anbaugebiet des Sagrantino um Montefalco. Foto: Consorzio tutela Vini Montefalco

Die Traubensorte, die um Montefalco angebaut wird, gilt als tanninreichste überhaupt. Die aus ihr gekelterten Weine können grossartig sein. Jedoch eine Herausforderung für Winzer.

Von Rudolf Trefzer
16.12.2015

Unter den roten Traubensorten gibt es mittlerweile recht viele, aus denen ehrgeizige Weinproduzenten und ihre beratenden Önologen jene muskulösen Monsterweine erzeugen, die nicht nur Naivlinge, sondern auch Weinliebhaber zu beeindrucken vermögen.

Zwar haben diese meist teuren Weinkonstrukte kaum mehr etwas mit den anderen typischen Weinen ihres jeweiligen Herkunftsgebietes gemein, aber darauf kommt es den Herstellern und Käufern dieser Weinkarikaturen auch nicht an. Was zählt, sind die absatzfördernden Superlative: Schwarzrote Farbe, maximale Konzentration der Aromen und ein dichtes, engmaschiges Tanningerüst.

In sich stimmige Superlativweine

Doch es gibt auch einige wenige rote ­Traubensorten, aus denen ohne önologische Tricks in sich stimmige Superlativweine ­gekeltert werden können, neben denen selbst die Supertuscans wie harmlose Alltagsweine wirken. Eine von diesen raren Sorten ist der Sagrantino, der in Umbrien im Gebiet des Städtchens Montefalco und der vier Nachbargemeinden Gualdo Cattaneo, Bevagna, Giano und Castel Ritaldi schon seit Jahrhunderten angebaut wird (das erste schriftliche Zeugnis stammt aus den 1550er-Jahren).

Obwohl es sich beim Sagrantino um eine aussergewöhnliche Varietät handelt, hat er nie überregionale Bedeutung erlangt. Ihm eigen sind spät reifende, dunkelrote, kleine Beeren mit grossen Kernen und dicker Haut. «Die Sagrantino-Traube ist die tanninreichste Traube, die wir in der Weinwelt kennen», erklärt Guido Guardigli vom Weingut Perticaia und fügt an: «Die strengen, markanten Tannine sind mitverantwortlich für den eigenständigen Charakter der Sagrantino-Weine. Doch wer sie bei der Vinifizierung nicht in den Griff bekommt, ­riskiert, einen untrinkbaren Wein zu erzeugen.»

Neuland für Winzer

Mit diesem Problem ernsthaft konfrontiert sehen sich die Winzer im Gebiet von Montefalco jedoch erst, seit sie in den 1970er-Jahren damit begonnen haben, wieder vermehrt ­Sagrantino-Reben anzupflanzen, um aus den Trauben einen reinsortigen, trockenen Rotwein zu erzeugen, den Sagrantino di Montefalco.

Damit betraten sie Neuland, denn traditionell kelterte man bis dahin aus den Sagrantino-Trauben einen süssen Passito-Wein, der einst als Messwein, als «vino sacro» (daher der Name Sagrantino), oder als Festtagswein getrunken wurde. Bis zu seiner Wiederent­deckung wurde der Sagrantino – ausser als ­süsser Passito-Wein – nicht reinsortig ab­gefüllt, sondern mit anderen roten Sorten ­assembliert, um den Weinen mehr Kraft und Tiefgang zu verleihen.

Reinsortiger Sagrantino di Montefalco als Vorzeigewein

Das ist auch der Fall beim Montefalco ­Rosso, der bis zu 70 Prozent aus Sangiovese sowie einem kleineren Anteil an anderen Sorten ­besteht, aber nur gerade 10 bis 15 Prozent ­Sagrantino enthalten muss. Der Vorzeigewein des Gebiets ist jedoch heute zweifellos der reinsortige Sagrantino di Montefalco.

Auch wenn es sich beim Sagrantino di Montefalco um eine Neukreation aus jüngster Zeit handelt (1979 erhielt er die DOC, 1992 die DOCG), so kann man diesem sperrig-monumentalen Wein bestimmt nicht vorwerfen, er sei ein modischer Blender. Im Gegenteil: Mit seiner urtümlichen Kraft, seiner tanningeprägten, würzigen Fülle, seinen filigranen Fruchtnoten (Brombeeren und Heidelbeeren) und seinem grossem Alterungspotenzial erschliesst er sich einem nicht auf Anhieb und schon gar nicht in seiner Jugend. «Der Montefalco ­Sagrantino ist ein schwieriger Wein», räumt Guido Guardigli ein. «Seine wahren Qualitäten zeigt er nur, wenn man ihm viel Zeit zum Reifen lässt und ihn zu einem passenden ­Gericht trinkt.»

Ein Wein für besondere Gelegenheiten

Wie der süsse Sagrantino Passito ist auch der trockene Sagrantino di Montefalco ein Wein für besondere Gelegenheiten. Und wie andere noble Weine kauft man ihn nicht, um ihn sofort zu trinken. Man legt ihn in den Keller und vergisst ihn für einige Jahre. Wer also für die kommenden Festtage einen Sagran­tino di Montefalco kaufen möchte, achtet ­darauf, einen älteren Jahrgang zu erwischen.

Mindestens zehn Altersjahre sollte er schon haben. Mit jüngeren Jahrgängen kann man sich dagegen einen kleinen Vorrat für künftige festliche Gelegenheiten anlegen.

Empfehlenswerte Weingüter: Adanti, Antonelli San Marco und Perticaia

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