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Wein 
Weisse Nische: Nas-Cëtta aus dem Piemont

1 Nas-Cëtta aus Novello / 2 Nas-Cëtta, Cantina di Castiglione Falletto, 2010 / 3 Anas-Cëtta, Cogno, 2006

Die hochwertige Rebsorte Nascetta erlebt im Piemont eine Renaissance.

Von Rudolf Trefzer
23.07.2014

Wer glaubt, in der Weinwelt gebe es keine Überraschungen mehr, der wird immer wieder mal überrascht. Dazu gehören etwa neue Erkenntnisse über die Herkunft und Ausbreitung von Traubensorten und die Wiederentdeckung alter, in Vergessenheit ­geratener und mitunter vor dem Aussterben stehender Varietäten. Eine solche alte, bis vor wenigen Jahren kaum mehr kultivierte Rebsorte ist der weisse Nascetta (auch Anas-Cëtta, Nas-Cëtta genannt), der einst in der Langhe, dem Hügelgebiet um die piemontesische Stadt Alba, und insbesondere in der Gemeinde Novello eine gewisse Verbreitung hatte. Der zu den semiaromatischen Traubensorten gezählte Nascetta gehörte im 19. Jahrhundert zu den noblen Varietäten des Piemonts. So beschrieb ihn der Rebforscher Giuseppe Di Rovasenda 1877 als eine sehr delikate Traubensorte, die einen hervorragenden Wein ergebe, und Lorenzo Fantini attestierte ihm 1895 in seiner Monographie über den Weinbau in der Provinz Cuneo eine Feinheit, die der des Moscato gleichkomme.

Neuere Forschungen haben ergeben, dass der Nascetta tatsächlich eine autochthone Rebsorte ist, die ihren Ursprung im Hügelgebiet um Alba hat und weit entfernt verwandt ist mit dem Grò blanc, einer alten Rebsorte aus dem Val di Susa. Lange vermutete man, dass wegen des ähnlichen Namens eine Verwandtschaft mit der sardischen Rebsorte Nasco bestehe, doch haben jüngste Studien diese Annahme widerlegt. Bis heute konnte der Ursprung des Nascetta nicht eruiert werden. Bleibt die Frage, weshalb der Nascetta im 20. Jahrhundert von den Winzern kaum mehr angepflanzt wurde. Der Önologe Mauro Daniele von der Kellerei Le Strette macht dafür vor allem zwei Gründe verantwortlich: «Die Langhe ist ein klassisches Rotwein­gebiet, in dem die weltbekannten Nebbiolo-Weine Barolo und Barbaresco produziert werden. Und zudem ist der eher spät reifende Nascetta im Anbau recht kapriziös.»

Eine Alternative zum Arneis

Die Wiederentdeckung des Nascetta ist vor allem den Winzern Elvio Cogno und den Brüdern Mauro und Savio Daniele von der Kellerei Le Strette zu verdanken. Nachdem Letztere in den 1990er-Jahren verschiedene Nascetta-Weine bei älteren Weinbauern rund um das Weinbaudorf Novello verkostet hatten, pflanzten sie Nascetta-Reben mit dem Ziel, diesen reinsortig und trocken zu vinifizieren. «Die in kleinen Mengen hergestellten Nascetta-Weine, die wir damals zu kosten bekommen hatten, waren mehrheitlich süss ausgebaut», erinnert sich Mauro Daniele. «Uns war sofort klar, dass wir es hier mit einer qualitativ hochstehenden Traubensorte mit einem guten Alterungspoten­zial zu tun hatten, einer Sorte, aus der sich auch komplexe trockene Weine keltern lassen.» Nach einigen Versuchskelterungen erzeugten Mauro und Savio Daniele 1999 ihren ersten Jahrgang ­eines trockenen Nascetta. Seither haben andere Winzer in Novello und in anderen Gemeinden des Albese den Nascetta entdeckt.

Um das frisch-fruchtige, facettenreiche Aromenspektrum des Nascetta in die Flasche zu bringen, unterziehen die meisten Produzenten die gelesenen Nascetta-Trauben vor der Gärung einer Kaltmazeration, wobei die Kaltstandzeit von einigen Stunden bis zu fünf Tagen variiert. Danach wird der Wein während einiger Monate im Stahltank und/oder im Holzfass auf der Feinhefe ausgebaut. Dank seiner stützenden Säure hat er – das hat die Verkostung älterer Jahrgänge gezeigt – ein sehr gutes Alterungspotenzial, wobei die Fruchtaromen von mineralischen, mitunter salzigen Noten überlagert werden. Gelegentlich zeigen sich – wie bei einem gereiften Riesling – auch dezente Petrolnoten.

Obwohl mittlerweile rund 12 Hektaren mit Nascetta-Reben bestockt sind und gut zwei Dutzend Weinbaubetriebe ihn erzeugen und abfüllen, führt er nach wie vor ein Nischendasein. Doch nicht nur in Novello ist man davon überzeugt, dass sich der Nascetta als Alternative zum weniger finessenreichen Arneis etablieren wird. Der Winzer Enrico Rivetto aus Sinio bringt es auf den Punkt: «Ich will mit meinem Nascetta nicht nur von der gegenwärtigen Mode der autochthonen Sorten profitieren, sondern einen guten, langlebigen Weisswein keltern.» Diesem Diktum stimmen wohl alle Nascetta-Produzenten zu, auch wenn jeder seinen eigenen Weg beschreitet, um ans Ziel zu gelangen.

Bezugsnachweise:

In Novello

Cogno: Divo (www.divo.ch)
Le Strette: Heinz Malli (www.enzoteca.ch)
Stra: Direktverkauf (www.aziendaagricolastra.it)

In Sinio

Rivetto: Vinidoc (www.vinidoc-schweiz.ch)

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