«Wir verkaufen Handwerk», sagt Vreni Giger, während sie über den glatten Bauch des Keramikengels streicht, der jetzt als winterliche Tischdekoration dient. Diesen Himmelsboten hat die junge Frau mit der scheinbar unerschöpflichen Energie selbst getöpfert – wie auch all die anderen auffälligen ­Objekte im Raum. Auf Komplimente ­reagiert sie bescheiden: «Ach die! Ein weiteres Steckenpferd von mir.»

Dabei hätte die Spitzenköchin allen Grund aufzutrumpfen: Seit sie vor 14 Jahren zum ersten Mal als Köchin über die Schwelle des «Jägerhofs» trat, geht es mit dem Lokal stetig aufwärts. Heute gilt das Restaurant unbestritten als beste Adresse der Stadt. Im Zentrum ihrer Küche stehen keine teuren Produkte, sondern Einfaches, das sie und ihr Team mit viel Können und Handarbeit zu ­einmaligen Gerichten veredeln. Das Konzept der Karte ist ebenfalls unkompliziert. Es stehen je nach Saison vier verschiedene Menus zur Auswahl: Tradition, Vegetarisch, Fisch und Wild. Jedes davon besteht aus fünf bis sieben Gängen. Der Gast darf aber nach Gutdünken kombinieren: Wild mit Tradition, Fisch mit Wild …

Ein Gedicht. Ich entscheide mich für die Tradi­tion: Geflügellebercrème mit Mandeln, wobei die Mandeln auf einem tollen süss-salzigen Biscuit aufgeschichtet sind; Couscous mit pikant gewürztem Pulpo; kleine, feine ­Trüffelgnocchetti; geschmorte Kalbsbäggli mit Sellerie. Kurz: eines meiner absoluten Lieblingsgerichte. Und Vreni Gigers Variante gehört zu den besten, die ich bis jetzt probiert habe. Das Fleisch zergeht einem fast auf der Zunge, die Rotweinsauce ist aromatisch, wuchtig und samtig zugleich und stellt das federleichte Selleriepurée, das als Beilage gereicht wird, trotzdem nicht in den Schatten. Das Essen ist so gut, dass ich sogar auf die Nougatmousse mit Quitten verzichte, um den Geschmack so lange wie möglich im Gaumen zu spüren. Übrigens: Im «Jägerhof» kann man auch wunderschön trinken. Die Weinkarte, von Simone Lanz zusammen­gestellt, ist breit gefächert und voller ­interessanter Gewächse aus der ganzen Welt. Einzigartig ist das Angebot, dass alle Weine unter 95 Franken auch glasweise bestellt werden können.

  • Dauer bis zum ersten Bissen: eine Viertelstunde. So lange kann man die leeren Weinflaschen, die unter der Decke auf einem Balken stehen, betrachten und so sein Weinwissen erweitern.
  • Was man essen sollte: das täglich wechselnde und für seine Qualität ­erstaunlich günstige Mittagessen.
  • Diskretionsfaktor: Ich würde den Lover bedenkenlos mitbringen. Wenn es brenzlig wird, sind die Tische gross genug, dass er sich verstecken könnte.


«Vreni Giger’s Jägerhof»
Brühlbleichestrasse 11
9000 St. Gallen
Telefon 071  245  50  22
www.jaegerhof.ch
Sonntags geschlossen, warme Küche montags bis freitags 11.30 bis 14 und 18 bis 22 Uhr, samstags 17.30 bis 22 Uhr.

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