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Alec von Graffenried liest: «Aufklärung jetzt» 
Beglückendes Plädoyer wider den Zeitgeist

Disclosed book on a table. Close-up.
Quelle: Gulfiya Mukhamatdinova

Steven Pinker präsentiert in seinem neuen Buch einmal mehr seine positive Sicht auf die Welt. Eine Pflichtlektüre für alle, die nach vorne schauen.

Alec von Graffenried*
Von Alec von Graffenried*
06.02.2019

Steven Pinker ist in Kanada geboren und lebt heute in dritter Ehe verheiratet als Professor für Entwicklungspsychologie an der Harvard University in den USA. Neben Fachliteratur verfasst er seit einigen Jahren auch populärwissenschaftliche Abhandlungen. 2011 hat er in seinem Werk «Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit» nachgewiesen, dass entgegen unserem durch Medienberichte genährten Bauchgefühl die Welt nicht immer gewalttätiger wird. Im Gegenteil, sie wird von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt friedlicher, und zwar sowohl, was Gewalt in der Familie, Gewaltkriminalität in unseren Städten, als auch, was kriegerische Gewalt zwischen Staaten und in Bürgerkriegen angeht.

Der Schweizer «Spiegel»-Journalist Guido Mingels liess sich 2017 in seinem Büchlein «Früher war alles schlechter» massgeblich von Pinker inspirieren. Mingels behauptet, entgegen der landläufigen Meinung sei nicht der Optimist naiv, sondern der Pessimist schlecht informiert.

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Alles wird besser

Pinker tritt nun mittels Faktencheck den Beweis an, dass die Welt immer besser wird. In seinem neusten Werk «Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung» wendet er sich der Entwicklung der Menschheit und unserer Erde in den letzten 300 Jahren zu, um auch hier wieder festzustellen: Alles wird besser! Ungefähr entlang der Uno-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung zeichnet Pinker minutiös die Erfolge der Menschheitsentwicklung in den letzten 300 Jahren nach (den rund 550 Seiten Text folgen über 150 Seiten Quellenangaben, die Aussagen sind mit 75 Statistiken hinterlegt).

Steven Pinker «Aufklärung jetzt», Steven Pinker, S. Fischer, 736 Seiten.
«Aufklärung jetzt», Steven Pinker, S. Fischer, 736 Seiten.
Quelle: ZVG

Ähnlich wie für Yuval Harari in dessen Menschheitsgeschichte führten für Pinker Aufklärung, Humanismus und Wissenschaft die Menschheit in eine reine Erfolgsgeschichte. Gewalt, Mord und Totschlag wurden zurückgedrängt, die grossen Bedrohungen für die Menschheit wie Armut, ungebremstes Bevölkerungswachstum, Welternährungskrise können – entgegen den seinerzeitigen Befürchtungen des Club of Rome – in Schach gehalten werden. Bildung, Demokratie und Menschenrechte sind auf dem Vormarsch.

Fakten, Zahlen und anschauliche Beispiele

Den Einwänden der Kulturpessimisten begegnet er mit Fakten, Zahlen und zahlreichen anschaulichen Beispielen. Den Grund für die (in seiner Sicht) grundfalsche und düstere Beurteilung der heutigen Verhältnisse sieht er im grassierenden Zynismus, zudem in gewissen Fehlfunktionen der heutigen Mediengesellschaft.

Doch auch bei Pinker ist nicht alles rosarot. Der Kampf gegen den Klimawandel ist nicht gewonnen, drastische Klimamassnahmen sind nötig, aber auch realisierbar. Dass Pinker dabei eine Renaissance der Kernkraft fordert, sei ihm verziehen, die in den Rezensionen bereits heiss diskutierte Passage des Buches ist nicht viel mehr als eine Fussnote. Interessanter ist da seine These, dass die vorhandenen fossilen Rohstoffe nicht aufgebraucht werden, sondern vorzeitig von erneuerbaren Energieträgern abgelöst werden. Insgesamt eine äusserst inspirierende und ermutigende Lektüre im Kampf wider die «Fake News» unserer Zeit.

*Alec von Graffenried ist Stadtpräsident von Bern.