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Oldtimer-Szene Schweiz: Oldies werden Goldies

Mehr als 200'000 gepflegte und fahrtüchtige Young- und Oldtimer sind auf unseren Strassen unterwegs. Die betagten Autos, für die hohe Preise bezahlt werden, sind zu einem Wirtschaftsfaktor geworden.

Von Autor: Pirmin Schilliger
09.05.2012

Der Oldtimer-Markt in der Schweiz boomt. Dies beweisen die vielen Anzeigen auf Plattformen wie autoo.ch oder classiccar24.ch im Internet. Auf die gefragtesten Fahrzeuge stösst der Kenner allerdings nicht zufällig. Die regelmässigen Auktionen, die in der Oldtimer Galerie in Toffen BE drei- bis viermal jährlich über die Bühne gehen, sind für Liebhaber historischer Fahrzeuge die beste Gelegenheit, eine Trouvaille zu erstehen. Ein wichtiger Treffpunkt ist auch die Sportscar-Auktion, die jeweils im Oktober im Genfer Palexpo stattfindet. Überdies gibt es Messen und Ausstellungen, die in der Szene bekannt sind: So etwa das Oldtimer-Superzentrum in Romanshorn oder – auf der deutschen Seite des Sees – die Messe «Klassikwelt Bodensee».

Einschlägige Adressen sind weiter die Autofocus AG/Goodtimer in St.Margrethen SG und die Touring-Garage in Ober­weningen ZH. Deren Chefin Katrin Rau widerlegt auch klar die Vorstellung, Oldies seien überwiegend ein Hobby älterer, ­nostalgisch gestimmter Herren. «Wir verkaufen an 18- bis 80-Jährige, quer durch sämtliche Altersschichten, und vor allem auch immer mehr an Frauen», sagt Rau (siehe Interview unten). Neueinsteigern rät sie dringend, sich von Profis beraten zu lassen. Wer bei einem Oldtimer nicht die Katze im Sack kaufen wolle, gehe am besten zum seriösen Händler. «Dieser kennt das ­angebotene Fahrzeug in- und auswendig. Zudem kann er es sich nicht leisten, Mängel zu verschweigen, denn für ihn steht der gute Ruf auf dem Spiel», so Rau.

Käufer werden immer jünger – und femininer

Goodtimer-Geschäftsführer Marcel A. Widler spricht von einer in den letzten Jahren stark verjüngten Kundschaft. Jedoch kauften die 30- bis 45-Jährigen vorsichtig ein. Bei einem Preis von 80000 Franken sei meistens Schluss. «Käufer ab 50 Jahren hingegen haben deutlich weniger Hemmungen und offenbar auch die notwendigen finanziellen Reserven», beobachtet Widler.

Klar ist: Wer in einen Oldtimer investiert, sollte sich nicht einzig von Leidenschaft und blinder Liebe leiten lassen. Er braucht Fachwissen, Geduld bei der Suche und Geld. Dies gilt umso mehr, als der Markt gegenwärtig ziemlich verrückt spielt. An Auktionen werden teilweise exorbitante Preise ­bezahlt. Zu den gefragtesten Modellen gehören Fahrzeuge aus der Renn- und Rallyszene: Ferrari, Alfa Romeo, Porsche, Maserati... Wenn es in einer Serie nur noch wenige gut erhaltene Rennmaschinen gibt, werden dafür sechsstellige Summen verlangt. Für den Lamborghini Miura S oder den SV mit Baujahr 1968 bis 1974 sind Preise zwischen 500000 und 800000 Franken durchaus normal. Auch Ferraris aus den 60er- und 70er-Jahren sowie Briten wie Jaguar und Austin Healey stehen hoch im Kurs. Hinzu kommen spezielle Vorkriegsfahrzeuge wie etwa der Alfa Romeo 8C. Unter den Youngtimern ist der VW Bus T1 Kult.

Mehrere Faktoren für Boom verantwortlich

Für den Preisboom sind gleich mehrere Faktoren verantwortlich. Einerseits drängt eine verhältnismässig neue Klientel auf den Oldtimer-Markt. Vor allem reiche Russen grasen seit einigen Jahren die Szene regelrecht ab. Mit dem Rubel rollen vor allem die teuren Oldies. Hinzu kommen Investoren, die den Devisenmärkten seit Beginn der Finanzkrise nicht mehr trauen und nun ihr Geld lieber in Sachwerten anlegen. «Selbst Banker pflichten uns bei, dass ein Oldtimer in der Garage ­sicherer ist als das Geld auf der Bank», meint Widler. Ob allerdings Spekulation das richtige Motiv ist, um einen Oldtimer-Wagenpark anzuschaffen, bleibe dahingestellt (siehe auch Seite 5).

Die Händler selber äussern sich in dieser Frage vornehm zurückhaltend. «Die Preisentwicklung hat zur Folge, dass sich nur noch die Überbetuchten die gefragtesten Modelle leisten können. Das ist nicht unbedingt wünschenswert», meint Reinhard Schmidlin, Geschäftsführer der Oldtimer Galerie. Er spricht damit der Branche aus dem Herzen. Denn was letztlich den echten vom bloss spekulativen Oldtimer-Freak unterscheidet, sind Begeisterung und Leidenschaft für das mobile Objekt der Begierde. Das Halten eines Oldies sollte immer auch Hobby sein und niemals nur eine Einlage für den Tresor.

Natürlich halten gewisse Händler und Käufer solche Roman­tik für verfehlt und sehen die Dinge völlig nüchtern. Schliesslich haben viele Wagen in letzter Zeit jährliche Wertsteigerungen von bis zu 20 Prozent erlebt. Und die Kurve zeigt für die Zukunft weiter steil aufwärts. Für einen Porsche 911 Cabrio (Baujahr 1989), der vor zehn Jahren für 20000 bis 30000 Franken angeboten wurde, werden heute gut und gerne 90000 Franken hingeblättert. Ein Oldtimer ist also durchaus eine ­lohnende Kapitalanlage, auch wenn er keine jährlichen Erträge abwirft, sondern bis zum allfälligen Wiederverkauf nur Kosten verursacht. Und das tut er in der Tat. Der jährliche Betrieb und Unterhalt pro Oldtimer wird auf rund 5000 Franken oder mehr veranschlagt.

Relativiert werden muss allerdings die Vorstellung, Old­timer seien ausschliesslich das Vergnügen reicher Leute. Das durchschnittliche Fahrzeug hat einen Wert von rund 30000 Franken. Bloss 10 Prozent der Fahrzeuge sind wirkliche Luxuskarossen, die einen Sammlerwert von zum Teil deutlich über 100000 Franken aufweisen.

Korrigiert werden muss zudem das Bild vom Oldtimer-Freak, der in seiner Freizeit den Kopf unter die Motorhaube steckt und sich selbst die Hände ölig und schmutzig macht. Die wenigsten Oldtimer-Sammler sind Bastler. Zwar erledigen sie durchaus die eine oder andere Arbeit. Aber für Karosserielifting und Reparaturen werden die Fahrzeuge zum professionellen Spengler und Automechaniker gefahren. Mehrheitlich sind es Betriebe, die sich auf historische Fahrzeuge spezialisiert haben. Sie können sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen.Schliesslich will jede ältere Karosse gehegt und gepflegt ­werden. Wird das Auto nicht auch regelmässig warmgefahren, steht plötzlich ein Blechgreis mit allerhand Standschäden in der Garage. Zu ersetzen sind dann verharzte Radlager, aus­getrocknete Türgummis, mürbe Pneus und tote Batterien.

Die meisten Oldies, wenn sie denn überhaupt im Verkehr sind, dienen als Sonntagsautos, mit denen jährlich lediglich 2000 bis 3000 Kilometer zurückgelegt werden.

Individualismus und Geselligkeit

Viele Oldtimer-Besitzer definieren sich als ausgesprochene Individualisten. Andere wiederum suchen bewusst Geselligkeit und ein Gruppenerlebnis. Dies beweisen die mehr als 100 Klubs mit über 10000 Mitgliedern, die unter Swiss Oldtimers, dem Dachverband für historische Motorfahrzeuge (SDHM), vereinigt sind. Laut Statistik von Auto-i-dat sind in der Schweiz zurzeit 147555 Youngtimer zugelassen, also zwischen 20 und 30 Jahre alte Fahrzeuge. Hinzu kommen rund 68000 imma­trikulierte echte Oldtimer, die 30 Jahre und älter sind. Nicht erfasst sind in dieser Statistik die Museumsstücke: Fahrzeuge, die von ihren Besitzern nicht bewegt und folglich auch nicht eingelöst werden. Angesichts des Wagenparks von annähernd 250000 älteren Autos wird klar, dass der Oldtimer-Markt in der Schweiz zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor geworden ist.

Zusammengerechnet dürfte mit den historischen Fahrzeugen ein Volumen von über 1,5 Milliarden Franken jährlich umgesetzt werden. Die Zahl beruht auf einer hochgerechneten Studie des Dachverbands des SDHM. Wie viele Betriebe mit wie vielen Arbeitsplätzen mit Oldtimern ihr Brot verdienen, lässt sich laut SDHM-Sprecher Dino Graf schwerlich ermitteln. Teilweise ­beteiligen sich an dem Geschäft auch Garagen, die gleichzeitig moderne Autos warten. Mit Sicherheit hängen aber einige Hundert Betriebe mit einigen Tausend Arbeitsplätzen am Oldtimer-Markt Schweiz. Der Wert des Oldtimer-Bestandes dürfte die Schwelle von 6 Milliarden Franken überschritten haben.

HAGI-Index Fällt die Börse, dann steigen die Autopreise

Wachstum
Ein verlässlicher Index für die internationale Preisentwicklung ist der Index Historic Automobile Group International (HAGI). Ins Leben gerufen wurde er vom ehemaligen Investmentbanker Dietrich Halapa. Zwischen 1980 und 2011 verzeichnete dieser Index für aussergewöhn­liche Autos ein jährliches Wachstum von 12,5 Prozent.

Seit drei Jahren werden monatlich gar vier Indizes ver­öffentlicht: Es gibt einen Sammelindex durch alle Marken und Modelle hindurch (Top 50), einen Subindex für Ferrari und einen für Porsche sowie einen Mischindex für Old­timer ohne Porsche und Ferrari.

Vergleich
Herausgestellt hat sich, dass Oldtimer eine ­negative Korrelation zu Aktien aufweisen: Fällt die Börse, steigen die Autopreise und umgekehrt. Im langfristigen Vergleich (seit 1980) haben die Oldtimer im Vergleich zu Aktien wertmässig deutlich stärker zugelegt.

Rekordpreis
Im HAGI-Index ist auch das teuerste Auto ­erfasst, das je verkauft wurde. Es handelt sich um einen Bugatti 57 SC Atlantic. Ersteigert hat ihn im Mai 2010 der amerikanische Milliardär Peter Mullin (71). Er bezahlte mehr als 30 Millionen Dollar. Rückblickend meint er: «Ein Investment in Oldtimer sollte man sich besser zweimal über­legen.» Nicht, dass er seinen Kauf inzwischen bereut hätte. Er habe mit dem Auto viel Geld an einem sicheren Ort ­aufbewahrt, beteuert er. Und mahnt, grundsätzlich solle man ein Auto nur kaufen, wenn man es liebe.

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