Bei Dag Rogge möchte man nicht Auto sein. Zwar achtet der Chef der Land Rover Experience Tour so weit wie möglich darauf, dass wir die harten Stacheln der trockenen ­Büsche nicht zu nah passieren und den feinen englischen Lack schonen. Ganz zu vermeiden ist das jedoch nicht, wenn man querfeldein, querwaldein, querwüstein und quersteppein Pisten sucht, die ent­weder lange nicht benutzt wurden – oder im Grunde noch gar nicht vorhanden sind.

Und hier in den Makgadikgadi-Salz­pfannen im Nordosten Botswanas, auf dem Weg nach Kubu Island, fahren wir stundenlang durch pures Natriumchlorid. Der einstige abflusslose See war 60 000 Quadratkilometer gross und 30 Meter tief. Durch Erdverschiebungen und Klimaveränderungen trocknete er aus – und hinterliess nichts als Salz. Der fieseste Gegner für die Bleche am Auto, denn Salz verwandelt das Metall gnadenlos in braune Rostbrösel.

Anzeige
Anzeige

Nichts als Staub

Ein Abstand von 500 Metern zum vorausfahrenden Landy scheint noch nicht genug – es staubt dermassen, dass man glaubt, das Auto des Vordermannes würde brennen. Trotz geschlossener Fenster und aktivierter Umluftschaltung dringt das aggressive Material ins Auto, kriecht in die Klamotten, setzt sich in Mund und Nase fest. Wir haben das dumpfe Gefühl, das weisse Zeug niemals wieder loszuwerden.

Zum Glück gilt dasselbe für die unglaublichen Eindrücke dieser Reise: Wir sind auf der Suche nach Pisten für die nächste Land Rover Experience Tour (siehe «Fahrzeugtour durch Wald und Wüste»). Seit dem Jahr 2000 haben Dag Rogge und sein Team ein Dutzend Touren auf der ganzen Welt organisiert. Dabei werden üblicherweise acht Kandidaten aus rund 30 000 Bewerbern ausgewählt, um zwei Wochen lang abseits bekannter Wege die Welt in neuesten Land-Rover-Modellen zu erkunden und dabei ein lokales Projekt zu unterstützen. Die 13.  Tour soll im Herbst durchs südliche Afrika führen: Mit aktuellen Land Rover Discovery geht es auf «KaZa»-Tour.

Fahrzeugtour durch Wald und Wüste

Sagt Ihnen der Name «Camel Trophy» noch etwas? Das war von 1980 bis 1999, als die Zigarettenmarke Camel als Sponsor ausstieg, ein jährlicher Trip durch schwieriges Gelände, gern in Urwaldregionen, das Motto lautete «grenzenlose Abenteuer». Schon damals war Land Rover als Steller der Fahrzeuge eingestiegen, seit der Jahrtausendwende führt der Autobauer den Event allein weiter.

Als «Land Rover Experience Tour», die alle zwei Jahre eine Abenteuerfahrt in der ganzen Welt organisiert, diese medial intensiv begleitete Tour natürlich für das eigene Marketing nutzt, aber auch lokale Hilfsprojekte unterstützt: Ende 2019 ist das Kavango-Zambezi-Gebiet des südlichen Afrikas das Ziel für einen Fahrzeugkonvoi aus 15 Autos, besetzt mit den Siegern eines Fahrerwettbewerbes, Presse und TV.

Technische Daten Land Rover Discovery HSE TD6, Baujahr 2019. Motor: Dreiliter-Turbodiesel-V6, Leistung 258 PS, Allrad, Gewicht: 2230 kg, 0–100 km/h: 8,1 s, Vmax: 209 km/h, Wattiefe: 90 cm, maximale Steigung: 70 Grad.

Wandernde Dickhäuter

«KaZa» steht für Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area und bezeichnet Afrikas grössten Schutzgebietsverbund: 2011 haben sich fünf südafrikanische Staaten entschlossen, über Ländergrenzen hinweg mit Unterstützung des World Wide Fund for Nature (WWF) gemeinsam Naturschutzgebiete weiterzuentwickeln. So entstand um die Flüsse Kavango und Zambezi auf 44,4 Millionen Hektar das zweitgrösste Landschaftsschutzgebiet der Erde, in dem rund 300 000 Elefanten leben. Es verbindet 36 Nationalparks und Wildreservate durch Korridore und soll unter anderem den Dickhäutern die Wanderungen ermöglichen. Dafür sind die Gemeinden verantwortlich. Die Folge: Lebende Elefanten sind nun mehr wert als ihr Elfenbein, weil die Ortschaften zum Beispiel an den Einnahmen des Tourismus beteiligt werden. Rogge will neben einem neuen Abenteuer mit seiner medial stark unterstützten Reise das positive Vorhaben bekannter machen und fördern: «So überwindet der Naturschutz Armut.»

Offroad Afrika Wildnis Outdoor Safari

Die Wildnis Afrikas: Ob man auf der Hunters Road fährt, deren Untergrund ständig zwischen trockenster Erde und rotem Sand wechselt, oder sich am Tierreichtum berauscht – auf den Spuren der Dickhäuter zu wandeln, ist so faszinierend wie abenteuerlich. Um einem Rudel Löwen zu begegnen, braucht man aber auch hier schon eine Menge Glück.

Quelle: Craig Pusey

Der Plan: 2800 Kilometer durch fünf afrikanische Staaten. Die Grobplanung sieht vor: Gestartet wird an den Popa Falls in Namibia, dann geht es in und um den Caprivi-Zipfel, eine Ausbuchtung des Staatsgebiets von Namibia, begrenzt von den Flüssen Okavango, Cuando und Zambezi. Der Zipfel berührt Angola, Sambia, Zimbabwe und Botswana. Dort werden diverse Nationalparks wie das Sioma-­Ngwezi-Schutzgebiet touchiert. Geplant ist ein Besuch der Victoria Falls, des höchsten Wasserfalls Afrikas. Von da aus geht es in den Hwange-Nationalpark und über die Hunters Road nach Botswana. Durch die Salzpfannen führt der Weg letztlich zum Ziel nach Maun.

Spätestens, wenn die Diesel in den Notlauf schalten, weisst du: Abenteuer ist, wenn man trotzdem lacht.

Aber ist das auch machbar? Rogge will ja nicht die üblichen Touristenpfade nutzen, sondern so oft wie möglich offroad touren. Ob die auf Militärkarten und mit digitalen Hilfsmitteln ausgewählten Pisten wirklich passierbar sind, kann nur der analoge Test zeigen: hinfahren, die geplante Strecke abfahren, notfalls vor Ort nach ­Alternativen suchen.

Zum Beispiel: Ist die Hunters Road zu schaffen? Das ist ein teils breiter, teils sehr schmaler Grenzstreifen zwischen Zimbabwe und Botswana, der als Untergrund zwischen Sand und Fels alles an Herausforderungen bietet. Und spätestens dann, wenn die Turbodiesel im hochtourigen Sand-Modus auf restlos weichem Geläuf wegen Überanstrengung und mehr als 40 Grad Hitze um Kühlung flehen, indem sie in den Notlauf schalten, weisst du: ­Suche nach Abenteuer ist, wenn man trotzdem lacht.

Land Rover Experience Tour Afrika

Seltene Pause: Die Suche nach geeigneten Pisten für die Haupttour kostet viel Zeit – trotzdem muss ein Tagespensum eingehalten werden. Da gerät der Drink am Strassenrand kurz.

Quelle: Craig Pusey

Diese Einstellung hilft auch an den Staatsgrenzen. An den meisten Übergängen muss man sich bei Verlassen eines Landes per Handschrift in ein grosses Buch austragen (Name, Wohnort, Autokennzeichen etc.), um sich einige Meter weiter im nächsten Land wieder einzutragen. Für die Grenzer ist das ein Ereignis – die kleinen Stationen zwischen Zimbabwe und Botswana passieren pro Tag im Schnitt gerade mal drei Autos. Da haben die Beamten – hier fast immer Frauen – viel Zeit, in den Autos nach Fleisch und Schuhen zu suchen. Fleisch darf man nicht in ein Nachbarland mitnehmen, Schuhsohlen müssen gewaschen werden, damit keine Krankheiten eingeschleppt werden. Auch alle Autos müssen erst durch ein Wasserbad, bevor sie auf die nächsten Rüttelpisten dürfen.

Zwischen Sambia und Zimbabwe wird mir ein Bündel Geldscheine zum Tausch gegen ein paar harte US-Dollars angeboten – eines der bunten Papiere weist sich aus als 50 000 000 000-Zimbawe-Dollar-Note (nicht die Spitze der Inflation: Der grösste Schein war einst bedruckt mit der Summe von 100 Billionen Dollar). Da muss man wissen, dass diese Währung seit 2015 nicht mehr akzeptiert wird – jetzt gelten eben nur noch US-Dollars. Wir verzichten auf den Tausch und gehen lieber Lebensmittel einkaufen. Was für die nächste Überraschung sorgt: Die Preise sind exorbitant. Eine Packung Kekse kostet unglaubliche 16 US-Dollar, drei Ananas 25 Dollar.

Karte Afrika

Der Blick in die Karte muss immer wieder sein.

Quelle: Craig Pusey

Achtung, Wildwechsel!

Auf kaum benutzten Pisten im Hinterland rumpeln wir danach nicht nur über löchrige Schotterwege, sondern müssen auch mit ständigem Tierwechsel rechnen: Unvermittelt kreuzen Elefanten, Antilopen, Giraffen, Gnus, Zebras, Wasserbüffel, Warzenschweine und Affen den Weg, aber auch uns geläufigere Lebewesen wie Ziegen, ­Rinder, Esel und Hühner. Hinzu kommen Millionen von abgebrochenen Ästen und Zweigen, die in alle Richtungen ragen – Folge des ewigen Hungers der vielen Ele­fanten, die hier nicht nur tonnenweise ­Ver­dautes hinterlassen, sondern auch eine ziemlich zerfledderte Buschwüste.

Bisweilen ist auch Zeit für Musse – ob freiwillig oder nicht. Besonders Elefanten können hier zur Ruhe zwingen: Riesige Bullen ziehen mit einer ganzen Herde samt Kälbern durch die Savanne, geleitet nur von Durst und Hunger. Steht man mit seinem Auto im Weg, sollte man vorsichtig, aber zügig Platz machen – so ein mächtiges Männchen denkt gar nicht daran, Umwege in Kauf zu nehmen. Selbst ein mit Zelt, Verpflegung und Ausrüstung voll­gestopfter und deshalb bis zu 2,2 Tonnen schwerer Land Rover ist kein Garant für Unantastbarkeit. Aber wenn sich eine Horde Löwen im Schatten eines Busches genüsslich räkelt, bleibt man selbst auf ­einer Vortour wie der unseren, die wegen häufiger Unplanbarkeit stets unter Zeitnot leidet, stehen und geniesst das Schauspiel.

Outdoor Afrika Land Rover Experience Tour

Trockene Angelegenheit: Der grössere Trinkkünstler ist der Baobab-Baum hinter dem Autor. Die anderen Bäume und Büsche haben es im Sommer schwer, sich gegen Trockenheit und Elefantenfrass zu wehren. Deshalb staubt es auch auf jedem einzelnen Kilometer.

Quelle: Craig Pusey

Die Übernachtung vorbereitet wird meistens dann, wenn die Sonne untergeht. In der Dunkelheit zu fahren, sollte man restlos vermeiden – vor allem Tiere sind eine Gefahr. In stockschwarzer Nacht sind aber auch Schlag­löcher und andere feste Hindernisse kaum zu erkennen. Da nützt es wenig, wenn wir dank Luftfederung die Bodenfreiheit auf maximale 28,3 Zentimeter erhöhen können. Messerscharfe Steine schlitzen hier schon tagsüber grobstollige Offroad-Reifen auf – und das sogar auf den grossen Überlandstrassen, einer Art afrikanischer Autobahn. Wie zum Beispiel die A3 zwischen Raka und Maun in Botswana.

In der Dunkelheit zu fahren, sollte man vermeiden. Vor allem Tiere sind eine Gefahr, aber auch Schlaglöcher.

Wer hier den Verkehr beobachtet, muss glauben, alle Fahrer seien betrunken: Über eine Strecke von rund 100 Kilometern schlingern alle Fahrzeuge, vom Jeep bis zum Truck, in Schlangenlinien über den Asphalt. Oder besser: über das, was davon übrig geblieben ist. Denn dieser Streckenabschnitt besteht eigentlich nur aus verdammt tiefen Schlaglöchern mit spitzen Rändern.

Salzverkrustete Träume

Noch ist geplant, dass sich die Haupttour im Herbst auf die Fährte der Elefanten macht. Vielleicht startet der Tross aber auch später. Rogge überlegt, die nächste Tour in die Regenzeit zu verlegen, um das Abenteuer noch etwas zu verfeinern – bei den dann herrschenden Bedingungen hat noch niemand solch eine Reise gemeistert.

Dann würde allerdings den Teilnehmern entgehen, was wir hier in den Makgadikgadi-Salzpfannen kurz vor Ende der Vortour erleben: am Rande von Kubu Island mit seinen beeindruckenden Affenbrotbäumen direkt auf der Salzkruste ein Lagerfeuer entfachen, die Küche aufbauen, das Abendessen geniessen, den fantas­tischen Sonnenuntergang beobachten, ­einen unverfälschten Sternenhimmel bewundern und dann salzverkrustet in den Schlafsack im Zelt auf dem Autodach für einen traumreichen Schlaf kriechen.

Dieser Artikel erschien in der Mai-Ausgabe 05/2019 der BILANZ.