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Genfer Autosalon 
Fahren war gestern: Das Auto erobert tatsächlich die Luft

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TF-X: An diesem Flugtaxi arbeitet die US-Firma Terafugia. Quelle: Barcroft Media / Getty Images

Fliegende Autos gelten als Zukunftsmusik. Der Genfer Autosalon jedoch zeigt, wie viel Bewegung inzwischen in dem Thema steckt.

Von Gerhard Hegmann und Philipp Vetter («Die Welt»)
10.03.2018

Selbst Volkswagen-Chef Matthias Müller hat keine Zweifel. Am Automobilsalon in Genf redete Müller nicht nur von neuen Modellen auf der Strasse, sondern auch in der Luft. Mobilität werde dreidimensional, sagt Müller. «Das Auto erobert die Luft.»

Der Volkswagen-Konzern stellt derzeit in Genf über seine Tochterfirmen Italdesign und Audi ein gemeinsam mit Airbus weiterentwickeltes Auto-Drohnen-Konzept vor. In das Modell mit dem Namen Pop.Up Next wird alles hineingepackt, was es an neuer Technik gibt. So soll über Gesichtserkennung der berechtigte Fahrer herausgefiltert werden.

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Porsche mit Pläne für Flugtaxi

Das Fahrzeug kann auf der Strasse fahren. Für den Flugeinsatz kommt dann ein Propelleraufsatz von Airbus angeschwebt und wird eingeklinkt. Auch bei Porsche gibt es Überlegungen für eine Fahrzeugdrohne. In nicht zu ferner Zukunft könnte es dazu etwas mehr Details geben, sagt eine Sprecherin.

Der Automobilsalon in Genf, auf dem auch das niederländische fliegende Auto Pal-V Liberty gezeigt wird, ist nur ein Beleg, wie viel Bewegung inzwischen in dem Thema steckt. Meldungen über neue Projekte, Testflüge oder Kooperationen prasseln in immer kürzeren Abständen herein. Es ist eine bunte Mischung aus Firmenneugründungen und etablierten Firmen sowohl aus der Hubschrauber- und Flugzeugszene, aber auch von Autoherstellern.

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Pop.Up Next: Das Drohnen-Konzept von Italdesign und Audi gibt es derzeit am Autosalon in Genf zu bewundern.
Quelle: Keystone

Geely kauft US-Flugzeugautofirma

So hat sich Toyota an einer Start-up-Firma beteiligt, die das fliegende Auto Sky Drive entwickelt. Und der neue chinesische Daimler-Grossaktionär Geely kaufte sich im November in den US-Flugautoentwickler Terrafugia ein. Zuvor hatte sich Daimler schon am deutschen Lufttaxi-Unternehmen Volocopter beteiligt, der sein Modell bereits in Dubai testet.

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Auch das niederländische fliegende Auto Pal-V Liberty wird in Genf präsentiert.
Quelle: Keystone

Die Beratungsfirma Deloitte listete jüngst über ein Dutzend etwas grössere Vorhaben zu fliegenden Autos und Passagier-Drohnen auf. Sie sollen alle in der Zeitspanne bis 2020 entweder ihre Erstflüge absolvieren oder bereits serienreif sein. Etwa ab 2025 könnten die revolutionären Konzepte dann tatsächlich im Einsatz sein, heisst es in der Studie.

Verschiedene Hindernisse 

Die Haupthindernisse seien Sicherheitsfragen, Zulassungsvorschriften und die Steuerung des Flugverkehrs. Dazu gehört auch das gesamte Thema Infrastruktur. Als jüngst die designierte deutsche Ministerin für Digitales, Dorothee Bär, in einem Interview Fragen zum Thema Ausbau der Breitbandtechnik mit dem künftigen Einsatz von Flugtaxis beantwortete, erntete sie dafür viel Kritik im Netz.

Weil Deutschland bei der digitalen Infrastruktur weit zurückliege, sollte dies doch Priorität haben und nicht der Einsatz von Flugtaxis, lautete der Vorwurf.

Doch es gibt auch Unterstützung für die Sichtweise der Politikerin, beispielsweise vom Unternehmer und Risikokapitalgeber Frank Thelen. Der deutsche Unternehmer erinnert daran, dass zwar die Breitbandtechnik ausgebaut werden muss. Deutschland brauche aber auch führende Firmen bei Flugtaxis. Thelen ist selbst als Investor am deutschen Flugtaxi-Entwickler Lilium beteiligt. Die Firma will eine Drohne für fünf Passagiere entwickeln, die bis zu 300 Kilometer weit fliegen kann. Angetrieben von 36 Elektromotoren.

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Das Fluggerät des deutschen Lufttaxi-Unternehmens Volocopter: Hinter dem Unternehmen stehen unter anderen Daimler.
Quelle: Ethan Miller/Getty Images

Deutsche Unternehmen führend

Tatsächlich gehören einige deutsche Unternehmen oder Weltkonzerne mit deutscher Beteiligung zu den Pionieren bei Passagierdrohnen, Flugtaxis oder fliegenden Autos. Unter diesen Oberbegriffen werden verschiedene Arten von Fluggeräten gebündelt, die meist senkrecht starten und landen sowie mit oder ohne eigenem Piloten ihren Flugweg finden. 

Experten sind davon überzeugt, dass die Flugtaxis zunächst im Umfeld von Grossstädten zum Einsatz kommen und sprechen von «Urban Mobility», also städtischer Mobilität.

Luftfahrtkonzerne wollen Geschäftschancen nutzen

Auch die etablierten Luftfahrtkonzerne wittern hier neue Geschäftschancen. Vor einem Monat hob beispielsweise in den USA erstmals eine kleine Version des Airbus-Flugtaximodells Vahana zu einem kurzen automatischen Testhüpfer ab. Etwa ab 2020 sollen Passagiere dann per App das Vahana-Modell mit seinen Siemens-Elektromotoren anfordern.

Die Drohnen-Kapsel soll autonom zum Ziel fliegen können. In Singapur testete Airbus jüngst die kleine Frachtlieferdrohne Skyways, und kürzlich verkündete die Airbus-Helikoptersparte eine Zusammenarbeit mit dem US-Helikopterfluganbieter Fly Blade für elektrische Flugtaxi-Missionen.

Boeing kauft Flugtaxi-Entwickler

Auch Boeing treibt das Thema Flugtaxi mächtig voran. Im Herbst 2017 wurde die Firma Aurora Flight Services gekauft, das Lufttaxis für Uber bauen soll. Boeing-Chef Dennis Muilenburg warnte davor, das Tempo des Umbruchs zu unterschätzen. «Ich denke, dass es schneller gehen wird, als jeder von uns versteht», sagte jüngst der Boeing-Chef. Derzeit würden die Prototypen gebaut.

Der Zeitplan hänge jetzt davon ab, wie schnell die Regulierungsbehörden die «Regeln der Strasse» für den autonomen Flug ausarbeiten. Flotten von Lufttaxis könnten durchaus innerhalb eines Jahrzehnts zur Normalität werden, sagte der Boeing-Chef. Deutsche Firmen wollen jedenfalls dabei sein. Das wird jetzt auch auf dem Automobilsalon in Genf deutlich.

Der Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Der Traum vom Flugtaxi ist tatsächlich so nah wie nie».