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Investitionen 
Warhol statt Aktien: Geldflut lässt Kunstmarkt boomen

«Le Grand Canal (1908)»: Bei der Auktion des Monet-Bildes werden bis zu 45 Millionen Euro erwartet.

Reiche Anleger haben ein neues Objekt der Begierde: Statt in Aktien investieren sie in Kunst. Millionen werden für Gemälde hingeblättert. Das Geschäft von Sotheby's und Co. brummt wie nie zuvor.

Veröffentlicht 02.02.2015

Gold verschwindet glanzlos im Tresor, und selbst Luxus-Yachten verlieren ab einer gewissen Stückzahl ihren Reiz. Wohin also mit dem vielen Geld, fragt sich eine wachsende Zahl besonders wohlhabender Anleger. Viele von ihnen finden die Antwort, wenn bei Kunstauktionen der Hammer fällt: Edvard Munch statt Edelmetall, Andy Warhol statt Aktien - der Kunstmarkt boomt. Gemälde erzielen Spitzenpreise, das Geschäft von Sotheby's und Christie's brummt wie nie zuvor. Gleich bei der ersten grossen Auktion der Saison schickt Sotheby's am Dienstag in London Superstars wie Claude Monet und Henri Matisse ins Rennen.

An einem einzigen Abend könnten dann gut 50 Werke jeweils für Millionensummen - zum Teil zweistellig - den Besitzer wechseln. Im November brachte eine solche Versteigerung impressionistischer und moderner Werke in New York mehr als 420 Millionen Dollar ein - so viel wie noch nie in der rund 270-jährigen Sotheby's-Geschichte.

Die Latte für die in Kürze erwartete Bilanz 2014 liegt hoch. Schliesslich erzielte der Rivale Christie's einen Rekordumsatz von 5,1 Milliarden Pfund (rund 6,8 Milliarden Euro), zwölf Prozent mehr als 2013. Dabei brillierte die Szene schon damals: Laut «The European Fine Art Foundation» (TEFAF) wuchs der weltweite Kunstumsatz 2013 um acht Prozent auf 47,4 Milliarden Euro und lag damit in der Nähe des Höchststands aus dem Jahr 2007 von 48 Milliarden, kurz vor Ausbruch der weltweiten Finanzkrise.

«Neureiche» aus Schwellenländern mischen den Markt auf

«Der Boom ist ungebrochen», sagt Carolin Jost, Kunstberaterin der HypoVereinsbank (HVB). Begonnen habe er in den 1980er-Jahren. «Damals hat die Kunst den elitären Insider-Markt verlassen.» Nach einem Rückschlag in der Finanzkrise sei die Begeisterung der Anleger weiter gewachsen. Dies liege zum einen an der lockeren Geldpolitik der Notenbanken, die für reichlich Liquidität sorge. Zum anderen drängten neue, extrem kaufkräftige Sammler aus Schwellenländern oder den Golfstaaten in den bislang von Amerikanern dominierten Kunstmarkt.

Wie zuvor schon die US-Notenbank Fed pumpt jetzt auch die Europäische Zentralbank mit Staatsanleihekäufen kräftig Geld in den Wirtschaftskreislauf - wohl gut 1,1 Billionen Euro bis Herbst 2016. Die Zinsen sind zudem seit langem nahe null Prozent. Neukunden aus den Arabischen Emiraten geben auf dem Kunstmarkt Petro-Dollar aus, die ihnen aus dem Ölgeschäft zufliessen. Aufstrebende Staaten wie China haben in den vergangenen Jahren hohe Wachstumsraten erzielt und so manchem Geschäftsmann zu Reichtum verholfen.

Nachdem die Volksrepublik den USA auf dem Kunstmarkt 2011 schon einmal den Spitzenplatz abgejagt hatte, bauten die Vereinigten Staaten der TEFAF zufolge ihren Anteil 2013 wieder auf 38 Prozent aus. Der chinesische Markt erholt sich nach einem Einbruch 2012 langsam wieder, er lag 2013 mit 24 Prozent auf Platz drei. Das Gewicht der EU schrumpfte auf 32 Prozent.

Internationale Bieter für Prestige-Stücke

Auch bei der Auktion am Dienstag könnten zwei Prestige-Stücke von Monet, die bisher dem New Yorker Museum of Modern Art und der Londoner Nationalgalerie gehörten, die traditionellen Kunst-Zentren USA und Europa verlassen. «Der Markt für Werke von Claude Monet ist so stark wie nie», erklärt Sotheby's-Managerin Helena Newman. «Dabei kommen die Bieter aus vier Mal so vielen Ländern wie noch vor einem Jahrzehnt.»

In einigen Regionen haben Sammler und auch Museen noch Nachholbedarf an Exponaten lange etablierter Künstler. Doch auch im rasant wachsenden Segment zeitgenössischer Kunst treten bei Top-Auktionen verstärkt Kunden aus China, Indien und den Golf-Emiraten auf. Werke der Nachkriegszeit und Gegenwart machen längst den Grossteil des Marktes aus. Nicht zuletzt der Deutsche Gerhard Richter, der Brite Damien Hirst und der US-Amerikaner Jeff Koons treiben das Geschäft mit Höchstpreisen an.

Augenweide statt Dividende

Leidenschaft, Investment-Strategie, aber auch die Suche nach Status-Symbolen stecken dahinter, wenn für einen Quadratmeter Leinwand mit der richtigen Signatur Millionen hingeblättert werden. «Wie es schon immer in der Geschichte der Kunst war, wird auch gekauft, weil die Menschen andere beeindrucken wollen», sagt Jacob Pabst, Chef der in Frankfurt börsennotierten Online-Kunstplattform Artnet. Trotz zuletzt steiler Entwicklungen fürchtet Pabst keine Spekulationsblase im Gesamtmarkt. Schliesslich gehe es längst nicht in allen Teilmärkten rasant aufwärts.

Weltbestseller wie Warhol und Picasso machen Schlagzeilen, sind aber einer dünnen Sammler-Schicht vorbehalten. «Weltweit gibt es nur eine kleine Käufergruppe, die sich ein Bild über 50 Millionen Dollar leisten kann», erklärt Carolin Jost von der HVB. Doch gerade im etwas niedrigeren Preissegment, in dem Gemälde zwischen 10.000 und 50.000 Dollar kosten, werde viel umgesetzt. «Da geht am meisten über den Tisch.» Allerdings sei der Kauf unbekannter Künstler hochspekulativ. Kunst habe als Geldanlage auch eine emotionale Seite. Umso wichtiger sei es deshalb, den Kunden über den rein monetären auch den inhaltlichen Aspekt zu vermitteln.

(reuters/ccr)

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