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Kunst: Heisse Ware

Am Auktionsmarkt gelten neue Spielregeln, und Werke von «Markennamen» erzielen immer höhere Preise. Warum bloss? Und welche Folgen hat das für Kunstliebhaber?

Von Brigitte Ulmer
am 27.07.2007

Kein Zweifel, die Leute von Sotheby’s und Christie’s feierten dieses Jahr schon im Frühsommer Weihnachten. Die Auktionswoche in London schlug sämtliche Rekorde – momentan das Lieblingswort der Branche –, und die Themse-Stadt kristallisiert sich als neuer Marktplatz für impressionistische, moderne und zeitgenössische Kunst heraus. «Wir führten die bei weitem erfolgreichsten Auktionen durch, die es je in Europa gab», sagt Oliver Barker, Senior Director bei Sotheby’s London, beglückt am Telefon. «Jedes Jahr verzeichnen wir insgesamt Zuwachsraten von 120 Millionen Pfund.»

Obwohl wir auf diesen Seiten gewöhnlich lieber über Kunst als Preisrekorde sprechen, möchten wir uns hier aus gegebenem Anlass der Schönheit und Wahrheit der Ökonomie hingeben. Denn schenkt man den Experten Glauben, haben wir es mit einem Paradigmenwechsel im Kunstmarkt zu tun, bei dem alte Regeln ausser Kraft gesetzt worden sind. Dies ist der stetig wachsenden Gemeinde von Milliardären aus dem Hedge-Fund-Milieu und aus den ehemaligen Schwellenländern zuzuschreiben, die sich nicht an althergebrachte Beurteilungskriterien halten und im grossen Stil im Kunstmarkt mitmischen. Dabei hat sich London, Finanzzentrum und steuergünstige Zweitheimat von russischen Oligarchen, arabischen und indischen Unternehmern, zunehmend als Drehscheibe entpuppt.

Was dies für Folgen hat, zeigen allein die Resultate der Versteigerungen zeitgenössischer Kunst bei Sotheby’s: Für 56 Werke wurden 72,42 Millionen Pfund gelöst. Das ergibt pro Werk einen Durchschnittswert von 1,3 Millionen Pfund.

Christie’s erzielte derweil mit Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst sogar ein Gesamtotal von 74 Millionen Pfund – das höchste Total, das je in einer Auktion für zeitgenössische Kunst in Europa erzielt wurde.

«Wir hatten 15 Werkrekorde», jubiliert deshalb auch Jussi Pylkannen, Europa-Direktor von Christie’s. «Das gibt eine Idee davon, wie stark der Markt momentan ist.» Der Internet-Branchendienst Artprice.com verzeichnete im letzten Halbjahr gar 4023 neue Künstlerrekorde.

Verschiedene Gründe führen zu einer Situation, die in diesem Ausmass in der Geschichte des Kunstmarkts ohne Beispiel ist. Zu nennen wäre, wie erwähnt, die Ankunft einer neuen Käuferschaft auf dem Kunstmarkt, die rasch zu neuem Geld gekommen ist und die ihren neuen Status mit Kunst unterstreichen möchte, dem Mittel zur sozialen Distinktion par excellence. Ausserdem die Etablierung von London als starker Finanz- und Kunstmarktplatz. Dann die Reevaluierung von Kunst im Zeichen der Globalisierung – russische Käufer springen bei Werken von Impressionisten in die Bresche, wo europäische Käufer ausbleiben. Und schliesslich eine neue Haltung gegenüber Kunst als Lifestyle und Investment.

Es handelt sich bei den Auktionsrekordpreisen nicht um Einzelfälle, bei denen sich jeweils zwei Rivalen verbissen in luftige Höhen hinaufbieten. Für ein relativ breit abgestütztes Interesse spricht, dass sich selbst für Topwerke – etwa «Bruce Bernard» von Lucian Freud (7,86 Millionen Pfund bei Christie’s) und «Lullaby Spring» von Damien Hirst (9,65 Millionen Pfund bei Sotheby’s) – bis zu einem Dutzend ernsthafte Interessenten in die Millionenbeträge
hinaufsteigerten.

Ausserdem macht sich eine neue Käuferschaft aus dem Fernen Osten stark bemerkbar: Laut Christie’s-Direktor Pylkannen ging eines der fünf höchstbewerteten Werke an einen Asiaten. Der Christie’s-Mann sieht darin die proaktive Emerging-Markets-Strategie des Auktionshauses bestätigt: «Wir stellen unsere Topbilder auch in Hongkong und Shanghai aus. Damit entwickeln wir einen neuen Kundenstamm.»

Viele Händlerkollegen, so Pylkannen, könnten es kaum fassen, wie rasch sich die Christie’s-Klientel internationalisiert habe. «Wer als Händler der alten Maxime anhängt, New York und London seien die Kunstzentren, der hat ein Problem. Die neuen Käufer sitzen in Moskau, Dubai, Shanghai und Hongkong.»

Diese Internationalisierung setzt alte Bewertungsregeln ausser Kraft. Es lassen sich keine Kaufmuster und keine Markttrends ablesen; ob figurativ oder abstrakt, ob minimalistisch oder expressiv, alles geht. Dies riss den Kunstmarktbeobachter der «Herald Tribune», Souren Melikian, bereits zum maliziösen Kommentar hin: «Das Schöne an den zeitgenössischen Kunstauktionen ist, dass heutige Kunstkäufer nicht engstirnig auf Kunst fokussieren.» Auf was sonst? Auf Markennamen wie «Hirst», «Warhol» zum Beispiel. Nun war es schon immer so, dass auf Auktionen nicht Entdeckungen, sondern etablierte Werte gesucht sind. Gemäss Melikians Analysen besteht jedoch kein Zusammenhang mehr zwischen Preisen und künstlerischer Leistung.

Nun gilt die Regel, dass ein Werk so viel wert ist, wie der nächste Besitzer zu zahlen gewillt ist, und so könnte man diese paradoxe Entwicklung mit Achselzucken kommentieren. Doch wer Kunst überbezahlt, schafft sich nicht nur ein eigenes Problem, sondern auch eines für Museen – und damit für den Museumsbesucher. Denn den Museen, Hort der Bildung, der Forschung und der Expertise, wird bei der inflationären Entwicklung zunehmend die Möglichkeit genommen, ihre Sammlungen weiterzuentwickeln oder Ausstellungen mit hochkarätigen Leihgaben zu bestücken. Wenn die Preise der Werke inflationär werden, schiessen auch die Versicherungssummen in den Himmel. Das Nachsehen könnten dann die Kunstliebhaber haben.

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