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Künstler-Rating 2004: Spieglein, Spieglein, an der Wand

Behauptet sich auf Rang 4: Christoph Büchel («House of Friction, Pumpwerk Heimat», 2002, Sammlung Hauser & Wirth, St. Gallen). (Foto: Philip Schaub/Derek Stierli)

Mit Blick auf die Kunstmesse «Art Basel» misst BILANZ den Puls des heimischen Kunstbetriebs und kürt zum zwölften Mal die prominentesten Schweizer Gegenwartskünstler.

Veröffentlicht 26.05.2004

Wenn David Dimitri im Park der Fondation Beyeler dieser Tage auf dem Hochseil balanciert, so hat dies für den Zustand des Kunstmarkts Symbolkraft. Auf hohem Niveau fiebern die Protagonisten der Szene dem Sommer entgegen, dessen Höhepunkt auch in diesem Jahr wieder die weltweit grösste Kunstmesse, die «Art», bilden dürfte. «Wer in Basel nicht mit dabei ist, erzielt nur den halben Jahresumsatz», bringt ein Zürcher Galerist die kommerzielle Bedeutung der viel besuchten Verkaufsshow auf den Punkt. Für die Künstlerinnen und Künstler stellt die «Art» zumindest einen wichtigen Popularitätsmesser dar. Wer seine Arbeiten auf dieser Plattform präsentieren kann, ist der geschützten Werkstatt entwachsen und spielt in der internationalen Kunstliga mit. Dies gilt etwa für den Schweizer Installationskünstler Christoph Büchel, der sich für seinen diesjährigen Auftritt an der Basler Kunstmesse einmal mehr etwas ganz Besonderes ausgedacht hat. In der grossen Messehalle wird der 38-jährige Shooting Star heuer mit einer aufblasbaren F/A-18 für Furore sorgen. Büchels subversiver Spieltrieb erschöpft sich dabei nicht im Zurschaustellen aufblasbarer Flugzeugattrappen – im Internet hat er kürzlich eine ehemals flugtüchtige Maschine ersteigert und verbuddelt diese jetzt irgendwo in der kalifornischen Wüste. Der gefeierte Nachwuchskreative, der den internationalen Durchbruch längst geschafft hat und im aktuellen Künstler-Rating der BILANZ (siehe nebenstehende Tabelle) wie schon im Vorjahr den hervorragenden vierten Rang belegt, lässt sich neuerdings von der Zürcher Topgalerie Hauser & Wirth vertreten. Gemessen am Aufwand, den Büchel bei seinen ausgefallenen Interventionen betreibt, erscheint das Zusammengehen mit einem kapitalkräftigen Galeristen wie ein logisches Fitting. Iwan Wirth preist den Trash-Poeten aus Basel denn auch als einen «unglaublich authentischen Künstler, wie man ihn selten findet».

 
Die Jury: Experten
33 Kunstsachverständige haben mit der Nennung ihrer Favoriten zum BILANZ-Rating beigetragen. Gewichtet wurden die Anzahl Nennungen pro Künstler (prioritäres Kriterium) und die Platzierung der Namen in den eingesandten Ranglisten (sekundäres Kriterium).
Margrit Baumann, Leiterin Kunsthalle Winterthur; Tobias Bezzola, Kurator Kunsthaus Zürich; Paolo Bianchi, Kurator, Baden; Konrad Bitterli, Kunsthistoriker, Daiwil; Peter Bläuer, Kunstvermittler, Basel; Gabrielle Boller, Kunsthistorikerin, Muri; Lionel Bovier, Verleger, Genf; Markus Brüderlin, Fondation Beyeler, Riehen; Dolores Denaro, Direktorin Centre PasquArt, Biel; Christoph Doswald, freier Kurator und Publizist («SonntagsZeitung»), Zürich/Bern; Gianni Jetzer, Kurator Kunsthalle St. Gallen; Eva Keller, Kuratorin Daros Collection, Zürich; Markus Landert, Direktor Kunstmuseum Kanton Thurgau; Pierre-André Lienhard, Kunsthistoriker; Harm Lux, Ausstellungsmacher; Bernhard M. Bürgi, Kunstmuseum Basel; Heike Munder, Direktorin Migros Museum, Zürich; Beatrix Ruf, Direktorin Kunsthalle Zürich; Sabine Schaschl, Direktorin Kunsthaus Baselland; Nadia Schneider, Direktorin Kunsthaus Glarus; Madeleine Schuppli, Direktorin Kunstmuseum Thun; Martin Schwander, Kunstvermittler, Riehen; Dieter Schwarz, Direktor Kunstmuseum Winterthur; Ursula Sinnreich, Kunstkritikerin, Basel, Claudia Spinelli, Kunstkritikerin, Basel; Markus Stegmann, Kurator Museum Allerheiligen, Schaffhausen; Toni Stooss, Kunsthistoriker/Konservator, Bern; Philip Ursprung, Kunsthistoriker, Zürich; Christoph Vögele, Konservator Kunstmuseum Solothurn; Yvonne Volkart, Kunsttheoretikerin, Zürich; Marc-Olivier Wahler, Direktor Swiss Institute Contemporary Art, New York; Roland Wäspe, Direktor Kunstmuseum St. Gallen; Mirjam Varadinis, Kuratorin Kunsthaus Zürich

Das Nachsehen hat Susanna Kulli, die als eine der Ersten an Büchel glaubte und diesen vor drei Jahren erstmals an die «Art» brachte. Immerhin schaffte es die Galeristin in der Zwischenzeit, zwei der nicht eben wohnzimmertauglichen Assemblagen des montierfreudigen Kreativen an den Mann zu bringen: «Close Encounters», eine eindringliche Container-Installation, die im vergangenen Frühjahr im Zürcher Migros Museum zu sehen war (BILANZ 6/2003), ging angeblich für 75 000 Franken an den Zürcher Kunstsammler und Industriellen Walter Bechtler. Weh tut es Kulli trotzdem, dass einer ihrer begabtesten Schützlinge «fremdgeht»: «Man stellt sich schon die Frage, ob man erneut in junge Künstler investieren soll», sagt sie. Mit dem Genfer Multitalent John Armleder (Rang 5) und dem in Paris lebenden Klebeband-Virtuosen Thomas Hirschhorn (Rang 6) kann die Galeristin weiterhin auf zwei Künstler bauen, die im BILANZ-Barometer seit Jahren auf einen der vordersten Plätze abonniert sind. Was Hirschhorn betrifft, einen Querdenker, der politische Statements nicht scheut und sich mit der Neubesetzung der Schweizer Landesregierung offenbar ziemlich schwer tut, muss Kulli seit den Bundesratswahlen im letzten Dezember zwangsläufig ins Ausland ausweichen: «Solange Blocher in der Regierung sitzt, werde ich Hirschhorn nur noch exterritorial zeigen können», seufzt sie. Womit wir beim weniger spektakulären Teil unseres traditionellen «Schönheitswettbewerbs» angelangt wären: Die Medaillenplätze im Ranking der 50 wichtigsten Gegenwartskünstler der Schweiz gehen 2004 wie gehabt an das Künstlerduo Fischli/Weiss (Rang 1), Videoinstallateurin Pipilotti Rist (Rang 2) und den Ostschweizer Beschleunigungstechniker Roman Signer (Rang 3). «Die Arbeiten von Peter Fischli und David Weiss sind momentan sehr gefragt», erklärt deren Zürcher Verkaufsagentin Eva Presenhuber und relativiert damit den verbreiteten Eindruck, dem Neodadaisten aus Zürich gingen allmählich die Ideen aus: «Die beiden arbeiten sehr substanziell und erfinden nicht jedes Jahr etwas Neues. Echte Sammler schätzen es, dass sie dabei auch Rückgriffe auf ihr eigenes Werk machen.» Zu ihrer im Herbst 2003 erfolgten Re-Emanzipation von Hauser & Wirth verrät Presenhuber nur so viel: «Es war eine freundliche Trennung, und es gibt keine Leichen im Keller.» Unter anderem mit den Werken von Ugo Rondinone (10), Urs Fischer (11) und dem verstorbenen Dieter Roth, dessen künstlerischen Nachlass die gebürtige Österreicherin verwaltet, hat sie in letzter Zeit offenbar derart Kasse gemacht, dass sie es sich leisten konnte, ihren potenten Geschäftspartner auszuzahlen. «Zeitgenössische Kunst ist ein spannendes Investitionsfeld, und es gibt heute mehr Sammler denn je», begründet die Wahlzürcherin ihren Erfolg. Wachsender Popularität im Feld der 50 einheimischen Topkünstler erfreuen sich das Basler Geschwisterpaar Claudia & Julia Müller (Rang 14), Daniele Buetti (19), Adrian Schiess (22) sowie Hanspeter Hoffmann (24). Nach Massgabe der von BILANZ befragten Kunstsachverständigen (siehe Kasten «Die Jury» oben) befinden sich Olivier Mosset (20), Emmanuelle Antille (21) und Nic Hess (30) dagegen eher auf dem absteigenden Ast. Verglichen mit der letztjährigen Auswertung, figurieren sechs neue Namen auf der Liste; bei dreien davon – Marclay (27), Hanimann (38) und Defraoui (41) – handelt es sich in Tat und Wahrheit um alte Bekannte, die zwischenzeitlich vom Radarschirm der Juroren verschwunden waren. Erstmals unter die 50 wichtigsten Gegenwartskünstler des Landes haben es effektiv nur drei Künstlerinnen und Künstler geschafft: die Performerin Victorine Müller (Rang 43), der aus Georgien stammende Collage-Artist Andro Wekua (46) und die Objektkünstlerin Mai-Thu Perret (49). Auch wenn die vorliegende Rangliste nur die Namen der bekanntesten Künstler enthält, zeigt sie doch klar, dass in der Schweiz für genügend Auswahl gesorgt ist und der Kunstbetrieb als Ganzes zu den privilegierten Wirtschaftssektoren gehört, bei denen das Ende der Fahnenstange noch nicht absehbar ist. «Vielleicht geht es dem Kunstmarkt so gut», schliesst Eva Presenhuber, «weil es in der übrigen Wirtschaft überall harzt.»

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