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Art Basel: Wir sind einfach zu populär!

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Marc Spiegler, neuer Co-Direktor der Art Basel, über den Herdentrieb in der Kunstszene, die Suche nach Visionen und seine selektive Auswahl der Messegäste.

Von Brigitte Ulmer
23.05.2008

BILANZ: Die diesjährige Art Basel – die erste, die Sie mitverantworten – findet in der Phase eines beispiellosen Kunstbooms statt. Wann platzt die Blase?

Marc Spiegler: Es gibt viele verschiedene Kunstmärkte, für jede Region,
jeden Stil, jede Galerie und jeden Künstler. Und es gibt immer wieder ein Aufblähen und ein Platzen der Blase. Im Moment aber stelle ich fest, dass es generell immer noch eine ausserordentlich starke Nachfrage gibt nach qualitativ hoch stehenden Kunstwerken.

Es heisst, dass sich, seit Hedge-Fund-Manager Kunst kaufen, die Börsenmentalität in die Kunstwelt fortgesetzt habe.

Die Art Basel ist gewiss keine Plattform für Spekulation, sondern für die besten Galerien, welche die beste Kunst zeigen.

Sie können die Leute aber nicht daran hindern, Kunst an der Art Basel zu kaufen und binnen kurzem wieder ins Auktionshaus einzuliefern.

Nein, es ist auch nicht unser Job, den Galeristen zu sagen, wem sie ihre Werke verkaufen sollen. Doch die Galerien, die es sich leisten können, wählen sehr genau aus, wem sie ihre Werke verkaufen: nämlich jenen seriösen Sammlern und Institutionen, die ihre Werke auf lange Zeit hinaus behalten wollen.

Der Kunstmarkt ist einer Börse doch sehr ähnlich geworden. Bilder, deren Farbe kaum getrocknet ist, werden in Auktionshäuser eingeliefert. Kunst ist ein Investment.

Die neuen Sammler müssen noch verstehen lernen, dass zwischen einem Auktionshaus und einer Galerie ein fundamentaler Unterschied besteht. Wenn man von einem Auktionshaus kauft, begünstigt man das Auktionshaus und den Einlieferer. Wenn man aber in der Galerie kauft, begünstigt man den Künstler, die Galerie und die übrigen Künstler der Galerie. Eine gute Galerie wird den Gewinn, den sie mit dem erfolgreichsten Künstler erwirtschaftet, an die übrigen Künstler der Galerie weitergeben.

Auch Messen wie die Art Basel fördern den Herdentrieb und die Jagd nach grossen Namen.

Es gibt viele verschiedene Sammelmuster. Es gibt solche, die auf die heissen Namen setzen. Aber die wertvollsten Sammlungen – und ich meine nicht nur finanziell, sondern von ihrem kunsthistorischen Wert her – stammen von denjenigen, die gegen den Trend gesammelt haben. Es reicht eben nicht, viel Geld zu haben, um eine interessante Sammlung aufzubauen; man muss auch ein Konzept haben.

Ihr Vorgänger Sam Keller hat mit der Art Basel Miami Beach den Crossover von Kunst und Lifestyle lanciert. Was ist ­Ihre Vision für die Art Basel?

Es ist noch zu früh, etwas darüber zu sagen. Ausserdem ist dies eine zu simple Betrachtung von Sam Kellers Erbe. Sam hat das Phänomen nicht kreiert, dass mehr Menschen Kunst als etwas Wichtiges in ihrem Leben betrachten. Die Popularisierung der Kunst ist ein breites gesellschaftliches Phänomen, für das weder eine einzelne Messe noch eine Einzelperson verantwortlich ist.

Immerhin wurden unter Sam Keller ­immer mehr Sponsoren angezogen, die – von UBS bis NetJets – ihre VIP-Lounges installierten. Die haben wiederum Leute angezogen, die nicht zwingend kunstinteressiert waren.

Es gibt keine Garantie, dass jemand, der zu einer Kunstmesse kommt, zum Sammler wird. Aber ebenso wenig gibt es eine Gewähr, dass man zum Kunstsammler wird, wenn man nie Kunst gesehen hat. Der Fakt, dass sich immer mehr Firmen für die Art Basel interessieren, reflektiert den breiteren gesellschaftlichen Trend der Popularisierung der Kunst.

Sie haben wirklich noch keine Vision, wo die Art Basel in fünf Jahren stehen soll?

Die Art Basel hat sich stets von innen heraus erneuert. Da geht es nicht um einen Fünfjahresplan, sondern um stetes Beobachten. Innovationen wurden bei der Art Basel nie aus der Notwendigkeit einer Erneuerung geboren, sondern weil da Dinge waren, die in der bestehenden Messe noch keine Plattform hatten. «Art on Stage» etwa, eine Zusammenarbeit mit dem Theater Basel, die wir dieses Jahr zum zweiten Mal durchführen, ist eine Reaktion auf die Tendenz, dass Künstler Arbeiten schaffen, die eine grosse Theaterbühne brauchen.

Ein Bühnenwerk kann man schlecht ­verkaufen. Will die Art Basel vertuschen, dass sie eine kommerzielle Veranstaltung ist?

Die Art Basel wollte nie eine traditionelle Kunstmesse sein. Eine herkömmliche Kunstmesse ist eine Quadratmeter-Vermieterin. Der Erfolg der Art Basel basiert aber darauf, dass Programme und Events ohne kommerzielles Denken geschaffen wurden. Es geht nicht nur ums Verkaufen, sondern darum, wie viele Ausstellungen daraus hervorgehen und wie viele Künstler entdeckt werden. Wir wollen einen nachhaltigen Markt, der sich genauso auf Institutionen und Kuratoren wie auf Privatsammler abstützt.

Wenn Inhalte so wichtig sind, warum wird denn ausgerechnet die Stelle der künstlerischen Leitung, für welche die zurückgetretene Cay Sophie Rabinowitz verantwortlich war, nicht mehr besetzt?

Cay Sophie hat aus persönlichen Gründen gekündigt. Es ist deshalb nicht an mir, ihren Abgang zu kommentieren. Bevor Cay Sophie angestellt wurde, hatte die Art Basel immer schon mit externen Kuratoren gearbeitet, und das tun wir weiter. Dass sie die Art Basel verlässt, ist also kein Signal für eine strukturelle Änderung der Art Basel.

Man hört von treuen Sammlern, die noch keine Einladung zur Preview erhalten haben. Gibt es eine Strategie, die Anzahl der Preview-Gäste zu limitieren?

Schon in der Vergangenheit gab es eine reduzierte Anzahl Einladungen. Wir sind einfach zu populär, so ironisch das tönt! Es ist uns wichtig, dass die bedeutenden Sammler und grossen Institutionen Zugang haben. Gleichzeitig ist es aber eine Realität, dass die Zahl von wichtigen Sammlern und Institutionen stark zugenommen hat, während die Art Basel ihre Grösse behalten hat.

Will die Art Basel nicht wachsen?

Es ist eine unserer grossen Stärken, dass wir konservativ sind in Bezug auf eine Expansion. Wir haben zwar neue Plattformen geschaffen, aber nicht in der gleichen Geschwindigkeit, wie sich die Kunstwelt ausdehnt. Das versetzt uns in eine gute Position: Wir können selektiver sein.

Welche Strategie verfolgen Sie bezüglich der in die Kunstwelt aufgestiegenen asiatischen Länder?

Wir sind sehr aktiv dabei, ein feines Netzwerk in diesen Ländern aufzubauen. Es ist aber kompliziert, eine neue Messe zu lancieren. Im Moment ist es sinnvoller, aktiv auf die Sammler, Galerien, Kuratoren und Kunstmagazine dieser Regionen zuzugehen.

Sie laden Sammler aus China und Indien ein?

Genau. Für die Sammler ist der Punkt aber nicht der, ob die Reise oder das Hotel bezahlt wird, sondern dass sie das Gefühl haben, an der Art Basel willkommen zu sein.

An der Art Basel nehmen bloss drei ­Galerien aus China und nur zwei aus ­Indien teil. Spiegelt das wirklich wider, was in der Kunst derzeit passiert?

Wir arbeiten schon lange mit Galerien aus vielen Weltgegenden zusammen. Es wäre nicht fair von uns, eine Galerie zurückzuweisen, mit der wir schon lange zusammenarbeiten, nur weil sich andere Märkte entwickeln. Ausserdem wäre es schlecht für eine Galerie, zu früh an die Art Basel zugelassen zu werden. Wenn sie zu früh kommt und sie den Qualitätsstandard nicht einhalten kann, schadet sie sich selbst. Denn: You never get a ­second chance to make a first impression.

Die Art Basel dauert vom 3. bis zum 8. Juni.

www.artbasel.com

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