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Diebstahl 
Afghanistan und seine geplünderten Kunstschätze

Afghanistan und seine geplünderten Kunstschätze
Polizist in Afghanistan: Machtlos gegen Kunsträuber. Keystone

Im kriegsgeplagten Afghanistan verschwinden Tausende Artefakte. Bauern, Kunstdiebe, Sicherheitskräfte plündern, was das Zeug hält. Denn Käufer gibt es immer.

Das afghanische Nationalmuseum feiert die Rückkehr eines gestohlenen Artefaktes - der Fuss einer riesigen Zeus-Statue aus einer antiken Stadt in Afghanistans Norden. Aber in den Provinzen, wo Krieg herrscht, werden weiter zahllose archäologische Stätten ausgeraubt.

Der Fuss, 21 Zentimeter breit, 27 Zentimeter lang, in einer Sandale mit Blitzzeichen am Riemen und sorgfältig pedikürierten Nägeln, war das erste Stück, das aus dem afghanischen Nationalmuseum verschwand. Draussen tobte der Bürgerkrieg.

Die Widerstandskämpfer hatten gerade die sowjetischen Besatzer aus dem Land getrieben. Nun kämpften sie erbittert gegeneinander und darum, wer über die Hauptstadt herrschen durfte. Raketen regneten auf Kabul hernieder, Feuersbrünste jagten durch die Stadt, als eines Nachts Diebe die Sandsäcke in den Fenstern des Museums beiseite stiessen und in den zweiten Stock hinaufstiegen.

«Der Fuss ist schwer, sie müssen ihn abgeseilt haben», sagt Omar Khan Massudi, der seit 1978 im Museum arbeitet und lange Direktor war. Der Fuss gehört zu einer Zeusstatue aus der griechisch-baktrischen Stadt Ai Chanum, die um 300 bis 400 vor Christus gegründet worden sein soll.

70 Prozent des Museumsbestands weg

Bis zu 80'000 Stücke, rund 70 Prozent aller Funde im Museum, seien zwischen 1993 und 1996 aus dem Nationalmuseum verschwunden, erzählt Massudi. «Afghanistan ist archäologisch interessant, weil es eine lange und reiche Kultur besitzt», sagt Ute Franke vom Islamischen Museum in Berlin, die lange in Afghanistan gearbeitet hat.

Das Territorium, das an wichtigen antiken Verkehrs- und Wirtschaftsknotenpunkten zwischen China und Zentralasien, Indien und dem Iran liegt, war Heim einzigartiger Mischkulturen - wie Baktrien, das sich auch über das heutige Nordafghanistan erstreckte. Funde wie das Baktrische Gold, eine mehr als 20'000 Stück umfassende Sammlung feiner Goldfunde aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, sind weltberühmt geworden.

Die buddhistische Periode ab dem 3. Jahrhundert vor Christus wiederum brachte riesige reich verzierte Klostersiedlungen mit Stupas und Tausenden von Buddhastatuen hervor, unter anderem die Stadt Mes Ainak in der Provinz Logar, die im Wettlauf mit der Zeit gerade ausgegraben wird. Mes Aina sitzt auf einem der grössten Kupfervorkommen der Welt, für das China die Konzession erworben hat.

Wettrennen zwischen Archäologen und Räubern

Zeus' Fuss ist eines der wenigen aus Afghanistan geraubten Stücke, die je heimgekehrt sind - ein japanischer Sammler hatte ihn vom Schwarzmarkt gerettet und zurückgegeben. «Bisher konnten wir nur fünf Prozent der Stücke, die aus dem Museum gestohlen wurden, sicherstellen», sagt der ehemalige Direktor Massudi.

Aber das sei nicht das grösste Problem. Denn draussen im Land, wo ein neuer Krieg herrscht gegen die radikalislamischen Taliban, verschwinden weiter Tausende Artefakte. Bauern, Kunstdiebe, Sicherheitskräfte plündern, was das Zeug hält. Die Antikenpolizei hat gerade mal 500 Mann. Und gleichzeitig finden Archäologen immer neue antike Stätten.

Die französische Ausgrabungsmission Dafa wertet im Auftrag des Präsidenten seit Monaten Luftbilder der Nato und Satellitenfotos aus. Die Experten suchen nach historischen Stätten, deren Umrisse aus tausenden Metern Höhe klar hervorstechen. Die jüngste Karte der Erkenntnisse zeigt mehr als 5000 - «vorher wussten wir von 1268», sagt Dafa-Chef Julio Bendezu.

Gefahr der Verramschung

Raubgrabungen hätten schon fast industrielles Ausmass erreicht, sagt Jolyon Leslie, der seit den 1990er Jahren für den Schutz des afghanischen Kulturerbes arbeitet. Gefördert werden Raubgrabungen durch Armut und den internationalen Kunstmarkt. Mehr Krieg bedeute mehr Armut und mehr Interesse daran, das Erbe in der Erde auszubuddeln und für Mehl oder Medizin zu verkaufen.

Käufer gibt es immer. Seit den 2000er Jahren habe sich in Afghanistan eine richtige Antiken-Mafia entwickelt, sagt Ute Franke. «Die Agenten am unteren Ende der Skala reisen herum und kaufen zum Beispiel den Bauern ab, was die in ihren Feldern oder bei gezielten Grabungen finden.»

Was die Preise auf dem Kunstmarkt angehe, sagt Franke, stehe Afghanistan aber gerade nicht an vorderster Front, denn es gebe derzeit «eine Flut von hellenistischen und prähistorischen sowie islamischen Funden aus anderen Ländern, wie Syrien und Irak».

Das Traurige ist, dass so viele der geraubten Artefakte wohl eher verramscht werden. Dann verschwinden sie auf dem Schwarzmarkt - ohne eine Chance, ins Museum zu kommen wie Zeus' Fuss.

(sda/ccr)

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