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Gesellschaft 
Wie der Terror Europa und seine Werte im Griff hat

Wie der Terror Europa im Griff hat
Brüssel: An mehr Waffen auf den Strassen wird man sich in Europa gewöhnen müssen.  Keystone

Nach dem Terror der letzten Zeit ist eine Rückkehr zum normalen Leben nicht möglich. Die Bedrohung wird weitergehen. Doch um das westliche Wertesystem zu erhalten, reichen Kontrollen allein nicht aus.

Kommentar  
Von Alan Posener
2015-11-25

Zuerst Paris. Dann Bamako. Im «Radisson»-Hotel nahmen islamische Terroristen Menschen aus aller Welt als Geiseln. Muslimische Soldaten und Polizisten aus Mali haben viele von ihnen in Zusammenarbeit mit Spezialkräften aus Frankreich und den USA retten können. Wann kommt der nächste Angriff? Und wo?

Die Angriffe von Bamako und Paris machen ebenso wie der Anschlag auf das russische Touristenflugzeug über dem Sinai, die Bomben auf Ankara und Beirut und die täglichen Messerattacken auf Juden in Israel klar: Die Internationale des Terrors, das Kalifat, das keine Grenzen kennt, greift jene andere Internationale an, die wir zu Unrecht «den Westen» nennen.

Wo der westliche Traum geträumt wird

Der Westen aber, das ist mehr als eine Festung Europa und ein Amerika jenseits des Atlantiks. Der Westen, das ist erstens ein internationales Netz von Einrichtungen: Hotels, Banken, Geschäfte, Botschaften, NGOs, Krankenhäuser, Schulen – alles potenzielle Ziele. Der Westen sind aber auch Millionen Menschen in aller Welt, die den westlichen Traum träumen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand, Toleranz. Auch sie sind Ziele des Terrors der Reinen, der Unerbittlichen, der Todfeinde all dessen, was mit diesem Traum gemeint ist.

Europa kann sich in dieser Situation nicht einigen. Es genügt nicht, die Grenzen dichtzumachen, auch wenn Europas Aussengrenzen in der Tat aufhören müssen, porös zu sein. Es genügt nicht zu sagen, dass man sein gewohntes Leben weiterführen will. Das wird nicht gehen. Man wird sich zu Hause an mehr Kontrollen gewöhnen müssen, an den Blick in die Handtasche und den Rucksack, an mehr Waffen auf der Strasse und vor wichtigen Zielen: Kinos, Supermärkten, Nachtklubs, Stadien. Permanent.

Staatlichkeit verteidigen

Will man sich aber auch permanent damit abfinden, dass grosse Teile der Welt für Menschen aus dem Westen No-go-Areas sind? Dass jede Reise zum Risiko wird? Will man die Millionen im Stich lassen, die vom Westen träumen, so, wie man die Syrer im Stich gelassen hat, die Libyer – und auch die Menschen in Mali und im belgischen Molenbeek?

Wenn man den Westen als Wertesystem nicht aufgeben will, muss man dem Kalifat jene Räume abjagen, von denen aus er seine Terrorangriffe plant, ob im Norden Malis und Nigerias, in Syrien, im Irak und in Europas Städten. Diese Räume müssen dann verteidigt und gut regiert werden. Liberté, égalité, fraternité sind leere Worte ohne Recht und Ordnung. Der Westen, das ist auch Rechtsstaatlichkeit: sollte es jedenfalls sein. Man sagt, nach «9/11» sei die Religion zurückgekehrt. Zurückkehren muss die Einsicht, dass die Staatlichkeit selbst ein prekäres Gut ist. Wo es keinen Staat gibt, herrscht die nackte Gewalt.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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