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Utopien 
Weg mit den Barbaren: «Sapere aude!»

Über das Herz in den Kopf
Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar: «Sapere aude!» Keystone

Wie durchbrechen wir endlich die zerstörerische Kraft der Ökonomien und die Politik der Kriegstreiberei? Die Antwort auf die Schicksalsfrage der Menschheit ist bei Friedrich Schiller zu suchen.

Kommentar  
Von Martin Häusler
2015-06-23

Neuerdings werde ich von einer Frage begleitet. Morgens, wenn ich aufstehe. Tagsüber, wenn ich am Rechner sitze oder mit meinem Sohn spiele. Spätabends, wenn ich schlafen gehe. Die Frage lässt sich nicht einfach so abschütteln, und ich ahne, dass sie angesichts der deprimierenden Nachrichtenlage zu einem ständigen Begleiter werden wird. Sie lautet: «Woran liegt es, dass wir immer noch Barbaren sind?»

Es war Friedrich Schiller, der das vor rund 220 Jahren in seinen Briefen «Über die Ästhetische Erziehung des Menschen» fragte – als eine Reaktion auf seine kriegerische und moralisch verkommene Zeit. Die Freiheit, die die Französische Revolution gebracht hatte, war für ihn eine sehr ambivalente, war sie doch eine durch Barbarei herbeigeführte Freiheit – so als hätte es die Aufklärung nie gegeben.

Barbarentum geht weiter
Schillers Frage gilt – jeder weiss es – noch immer, und heute klingt sie noch drastischer, noch bleierner, noch verzweifelter. Seit Schiller hat die Menschheit ihre grössten Kriege geschlagen, die Atomkraft entfesselt, jetzt droht sie sich durch einen nicht enden wollenden Raubbau an nahezu sämtlichen Ressourcen und einen erdhistorisch einmaligen Klimawandel selbst abzuschaffen.

Sämtliche schmerzhaften Erfahrungen, sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse, sämtliche klugen Bücher und Konferenzen, sämtliche Nobelpreise und genialen Erfindungen, sämtliche humanistischen Errungenschaften und spirituellen Erleuchtungen haben es nicht vermocht, dem Barbarentum ein für alle Mal ein Ende zu setzen.Was muss also noch passieren, ehe wir lernen und im Idealfall die nächsthöhere Evolutionsstufe erklimmen? Im öffentlichen Diskurs dieser Tage ist darüber keine Antwort zu finden. Und auch die fabelhafte Öko-Enzyklika von Papst Franziskus wird trotz breiter Zustimmung höchstwahrscheinlich wenig ausrichten.

«Wage es, weise zu sein»
Schauen wir für die Lösung noch einmal in Schillers Briefe zur Ästhetischen Erziehung. «Es muss (...) in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie noch so hell leuchtete, und der Annahme derselben, auch wenn sie noch so lebendig überzeugte, im Wege steht», mutmasst Schiller.

Für die Auflösung dieser Blockade schlägt er folgende Formel vor: «Sapere aude!» Zu Deutsch: «Wage es, weise zu sein!» Dieses Wagnis würden die Menschen jedoch nur eingehen, wenn sie charakterlich veredelt seien. «Die Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringende Bedürfnis der Zeit», sagt Schiller. Der Weg zum Kopf müsse über das Herz geöffnet werden. Leisten könnten das die «schönen Künste». Damals hat diese Anleitung nichts gebracht, weil sich keiner wirklich drum geschert hat und die gesellschaftliche Durchdringung seiner Thesen recht limitiert gewesen ist.

Neue und unverdorbene Generationen von Managern nötig
Und heute? Sollten wir Schillers «Sapere aude!» wieder populär machen! Tragen wir es ins dritte Jahrtausend und entwickeln daraus eine Utopie der Rettung. Schiller schätzte, dass deren Umsetzung rund 100 Jahre dauern würde. Rettet uns vorher keine Revolution, könnte das hinkommen. Denn spontane Umerziehungsprogramme für die an ihren egoistischen und bequemen Lebensstil gewöhnten Besitzstandswahrer taugen nur eingeschränkt.

Um den Geist der reinen Nächstenliebe in der menschlichen DNA zu verankern, braucht es völlig neue und unverdorbene Generationen von Managern, Politikern, Lehrern, Erziehern, Eltern. Da sich das Rennen um unsere Rettung laut aller Prognosen in diesem Jahrhundert entscheiden wird, zählt also jeder Tag.

«Goldene Regel»
Es ginge in erster Linie darum, Familien, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Vereine und Firmen in die Lage zu versetzen, dem ihnen anvertrauten Nachwuchs Herzensbildung zu vermitteln, gespeist aus einer Lehre vom Menschen, die den derzeit dominierenden Gesetzen von Ökonomie und Militarismus diametral gegenübersteht.

Als Grundlage und gemeinsamer globaler Nenner kann dabei die «Goldene Regel» dienen. Synoptiker haben festgestellt, dass sich das «Behandle deinen Nächsten so, wie du behandelt werden möchtest» in Variationen in den Manifesten nahezu aller ethnischen und kulturellen Gruppen der Menschheit wiederfindet – wir Christen kennen die Goldene Regel vor allem aus der Bergpredigt.

Konzertierte Kunst-Aktion
Eine solche gigantische, auf ein Jahrhundert angelegte Aufklärungskampagne kann man – wie man an Schiller sieht – nicht dem guten Willen überlassen. Sofern eine staatliche Initiative scheitern sollte (für die Finanzierung wäre eine nationale oder sogar globale Vermögenssteuer, nennen wir sie in diesem Falle besser «Rettungsabgabe», denkbar), könnten die christlichen, muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen Gemeinden in einem ökumenischen Kraftakt das Heft in die Hand nehmen.

Sollten uns auch diese Institutionen enttäuschen, ständen in der Tradition Friedrich Schillers zigtausende von Künstlern und Publizisten bereit, um in einer konzertierten Aktion zu versuchen, durch ihre Werke die Herzen der nächsten Generationen zu öffnen – und möglicherweise auch schon jetzt die der Barbaren und ihrer Mitläufer.

Gedichte als Verlangsamer von Zeit
Wäre es nicht ein kleiner Anfang, wenn man sich doch in die Gefilde derer wagte, die uns die Suppe eingebrockt haben, und dafür sorgte, dass Schillers Schönheit Einzug hält und dadurch subtil versucht wird, das Denken und Handeln der Mächtigen zu beeinflussen? Wie könnte das aussehen?

Der Münchner Verleger Michael Krüger machte dazu 2013 einen kreativen Einwurf, indem er vorschlug, Lyrik in die Tagespolitik zu integrieren. «Gedichte sind die besten Verlangsamer von Zeit», sagte er. «Gedichte zu lesen, bedeutet, sich selbst, den Körper, das Bewusstsein, die Aufmerksamkeit zu verlangsamen. Es würde in allen Parlamenten eine andere Sprache gesprochen.» Erst Goethe, dann Griechenlandrettung.

«Literarische Eröffnung»
Solch eine «Literarische Eröffnung» als Ritual vor jeder Parlaments- oder Vorstandssitzung, möglicherweise vorgetragen von den besten Künstlern eines jeden Landes und ergänzt mit Projektionen dieses wunderschönen, blauen, fragilen, durchs All schwebenden Erdballs, würde tief ins Unterbewusstsein unserer Regierenden dringen – und vielleicht die ein oder andere Entscheidung verändern.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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