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Was das skandalöse beim Weinstein-Skandal ist

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Harvey Weinstein: Werden Vergewaltigungen und Missbräuche vorgeworfen. Keystone

Bei dem Skandal um US-Filmproduzent Harvey Weinstein geht es um männliche Macht und weibliche Unterordnung. Das skandalöse daran ist, wie viele Weinsteins es gibt.

Kommentar  
Von Alan Posener
2017-10-23

Ich gebe zu, dass mich die bisherigen Reaktionen auf die Harvey-Weinstein-Affäre ein wenig enttäuschen. «Diese Sorte Mann wie Harvey Weinstein sind ein ödes Auslaufmodell», schrieb Inga Griese im «Iconist». Ihr sekundierte Sarah Pines in der WELT: «Es ist eine ungünstige Zeit für geile Männer, vor allem, wenn sie Professor-Unrat-mässig versuchen, die Demütigung des Alterns durch Sex mit schönen Frauen zu kompensieren.»

Ach ja? Das hätte ich – als alter Mann – vielleicht vor der Affäre ein wenig selbstgefällig auch so gesagt: Wie herrlich weit haben wir’s seit 68 doch gebracht! Aber der Fall Harvey Weinstein zeigt, dass dem nicht so ist. Dieser eine Produzent wurde zwar – nach einem Vierteljahrhundert sexueller Nötigung und Ausbeutung – blossgestellt.

Kein Einzelfall

Glaubt aber irgendjemand ernsthaft, er sei ein Einzelfall? Nicht einmal die beiden zitierten Autorinnen: «Das System», das Männer wie Weinstein «immer noch füttert und schützt, ist krank», schreibt Inga Griese. «Hollywood den Gib-mir-deinen-Körper-und-du-kriegst-die-Rolle-Deal auszutreiben ist, als wolle man dem Katholizismus den Teufel nehmen», so Sarah Pines. Eben.

Doch dann kommt eine merkwürdige Wendung. «Müssen uns die berühmtesten und wohlhabendsten Frauen Hollywoods leidtun, weil ein Alter sie am Schenkel begrapscht hat und sie den Oscar, die Filmrolle, das ‚Vogue‘-Cover bekamen?» Die Frage, die Sarah Pines stellt, ist eine rhetorische, und die implizite Antwort lautet: «Nein.»

Asymmetrie im Machtverhältnis

Doch bin ich grundsätzlich vorsichtig bei Zeitungsartikeln, die ein «Wir» unterstellen, das anscheinend ein Kollektivurteil zu fällen berechtigt ist. Zu diesem «Wir» gehöre ich jedenfalls nicht. Denn es geht doch nicht darum, ob mir Frauen «leidtun», weil sie sexuell belästigt wurden. Schon der Begriff hat etwas Herablassendes. Und es kommt nicht darauf an, ob eine Frau danach oder deshalb Erfolg hatte oder nicht. Davon, dass sie sich von einem Mann sexuell ausbeuten lässt, darf der Erfolg einer Frau nicht abhängen, Punkt.

«Alte Männer mit Macht nutzen Frauen aus, Frauen nutzen Männer aus, vor allem wenn sie alt und reich sind,» schreibt Sarah Pines. Als ob eine Frau, die gegen ihren Willen Sex hat, dasselbe tut wie ein Mann, der eine Frau zum Sex nötigt. Hier besteht eine Asymmetrie im Machtverhältnis. Es handelt sich um eine Demütigung, und da ist die Gedemütigte nicht mit dem Demütiger gleichzusetzen. Selbst wenn die eine oder andere Frau die Demütigung nicht – oder zunächst nicht – erkennt.

Ausbeuterisch und darum falsch

Und dann behauptet Sarah Pines, dass Weinsteins «Hingabe an den eigenen Chauvinismus vielleicht Opfer schaffte, paradoxerweise aber auch tolle Frauen und eindringliche Formen der Weiblichkeit zustande brachte», nämlich in Gestalt der starken Frauen in diversen Filmen, die er produzierte.

Ich sehe über das «Vielleicht» hinweg, mit dem die Aussage der beleidigten, gedemütigten, beschämten und zum Teil vergewaltigten und traumatisierten Frauen infrage gestellt wird. Ich sehe darüber hinweg, dass Weinstein weder die Drehbücher schrieb noch Regie führte und schon gar nicht die Rollen spielte, die wir so bewundern.

Der Punkt ist: Es kommt bei der Beurteilung sexueller Ausbeutung nicht darauf an, ob der Ausbeuter ansonsten ein verdienstvoller Mensch ist. Bill Clinton mag ein grosser Präsident gewesen sein (obwohl ich da meine Zweifel habe): Sein Verhalten gegenüber Frauen war aber nicht nur eines Präsidenten nicht würdig: es war ausbeuterisch und darum falsch. Die von ihm verführte Monica Lewinsky war eine naive junge Frau, zweifelsohne, die sich gern verführen liess. Das gab dem ganz und gar nicht naiven Präsidenten nicht das Recht, Lewinskys Naivität auszunutzen.

Ein auf Hollywood beschränktes System?

Der gegenwärtige Präsident ist bekanntlich der Ansicht, dass berühmte Männer sich mit Frauen alles erlauben können. Berühmte Leute haben meistens irgendwelche Verdienste, aber es ist eben nicht so, dass es deshalb weniger schlimm wäre, wenn sie Frauen belästigen. Notabene: Es geht immer um Frauen in untergeordneter Position. Kein Mann glaubt ernsthaft, sein Ruhm erlaube ihm, mächtige Frauen zu begrapschen, sie mögen noch so attraktiv, ihr Dekolleté mag noch so tief ausgeschnitten sein. Niemand sagt einer mächtigen Frau: «Dann mach doch die Bluse zu.»

Zu Recht schreibt Inga Griese, das System, das einen Harvey Weinstein produziert, fördert, duldet und deckt, sei krank. Aber glaubt irgendjemand, das System sei auf Hollywood beschränkt? In Schulen und Universitäten, Firmen und Verwaltungen, Kirchen und Medien, in Amerika und Europa, im Sozialismus und im Kapitalismus, in demokratischen und autoritären Systemen: mächtige Männer glauben immer noch, von Frauen eine Aufgabe ihrer Menschenwürde als Lohn für Gefälligkeiten verlangen zu können.

Dass manche Frauen glauben, den Deal eingehen zu können, ohne eine Beschädigung zu erleiden, ist in der Regel eine ihrer Unerfahrenheit geschuldete Selbsttäuschung. Vielleicht wurden sie schon beschädigt; vielleicht, war ihre Selbstachtung ohnehin nicht sehr hoch; vielleicht haben sie jene männliche Schutzbehauptung internalisiert, die im Filmtitel zusammengefasst wird: «… Und ewig lockt das Weib.»

Der Fall Weinstein muss politische Konsequenzen haben

Das war ein Film von 1956 mit dem alten Curd Jürgens und der jungen Brigitte Bardot. Der französische Titel lautete: «Et Dieu … créa la femme.» Und Gott erschuf die Frau. Was, wie man zugeben muss, etwas Anderes bedeutet. Freilich erschufen die monotheistischen Religionen ein Bild von der Frau als Verführerin, weshalb sie sich in Gesellschaft verhüllen sollte – nicht etwa der Mann. Zieh das Kopftuch an. Mach die Bluse zu.

Wenn «wir» rhetorisch gefragt werden, ob wir Mitleid haben sollen mit Frauen, die sich angeblich nach oben geschlafen haben, so schwingt dieses Frauenbild mit, das Ergebnis von Machtverhältnissen ist und diese Verhältnisse zugleich zementiert.

1968 hielt die Regisseurin Helke Sander auf einer Tagung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ihre berühmte Rede, in der sie erklärte, das Private – die Art, wie die SDS-Häuptlinge mit Frauen umgehen – sei politisch. Das bleibt 50 Jahre später immer noch wahr. Leider. Der Fall Harvey Weinstein muss politische Konsequenzen haben, sonst hat er keine.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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