1. Home
  2. Kontributoren
  3. Warum wir auf Kollegen allergisch reagieren können

Medien 
Warum wir auf Kollegen allergisch reagieren können

Warum wir auf Kollegen allergisch reagieren können
Niesen: Dreissig Prozent der Bevölkerung sind Allergiker, Tendenz ­steigend. Wikimedia/ James Gathany/ CC

Selbst Hunde und Katzen haben heute Allergien. Es ist also völlig natürlich, wenn auch wir auf einen Mitarbeiter allergisch reagieren.

Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2016-03-31

Auf Röthlin war ich total allergisch. Röthlin arbeitete im zentralen Projektcontrolling. Wenn wir in unserem Bereich eine neue Geschäftsidee ­ausarbeiteten, wurde uns häufig Röthlin als Aufpasser in die Runde gesetzt.

Wenn wir zum Beispiel kreative Ideen für künftige Märkte hatten, forderte Röthlin einen Soll-Ist-­Vergleich über zwölf Jahre mit einer projektierten Plankosten-Abweichungs-Analyse. Das tat er im Tonfall eines Turnlehrers. Wenn er dazu auch noch den Finger in die Luft streckte - was er gerne tat -, bekam ich einen Hautausschlag. Es war vermutlich eine echte Allergie, wie die ­Biologie heute weiss.

Eine Zivilisationskrankheit

Allergien sind ein interessantes Phänomen, weil sie eine Zivilisationskrankheit sind. Dreissig Prozent der Bevölkerung sind Allergiker, Tendenz ­steigend.

Die gängigste Begründung für Allergien ist in der Biologie die Hygiene-Hypothese. Sie besagt, dass der starke Anstieg von Allergien in Industrieländern auf übertriebene Reinlichkeit zurückgehe. Wenn Kinder keinen Kontakt zu Dreck und damit zu Bakterien haben, ist ihr Immunsystem später nicht abwehrbereit genug. Gestützt wird die These dadurch, dass es in Entwicklungsländern mit tiefen Hygienestandards praktisch keine Allergien gibt. Auch im kaum klinischen Mittelalter kannte man Allergien nicht.

Der Fall Röthlin wäre damit geklärt. Hätte ich in meinen Jugendjahren im Sandkasten und hinter dem Misthaufen mehr mit Kindern von Zentralcontrollern gespielt, hätte mein Immunsystem auf Röthlin völlig souverän statt mit einem Ausschlag reagiert.

Ein ­Massstab für die biologische Dekadenz einer Gesellschaft

Allergien, kann man deshalb sagen, sind ein ­Massstab für die biologische Dekadenz einer Gesellschaft. Je künstlicher eine Lebensweise ist, umso höher liegt der Allergiepegel. Je unnatürlicher unser Leben in ­unserer Umwelt ist, umso kaputter ist unser ­Abwehrsystem.

Das beste Beispiel für diese Theorie sind die Haustiere. Sie leben, wie wir, inzwischen ausserhalb von Sandkästen. Über fünf Prozent der Katzen und Hunde haben heute bereits Allergien. Ihre Augen tränen, sie leiden unter Juckreiz, sie vertragen ihr Futter nicht. Bereits gibt es eine blühende Industrie, die spezielles Futter für diese tierischen Patienten herstellt. Stark ausgeprägt ist beispielsweise bei Hunden eine Fleisch­allergie. Am besten, kein Witz, vertragen sie noch Kängurufleisch.

Man nennt das «modern living». Selbst Haustiere leben heute in einer derart künstlichen und asep­tischen Welt, dass sie die echte Welt nicht mehr ­vertragen.

Eine Menschenallergie

Und damit kommen wir allmählich zurück zu Röthlin. Viele Katzen haben heute schon eine Menschenallergie. Wenn Herrchen in die Nähe kommt, dann müssen sie niesen, und manche bekommen Asthma. Wenn also selbst Katzen allergisch auf ­Menschen reagieren, dann müssen Menschen erst recht allergisch auf Menschen reagieren. Wir bekommen einen Hautausschlag, wenn ein Röthlin im Tonfall eines Turnlehrers den Finger in die Luft streckt.

Unsere Bürowelt ist steril und klinisch rein, nicht nur physisch, sondern vielmehr noch psychisch. Wir wühlen argumentativ nicht mehr im Dreck. Wir sagen uns in Sitzungen keine schmutzigen Dinge mehr. Wir gehen miteinander um, wie wenn wir geistige Plastikhandschuhe trügen. Unser mentales Abwehrsystem wird damit ruiniert.

Wir sagen Röthlin nicht, dass wir ihn für ein Arschloch halten. Wir bekommen lieber einen Hautausschlag.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Anzeige