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Warum Serien gar kein Fernsehen sind

Warum Serien gar kein Fernsehen sind
Kevin Spacey in «House of Cards»: Gute Serien werden kaum im TV geschaut.Keystone

Kino, TV, Streaming: Den neuen Herren des internationalen Films ist das Medium egal. Sie wollen die Vertriebswege beherrschen. Was Netflix und Sky & Co. mit den Eigenmarken von Aldi zu tun haben.

Kommentar  
Von Hanns Georg Rodek
2015-06-18

Eigentlich müsste das Fernsehen triumphieren. Junge Leute veranstalten Komaguck-Abende mit Serien. Wer sich als hip betrachtet, redet über «Breaking Bad» statt über «Star Wars: Episode 7». Jeden Monat kündigt ein weiterer renommierter Regisseur an, eine TV-Serie drehen zu wollen. Selbst die Berlinale ist im Frühjahr erstmals richtig auf den Serienzug aufgesprungen und hat zwei Elf-Stunden-Marathons veranstaltet, jeweils die ersten beiden Folgen von vier neuen Serien.

Merkwürdig, wie wenig das Fernsehen seinen Sieg feiert. Doch es weiss, dass es sich um einen Pyrrhussieg handelt. Einst schlug der griechische Feldherr Pyrrhus unter heftigen Verlusten die Römer und sagte danach: «Noch solch ein Sieg, und wir sind verloren.» Er hatte gespürt, dass dieser Sieg seine Substanz aufgezehrt hatte.

Fragt man sich, worin die Substanz des Fernsehen, wie wir es seit 60 Jahren kennen, liegt, dann doch wohl darin: Wir setzen uns vor das Gerät, schalten zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Sender ein und konsumieren das Programm bis zum Ende.

Heute gilt: Je besser eine Serie ist, desto weniger wird sie im Fernsehen geschaut. Auf einem Bildschirm, ja – aber in Eigenregie. Von einer DVD, einem Streaming-Dienst, raubkopiert. Wann der Zuschauer will, wie lange er will. Der Sender taucht noch als Produzent oder Geldgeber im Abspann auf.

Eine der schicksalhaftesten Entscheidungen, vor denen Sender stehen, ist diese: Wo sollen sie ihre Serie zeigen? Eine Woche vor der Ausstrahlung auf ihrer Webseite? Oder eine Woche danach? Wer sieht die fabelhafte Serie dann in ihrem Hauptprogramm? Wie sehr wird die Quote reduziert? Wie viele gesaugte Exemplare werden bald durchs Netz geistern?

In mehr als zwei Wochen 62 Episoden von «Breaking Bad»

Dann sind da die merkwürdigen Vorgänge im Berliner Babylon-Kino, direkt gegenüber der Volksbühne. Seit Anfang Juni läuft dort «Breaking Bad». Jawohl, die gehypteste aller «Fernseh»-Serien, die man überall bekommen kann, auf Sendern und DVDs, per Stream und Netz, diese Filme laufen vor 300 bis 400 Zuschauern, vier Folgen von 20 Uhr bis Mitternacht, und am Ende werden alle 62 Episoden gezeigt worden sein.

Alles kann und wird überall gezeigt werden, weil das digitale Trägermedium dies erlaubt und weil die Gewinnmaximierung dies verlangt. Man sieht: Das mit der Verlagerung des Leitmediums vom Kino ins Fernsehen ist ziemlicher Quatsch. Ein Leitmedium gibt es nicht mehr, nicht einmal das Internet, denn man muss das Netz wohl weniger als gestaltetes Medium betrachten denn als Distributionskanal. Überhaupt lautet das Schlüsselwort: Distribution!

Wenn Künstler zum Fernsehen strömen, hat dies zunächst den einfachen Grund, dass Hollywood für die meisten Regisseure und Drehbuchautoren inzwischen verdorrte Wüste ist, künstlerisch gesehen. Die ganz Grossen, wie Martin Scorsese und David Fincher, besitzen gerade noch genug Einfluss, um ihre Projekte so durchzusetzen, wie sie sie in ihrer Vision sehen. Alle anderen unterliegen dem Diktat der Buchhalter, dem Fortsetzungsterror, dem Sicherheitsdenken, nachdem man lieber Teil acht einer Superheldenserie produziert als eine noch nie erzählte Geschichte.

Ins Fernsehen .... nein, falsch, nennen wir es neutral «Reich der Geschichtenerzähler»: In dieses Reich strömen die Regisseure, weil man sie dort nicht mit absurden Vorgaben zwecks Vermarktungskompatibilität belästigt. Für Schauspieler stellen Serien eine Beschäftigungsgarantie dar, ein, zwei, drei Jahre; dauert es länger, verwandelt sich die Existenz-Sicherung zunehmend in eine -last.

Es geht darum, eine Marke aufzubauen

Sie erhalten dort – momentan – diesen Freiraum, weil sie Seitenwechsler sind. Im Kalten Krieg hat der Westen immer dafür gesorgt, dass es geflohenen Ost-Dissidenten gut ging, und beim Filmemachen ist Hollywood momentan wie der alte Ostblock, und Netflixe und Amazons locken wie einst der freie Westen.

Woody Allen, der für Amazon eine Fernsehserie drehen soll, bringt das Prestige, das der neue Mitspieler am Markt braucht. Es geht darum, eine Marke aufzubauen, ein «Haus Netflix», das für mehr steht als für einen Verteilkanal, so wie Disney für eine bestimmte Art von Filmen steht. Deshalb werden Allen & Co. Freiheiten zugebilligt.

Man muss allerdings die Perspektive sehen: Aktuell werden für das amerikanische Fernsehen rund 1500 verschiedene Serien gedreht. Diese Freiheit, nach Qualität streben und Geschichten und Charaktere in aller Ausführlichkeit auserzählen zu können, besitzen 15 bis 30 Serien, also ein bis zwei Prozent. Das Geschwärme von der Überlegenheit amerikanischer Serien über deutsche ist eine perspektivische Täuschung, denn wir bekommen (zum Glück) über 90 Prozent der US-Produktion nicht zu sehen – wohl aber 100 Prozent der eigenen, inklusive der unterirdischen.

Die Regisseure und Autoren werden so lange ihre Freiräume behalten, so lange das Finanzierungsmodell stimmt. Das stimmt allerdings schon jetzt nicht wirklich. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Was Amazon und Google und Netflix in ihre Filmproduktion stecken, refinanziert sich noch lange nicht. Es ist wie bei dem Taxi-Dienst Uber, der eine riesige Kriegskasse besitzt, um den bestehenden Markt erst kaputt machen und dann mit den Preisen anziehen zu können.

Alles sofort und dann, wenn es die Arbeit zulässt

Wir haben es einerseits mit einer neuen technischen Entwicklung zu tun – der Vereinigung aller Trägermedien in einem, dem Digitalen – und andererseits mit einem guten alten wirtschaftlichen Vorgang: Neue Mitspieler versuchen den Markt zu übernehmen, indem sie die Verteilung übernehmen und dabei zwei wesentliche gesellschaftliche Trends bedienen: unsere Ungeduld, alles sofort haben zu müssen, und den absoluten Primat der Arbeit, der sich den Teufel um feste Sendezeiten schert.

Netflix ist für den Film das, was Aldi oder Carrefour für Lebensmittel sind: das mächtige Bindeglied zwischen Hersteller und Konsument, das dem einen maximalen Absatz und dem anderen maximale Auswahl verspricht und am Ende beiden die Preise diktiert. Die Parallele geht bis hin zur Markenbildung, wenn der Verteiler eigene Marken aufzubauen beginnt: «ein Netflix-Original» ist die Parallele zu «Bauernglück»-Fleisch bei Aldi oder «Grafenwalder»-Bier bei Lidl.

Wir haben es also einerseits mit einer Verlagerung des Marktes zu tun – vom Kino und vom Fernsehen zu den Streaming-Diensten – und andererseits mit der Flucht der Künstler an einen ihren Talenten angemessenen Arbeitsort. Letztendlich ist es auch ein Kampf zwischen amerikanischen und europäischen Geschäftsinteressen.

Es gibt – mit der möglichen Ausnahme des französischen Canal+ – keinen europäischen Mitspieler, der ähnlich in Vorleistung gehen könnte. So reden jetzt zwar auch ARD und ZDF und RTL und die Dänen und Italiener und Schweden von «Qualitätsserien», aber die grosse Frage stellt sich, ob sie von den Ressourcen her mithalten können – denn im Gegensatz zu ihrer amerikanischen Konkurrenz haben sich hier keine neuen Geldquellen aufgetan.

Amerikanische Konzerne können sich Serienpleiten leisten

Das wiederum hängt damit zusammen, dass die amerikanischen Konzerne weltweit horizontal integriert sind. Sie können nicht nur einen Film am gleichen Tag in zehntausende Kinos quer über den Erdball bringen, sie können auch über ihre Streaming-Dienste alle elektronischen Vertriebswege nutzen und kontrollieren. Und Konzerne können eine Gesamtrechnung aufmachen, sich mit den Gewinnen eines Blockbusters einmal 100 Millionen Verlust in der Serienfinanzierung leisten.

Die Europäer haben immer nur ein Produkt, einen Kinofilm oder eine Serie, und das verkauft sich oder treibt seinen Produzenten in den Ruin. Und jetzt soll ihnen durch TTIP noch verboten werden, dieses Produkt an separate Rechteinhaber in einzelnen Ländern zu verkaufen.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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