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Führungsexperimente 
Warum Millionen Amerikaner Trump wählen

Warum Millionen Amerikaner Trump wählen
Donald Trump: Unsicherheiten sind Nährboden für die Trumps dieser Welt. Keystone

Die Führung unserer Wirtschaft und Gesellschaft steckt in einer Vertrauenskrise. Die Trumps dieser Welt sind Symptome und Vorboten zugleich.

Kommentar  
Von Hermann Arnold
2016-11-01

Es ist nicht egal, ob Donald Trump nächster amerikanischer Präsident wird oder nicht. Doch unabhängig davon zeichnet sein ungeahnter politischer Aufstieg ein fast schon groteskes Bild von Systemversagen. Warum werden wahrscheinlich mehr als 50 Millionen Amerikaner Trump wählen?

Wir spüren allenthalben, dass unsere Systeme an ihre Leistungsgrenzen stossen. Die grossen Unternehmen sind zu Kolossen geworden, in denen Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermassen verzweifeln. Frustration, Zynismus, Krankheit, Ausbrennen und Schlimmeres sind die Folgen. Der Druck der Veränderung ist immens. Die Werkzeuge, diesem Druck zu begegnen, sind unzureichend.

Etwas Ähnliches erleben wir in der Gesellschaft. Wir spüren vermehrt, dass unsere politischen Systeme keine nachhaltigen Lösungen erzeugen. In den USA gibt es seit Jahren einen Stillstand. Europa ist nicht besser. Gleichzeitig werden die Herausforderungen und Unsicherheiten immer grösser. Das ist der Nährboden für die Trumps dieser Welt, in den USA und auch in Europa.

Ein vernünftiges Verhalten des Systems

In Zeiten weitgehender Zufriedenheit werden systemkonforme Kandidaten gewählt. Warum sollte man etwas ändern, wenn alles gut läuft? Die Wahlgewinner haben typische Karrieren absolviert und sich im System bewährt. Sie bergen wenig Risiko.

In Zeiten zunehmender Unzufriedenheit tendieren unsere Systeme dazu, unübliche Kandidaten zu wählen. Das bestehende politische System hat keine zufriedenstellenden Lösungen geliefert. Also wird der Ruf nach «Anti-Establishment» laut. Ein immer grösserer Teil der Wähler ist bereit, ein erhebliches Risiko einzugehen, um (andere) Resultate zu erzielen.

Das Ergebnis aus historischer Brille: Entweder gelingt es dem Aussenseiter, das System so zu verändern, dass es wieder zufriedenstellende Lösungen erzeugt. Oder dieses Experiment beschleunigt den Zerfall. Schumpeter’s schöpferische Zerstörung im gesellschaftlichen Kontext.

Alternativlose (Un-)Heilsbringer?

Selbst Unternehmen schaffen es nur vereinzelt, sich ohne grosse Krise und ohne externe Führungskraft zu wandeln. Obwohl der direkte Wettbewerbsdruck dabei helfen sollte. Und obwohl sie im Vergleich zum politischen System einfacher zu reformieren wären.

Viele Unternehmen gehen trotz dieser «Vorteile» in Konkurs und müssen Wettbewerbern weichen. Ein Szenario, das wir im gesellschaftlichen Kontext nicht erleben wollen. Unwahrscheinlich ist es jedoch nicht, wenn wir nur etwas in die Geschichte schauen.

Was sind Alternativen zu den Trumps dieser Welt? Offensichtlich keine Berufspolitiker. Und offensichtlich keine auch noch so begnadeten Heilsbringer. Der Pfad zwischen Licht und Feuer ist zu schmal.

Somit bleiben nur wir. Wir, die wir niemals politisch tätig werden wollten. Wir, denen das alles zu mühsam, zu schmutzig, zu wenig zielführend ist. Wenn wir unser Schicksal nicht selbst in die Hand nehmen, dann sollten wir uns nicht wundern.

Die Werkzeuge, um als Zivilgesellschaft tätig zu werden, gibt es endlich. Wir müssen sie nur nutzen. Das wäre ein echtes Führungsexperiment. Und eines, das dringend notwendig ist.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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