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Warum auch «Die Partei» Toleranz verdient

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«Die Partei»: Die Satiregruppe zieht immer wütendere Kritik auf sich.Keystone

Die deutsche Satiretruppe «Die Partei» erlaubt sich schwer auszuhaltende Unschärfen. Dennoch verdient sie Toleranz. Denn sie ist die Rendite der luxuriösen politischen Stabilität der Bundesrepublik.

Kommentar  
Von Ulf Poschardt
2017-09-18

Natürlich wähle ich nicht Die Partei. Sondern Erststimme CDU, Zweitstimme FDP. Weil ich glaube, dass unser Land wirtschaftlich stark sein muss – um Schwachen, Flüchtlingen und Kindern mit Aufmerksamkeit und Solidarität begegnen zu können. Aber das nur unter uns. Bitte erzählen Sie es nicht weiter.

Dennoch verstehe ich nicht, welche Wut sich gerade auf Die Partei entlädt, als wären die situationistischen Interventionen eines Komödiantenstadls für das politische Elend dieses Landes verantwortlich. Sie haben die Facebook-Gruppe der AfD gehijackt, jede Menge fantastischer Gag-Plakate produziert (und einige widerliche) – aber der beste Moment bislang war die wütende Erdogan-Rede von Martin Sonneborn im Europaparlament.

Grundbedingung geistiger Freiheit

Und das soll jetzt alles schlimm sein. Als wäre der gallige Humor schuld am Aufstieg der radikalen Rechten und dem Abstieg von Rot-Grün. Es ist mitnichten so. Eher im Gegenteil: Humor ist Ausweis und Grundbedingung geistiger Freiheit und intellektueller Souveränität.

Die Partei ist ein Ergebnis – man könnte auch sagen: die Rendite – der luxuriösen politischen Stabilität der Bundesrepublik. Systemtheoretisch ist sie eine Fundamentalkritik des Status quo im Geiste seiner historischen Ursprünge. Sie steht ganz auf dem Boden des Grundgesetzes und erinnert mit dem heiligen Unernst ihres Gründers Martin Sonneborn an den Kern der Verfassung: an Meinungs-, Kunst- und Medienfreiheit.

Sonneborn impft mit seinen Provokationen das System gegen die Krankheitserreger des Autoritären, Asozialen, Antidemokratischen. Er will, wenn ich ihn richtig verstehe, die Immunkräfte unserer freiheitlichen Demokratie schützen.

Die Partei erlaubt sich schwer auszuhaltende Unschärfen, etwa wenn sie sich nicht entscheiden kann oder will, ob sie Politik machen oder diese einfach nur vorführen möchte. Dass Bürger sie in das Europa-Parlament gewählt haben, spricht dafür, dass es eine Sehnsucht nach einer radikal freisinnigen Tonspur zu den etablierten Riten gibt. Diese können die Kritik auch aushalten. Und falls nicht, wäre das als Krisensymptom seinerseits ernst zu nehmen.

Wir lassen uns nachhaltig irritieren

Die aktuelle Verachtung für Die Partei, auch von wunderbar freiheitlichen Blättern wie der «taz» und von sympathischen Humanisten wie Sascha Lobo vorgetragen, signalisiert vor allem eines: Dass wir im Begriff sind, uns zu verändern – in Reaktion auf die in ihrer Rechts-Drift von einer Widerwärtigkeit zur anderen eilende AfD.

Wir, die liberalen Demokraten der Mitte, ändern unsere Art, über Politik nachzudenken – und tun genau das, was wir nach Terroranschlägen nie tun wollten: Wir lassen uns nachhaltig irritieren. Diese Nervosität macht die AfD und andere Widersacher unserer aufgeklärt liberalen Demokratie stark. Sie wittern die Verunsicherung.

Avantgarde bürgerlicher Lebensfreude

Wenn die Liberalen aller Parteien anfangen, ausgerechnet jene zum Problem zu erklären, die die Avantgarde einer bourgeoisen Lebensfreude und eines moralischen Hedonismus sind, wird es gefährlich und bizarr. Die Humorlosigkeit der Linken wie der Rechten verbindet sich aufs Unseligste. Beide Extreme reissen allzu gern Zitate aus dem Kontext, um damit gegen die Absender zu agitieren.

Der Irrsinn der politisch korrekten Sprachsäuberungen ist für den ekelhaften Anti-PC-Backlash mitverantwortlich. Genauso wie der Glaube, dass die Medien schuld sind an den unansehnlichen neuen Rechten, weil sie gewisse Themen nicht mehr tabuisiert haben.

Die AfD wird der grosse Gewinner des Wahlsonntags werden. Da bin ich mir ganz sicher. Und alle Demokraten, die dies bedauern, sollten sich, jeder an seiner Stelle, Gedanken darüber machen, was sie falsch gemacht haben. Damit hat jeder (auch wir, auch ich) genug zu tun. Schon jetzt vorauseilend Sündenböcke in die Manege zu führen, ist gänzlich ungeeignet, die Wucht der bevorstehenden AfD-Wahlerfolge abzufangen.

Martin Sonneborn und seine Partei verdienen nicht unbedingt Respekt, weil das für die Macher dieser Partei die vollkommen falsche Kategorie wäre, aber sie verdienen zumindest Toleranz. Ihre Zumutungen, ohne die es noch homogener wäre in unser Parteien- und Geisteslandschaft, müssen aushaltbar sein. Die Vorwürfe, das alles wäre elitär, bourgeois, amoralisch, snobistisch (so die «taz»), sind grotesk und alarmierend.

Wen repräsentiert Die Partei?

Und wenn Sascha Lobo von «Privilegierten-Hupe» und von Ironie als «Klosett» schreibt, dann frage ich mich, ob wir liberalen Demokraten nicht gerade die Nerven verlieren. Wenn Die Partei verachtenswerter sein soll als die AfD (so die «taz»), bin ich allerdings sprachlos. Natürlich repräsentiert Die Partei etwas: Nämlich jene Wahlberechtigten, die sich in der Rhetorik, im Stil der Programme und der unansehnlichen Plakate nicht wiedererkennen.

Das ist bürgerlicher Selbsthass, den man sich erlauben kann, aber nicht muss. Für die Freiheit, für Die Partei. Ach ja: Bei Hegel, der eigentlich immer recht hat, wie wir Sozialliberalen wissen, steht der subjektive Humor am Ende der romantischen Kunst. Er ist gewissermassen die Königsdisziplin. Jenes Kapitel in Hegels «Ästhetik», in dem der hyperernste Schwabe den anarchischen Humor von Laurence Sterne feiert, sei dringend zur Lektüre empfohlen. Doch das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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