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VWs verpasste Chance zur Milliarden-Werbekampagne

VWs verpasste Chance zur Milliarden-Werbekampagne
Volkswagen: Wenige VW-Besitzer werden gross entschädigt.  Keystone

Erleichtert schliesst VW in den USA mit der «Dieselkrise» ab. Die Strafe von 4 Milliarden Dollar weckt aber Fragen - und Ideen. Wo die Milliarden der Autobauer wirksamer angelegt wären.

Kommentar  
Von Henryk M. Broder
2017-01-16

Vier Milliarden Euro sind für normale Menschen eine unvorstellbare Summe. Der Bau der Hamburger Elbphilharmonie hat fast 800 Millionen Euro gekostet, ursprünglich waren 186 Millionen eingeplant. Der neue Berliner Flughafen sollte anfangs 2,5 Milliarden Euro kosten, bis jetzt wurden über fünf Milliarden verbaut. Und sollte der Airport jemals in Betrieb gehen, könnten es am Ende sechs bis sieben Milliarden Euro werden.

Vier Milliarden sind eine Vier mit neun Nullen, viertausend Millionen! Der Haushalt der Stadt Köln für das laufende Jahr liegt bei 4,2 Milliarden. Und Köln ist immerhin eine Millionenstadt.

Nur eine Minderheit auf US-Strassen

Wie komme ich ausgerechnet auf vier Milliarden? Weil der deutsche Volkswagenkonzern sich soeben gegenüber dem amerikanischen Justizministerium verpflichtet hat, eine Strafe von umgerechnet vier Milliarden Euro zu bezahlen – wegen «Behinderung der Justiz» und «verschwörerischer Umweltverschmutzung».

Es ist die höchste Strafe, die einem Autokonzern in den USA je auferlegt wurde, weil er Auflagen nicht eingehalten und die Abgaswerte von elf Millionen Autos nach unten «korrigiert» hatte; allerdings war von dieser Nachbesserung nur eine halbe Million Autos in den USA betroffen. Die übrigen zehneinhalb Millionen Volkswagen sind ausserhalb der USA unterwegs.

Erleichterung bei VW, Fragen bei mir

Was mich an dieser «Einigung» am meisten überraschte, war nicht die Summe, sondern die Erleichterung, mit der sie von den Betroffenen aufgenommen wurde. Sie hatten offenbar mit einer noch grösseren Keule gerechnet. Volkswagen-Chef Matthias Müller bedauerte «die Handlungen», die zu der «Dieselkrise» geführt haben, «zutiefst und aufrichtig» und sprach von einem «wichtigen Schritt nach vorne für unser Unternehmen und alle Mitarbeiter».

Stephan Weil, der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, das mit 20 Prozent an VW beteiligt ist, begrüsste ebenfalls die Einigung und verwies auf die konstruktive Rolle des Aufsichtsrates bei der «Aufklärung» der Affäre, es gebe nun «eine objektive und kritische Darstellung der Fakten».

Trotzdem fällt es mir schwer, einiges zu begreifen. Ich verstehe nicht, warum VW-Kunden in den USA entschädigt werden, aber nicht in Deutschland. Weil deren Vertrauen in ein deutsches Produkt («Fahrvergnügen») enttäuscht wurde, während wir inzwischen gelernt haben, den Erklärungen der Hersteller grundsätzlich zu misstrauen?

Viel Geld für...

Mir ist auch nicht klar, wer zu Schaden gekommen ist, wie das im Falle defekter Bremsen oder explodierender Airbags der Fall gewesen wäre. Die Natur oder der Glaube der Nutzer, man könne grosse Autos fahren und dabei etwas für die Umwelt tun? Wie gaga ist das denn!

Ich würde auch gerne wissen, was mit den mehr als vier Milliarden Euros, die VW in die USA überweisen muss, passieren wird. Wohin fliesst das Geld? Und vor allem: Warum hat VW die Gelegenheit für eine tolle Werbekampagne verpasst?

... eine Werbekampagne

Der Vorstand hätte sagen können: «Wir zahlen die vier Milliarden. Und legen noch was drauf. Aber können wir bitte bestimmen, wofür das Geld verwendet wird? Wir würden Kindergärten in Arizona bauen, Schulen in Virginia sanieren und überall für besseres Essen in den Schulkantinen sorgen. Wir könnten öffentliche Bibliotheken in Ohio fördern und den homeless people in Washington zu einem Dach über dem Kopf verhelfen. Mit vier Milliarden Euro kann man viel Gutes tun. Lasst es uns versuchen!»

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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