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VR-Lösungen erfüllen die Erwartungen bei weitem nicht

VR-Lösungen erfüllen die Erwartungen bei weitem nicht
VR-Brille: Ob Microsoft VR in den Massenmarkt bringt, ist zweifelhaft.Keystone

Auf der Technikmesse Ifa erlebt die Virtual Reality einen zweiten Frühling. Doch von Microsofts Hoffnung, die Technologie deutlich billiger anzubieten als bisher, ist nicht viel geblieben.

Kommentar  
Von Thomas Heuzeroth
2017-09-06

Gurte anlegen, festzurren und los. Klingt nach den Vorbereitungen für einen Bungee-Jumping-Sprung. Doch auf dem Rücken hängt nur ein Computerrucksack von HP. Springen sollte man damit besser nicht von einer Klippe. Auf der Technikmesse Ifa zeigt der Elektronikhersteller, wie er sich die Zukunft die Virtual-Reality-Spielewelt vorstellt. Der Rucksack beinhaltet einen leistungsfähigen flachen Computer. Spielen kann man damit zum Beispiel eine Art Science-Fiction-Squash, bei dem ein durch die Luft fliegender Ball an die Wand zurückgeschlagen wird.

Das sieht von aussen ziemlich lustig aus, denn der Schläger ist ein kleiner Controller, der nun schwungvoll durch die Luft gezogen wird. Der Spieler hat dabei eine Virtual-Reality-Brille (VR) auf, die mit dem Computer auf dem Rücken verkabelt ist. Wer will, kann auf diese Weise eine Stunde lang sein Können zeigen, danach müssen die Akkus gewechselt werden.

Ohne jegliche störende Kabel

HP zeigt hier mit großem Stolz seinen VR-Backpack. Ein leistungsfähiger Rucksack-Computer, der Spielern mit einer Virtual-Reality-Brille (VR) ohne jegliche störende Kabel durch den Raum hüpfen lässt. Dabei ist es egal, in welche Richtung er sich dreht.

Bislang war das nur mit einem dicken Kabel möglich, das an einem Computer hing, der irgendwo im Raum herumstand. Bei bewegungsintensiven Spielen ist das hinderlich und stolpergefährlich. Das soll künftig anders sein, wenn man bereit ist, HP für den Rucksack-Computer mehr als 3000 Euro zu bezahlen – ohne VR-Brille. Dafür verspricht HP den «stärksten tragbaren VR-PC, der jemals gebaut wurde».

Zweiter Frühling für VR

Wer auf der Ifa unterwegs ist, bekommt den Eindruck, dass Virtual Reality einen zweiten Frühling erlebt. Und tatsächlich kündigte Microsoft-Manager Terry Myerson in Berlin an, wann der Konzern sein grosses Herbst-Update für Windows 10 veröffentlicht. Am 17. Oktober soll mit dem Betriebssystem zusammen die Mixed-Reality-Plattform (MR) von Microsoft kommen, bei der Nutzer lediglich eine VR-Brille an ihren Windows-Computer anschliessen und sie aufsetzen. Eine zeitraubende Einrichtung, wie sie bislang bei den bereits verfügbaren Systemen von Oculus Rift oder der HTC Vive nötig sind, braucht es dann nicht mehr.

Das könnte vieles ändern, glauben zumindest Hersteller wie Lenovo, Asus, Dell, HP und Acer, die dafür die passenden Brillen bauen und nun in Berlin präsentieren. Zwar unterscheiden sich die Brillen ein wenig nach Design und Gewicht, doch im Grunde sind sie sehr ähnlich, weil sie sich an einige Vorgaben von Microsoft halten müssen.

Mindestens 90 Bilder pro Sekunde

Jedes Auge blickt innerhalb der Brille auf ein Oled-Display, das mit 1440 mal 1440 Bildpunkten auflöst und damit weitgehend scharf darstellen kann. Ausserdem müssen die Brillen in der Lage sein, mindestens 90 Bilder pro Sekunde zu zeigen, damit dem Nutzer bei der Betrachtung der virtuellen Realität nicht unwohl wird. In seinem Referenzdesign erlaubt Microsoft auch eine günstigere Version mit LCD-Displays und ausserdem geringerer Auflösung und Bildwiederholrate.

Im Unterschied zu den VR-Systemen der HTC Vive und Oculus Rift müssen Nutzer keine zusätzlichen Sensoren und Kameras an den Wänden aufhängen, damit ihre Position im Raum erfasst wird. Die neuen Brillen haben zwei nach vorn gerichtete Kameras eingebaut, die den Raum und seine Abgrenzungen erfassen können und so einen ähnlichen Effekt hervorrufen. Nutzer können sich also auch mit diesen Brillen im VR-Spiel im Raum frei bewegen.

Konkurrenz senkt die Preise drastisch

Dass Microsoft die neue Plattform Mixed Reality nennt, ist irreführend. Tatsächlich geht es hier um die virtuelle Realität. Im Unterschied dazu ist die bereits bekannte Hololens von Microsoft eine Mixed-Reality-Brille, weil der Nutzer hier durch ein Display hindurch die tatsächliche Raumumgebung sieht, in die virtuelle Objekte eingeblendet werden.

Ob Microsofts Plattform VR in den Massenmarkt bringt, ist zweifelhaft. Von der Hoffnung, echte VR-Lösungen deutlich billiger anzubieten als bisher, ist nicht viel geblieben. Ursprünglich nannte Microsoft Preise von 300 Dollar für die neuen VR-Brillen. Die nun in Berlin präsentierten Brillen liegen eher bei 400 Euro. Die Controller kosten noch einmal 100 Euro.

Die vergleichbaren Systeme von Oculus Rift und HTC Vive versuchen derzeit mit Preisabschlägen ihren Absatz anzukurbeln. Oculus hat in diesem Jahr bereits zweimal den Preis für seine Bundle aus der Rift-Brille und den beiden Touch-Controllern gesenkt. Ursprünglich hatte das System 900 Euro gekostet, derzeit wird es für 450 Euro verkauft.

Die HTC Vive gibt es inzwischen für 700 Euro, 200 Euro billiger als bisher. Beide Systeme brauchen hochleistungsfähige Computer, mit denen sie verbunden werden. Sonys Playstation VR kostet 300 Euro, allerdings ohne Controller und kleine Kamera, die für den Betrieb der Brille nötig sind. Die Playstation VR wird mit der Videospielkonsole PS4 verbunden.

Nicht nur private Nutzung spielt eine Rolle

Wie Microsoft nun angekündigt hat, werden die neuen VR-Brillen künftig auf die Spiele der Plattform Steam zugreifen können, von der sich auch HTC und Oculus bedienen. Steam gehört weltweit zu den grössten Online-Marktplätzen für Computerspiele und Software. Somit dürfte es schnell eine steigende Zahl von VR-Spielen für die neuen Brillen geben.

Marktforscher sehen in der virtuellen Realität einen schnell wachsenden Markt. ABI Research geht davon aus, dass die Technologie binnen fünf Jahren weltweit 250 Millionen Menschen erreichen wird und in dieser Zeit ein 60 Milliarden Dollar schwerer Markt entsteht. Den grössten Teil davon werden dann private Nutzer ausmachen, 40 Prozent hingegen fallen der Prognose zufolge dann auf den professionellen Bereich. Tatsächlich arbeiten schon heute viele Ingenieure mit VR-Brillen, weil sie so ihre Projekte anschaulicher darstellen können.

VR-Lösung von Zeiss

Auch Zeiss hat zur Ifa eine neue VR-Lösung vorgestellt. Bislang hatte das Unternehmen lediglich eine passive Bille auf dem Markt, in die ein Smartphoneeingeschoben wird, auf dem dann Anwendungen und Spiele laufen, die für Cardboard entwickelt wurden, die VR-Lösung von Google.

Da die Auflösung der Smartphone-Brillen deutlich niedriger ist als bei den anderen Brillen, die für jedes Auge ein eigenes Display eingebaut haben, sieht das Bild entsprechend pixelig aus. Einzelne Bildpunkte sind auf den Displays deutlich zu erkennen. Ausserdem sind die Prozessoren von Smartphones nicht in der Lage, wirklich aufwendige VR-Spiele abzuspielen.

Smartphone wird über USB-Kabel verbunden

Zeiss neue Lösung mit der Bezeichnung «Zeiss VR One Connect» bezieht daher einen Computer mit ein, bleibt aber bei der passiven Brille mit dem eingeschobenen Smartphone. «Anders als bei bisherigen mobilen VR-Lösungen ist die Smartphone-Hardware nicht mehr für die Berechnung der VR-Inhalte zuständig», sagte Produktmanager Franz Troppenhagen im Gespräch mit der «Welt». Vielmehr werde das Smartphone über ein USB-Kabel mit dem Computer verbunden, der das VR-Spiel verarbeitet und anschließend auf dem Smartphone-Display darstellt.

Die notwendigen Zeiss-Controller verkauft der Konzern für 130 Euro. Sie arbeiten ausser mit der hauseigenen Zeiss-One-Brille auch mit jeder anderen Cardboard-Brille zusammen. Auch die Zeiss-Lösung greift auf die Spiele der Steam-Plattform zu. Noch günstiger sind die VR-Lösungen von Google und Samsung. Die Brillen mit der Bezeichnung Daydream View und Gear VR, in die einfach das Smartphone hineingeschoben wird, kosten mit einem Controller zwischen 70 und 130 Euro.

«Wecke deinen inneren Jedi» fordert Lenovo

Für ein etwas ungewöhnliches halb virtuelles Erlebnis haben sich Lenovo und Disney zusammengetan. Auf der Ifa zeigt Lenovo eine Augmented-Reality-Brille mit dem Namen «Mirage», in die ein Smartphone gesteckt wird. Für diese Brille gibt es nur die App «Jedi Challenges» mit drei kleinen Star-Wars-Spielen. Die Spiele werden auf dem Smartphone gestartet, die Darstellung spiegelt sich dann in einem transparenten Sichtfeld. Zur Brille gehört ein Spielzeug-Lichtschwert. Das Tracking funktioniert über einen «Peilsender», der aussieht wie eine LED-Kugel, die auf dem Boden liegt. Das ganze Paket kann derzeit für 300 Euro vorbestellt werden und funktioniert mit dem iPhone und einigen Android-Smartphone-Modellen.

Auf der Ifa scheint das den Spielern genauso viel Spass zu machen wie den Zuschauern, die sich über die vermeintlichen Star-Wars-Helden amüsieren, die dort in einer kleinen Arena mutig ihr Spielzeugschwert schwingen. «Wecke deinen inneren Jedi» fordert Lenovo die Zuschauer auf. Die meisten von ihnen können sich dieser Macht offenbar nicht entziehen.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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