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Von spielenden Tieren können Erwachsene einiges lernen

Von spielenden Tieren können Erwachsene einiges lernen
Keas: Viele Tiere bereiten sich spielend auf Notfälle vor.  CC/Flickr

Wer die Arbeit im Unternehmen nicht allzu ernst nimmt und stattdessen nur spielen will, ist biologisch auf dem richtigen, weil evolutionären Weg.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2016-08-04

Ich arbeitete mal für einen Geschäftsführer, der ein typischer Vertreter dieser speziellen Spezies war. Wenn wir eine Präsentation mit den geplanten Monatsumsätzen zeigten, dann kritisierte er grinsend, dass die Balken in der Grafik rot und nicht grün seien. Wenn wir eine Prognose zum Jahresergebnis auflegten, wollte er mit uns eine Kiste Sassicaia wetten, ob wir dieses Ziel auch erreichen würden.

Er gehörte zu einer speziellen Spezies: Er wollte nur spielen.

Einmal schlug er einen Wettbewerb vor, bei dem man voraussagen musste, wie lange sich der CEO ­unseres direkten Konkurrenten noch in seinem Job würde halten können. Ich glaube, der Finanzchef gewann, weil er Insiderinformationen hatte.

Spielen ist alles

Und damit wären wir bei den Keas in Neuseeland. Diese Papageien gehören zu den verspieltesten ­Kreaturen der Erde. Sie wetteifern darin, wer sich am längsten ohne Flügelschlag in der Luft halten kann, und sie versuchen sich mit immer gewagteren Loopings zu übertreffen.

Im Winter veranstalten diese Vögel Schlittelpartien auf Schnee oder fressen im Wett­bewerb die Gummidichtungen von Autotüren. Das finden sie enorm witzig, die Autobesitzer finden das weniger.

Vorbereitung auf den Ernst

In der Zoologie ist der Mechanismus des Spiels schon lange erkannt. Pferde und Steinböcke etwa ­liefen sich in freier Wildbahn unablässig Spring-und Laufwettbewerbe. Auch Delfine surfen auf den ­Bugwellen von Schiffen unbeschwert um die Wette. Sie trainieren im Spiel den Ernstfall des Flucht­verhaltens. Das ist sinnvoll, weil sie den Ernstfall dabei mit einer Risikominimierung simulieren ­können. Manche Biologen nennen den Spieltrieb ­deshalb eine evolutionäre Triebkraft.

Bei Kindern ist das genauso. Wenn sie auf dem Spielplatz herumrennen und dabei die gefundenen Regenwürmer verschlucken, ist dies eine Aufbau­arbeit für später. Sie entwickeln die muskuläre ­Koordination und stärken das Immunsystem.

Gamification als Trend

Was bei Tieren und Kindern normal erscheint, war bisher bei Erwachsenen tabu. Mit dem Eintritt ins ­Erwerbsleben war es mit dem Spiel vorbei. Dann ­begann der Ernst des Lebens. Biologisch ist das ­kreuzfalsch. Und das sehen allmählich auch die Unternehmen ein. Dem Spiel kommt in Betrieben nun vermehrt seine auf­bauende Wirkung zu. ­Gamification heisst der Trend.

Bei Banken und Versicherungen wie Credit Suisse oder Swiss Re sind heute digitale Softwares im ­Einsatz, die Kundenkontakte und Lösungsansätze spielerisch abbilden und verbessern, eine Art Gameboys der Leistungssteigerung. Bei einem Schweizer Lampenhersteller wird Gamification eingesetzt, indem in der Produktionshalle wie bei einem Videogame jeweils der aktuelle Punktestand blinkt. Manchmal macht man einen Wettbewerb gegen die Kollegen vom amerikanischen Produktionsstandort.

Spielerisch mehr erreichen

Der Einwand von Gewerkschaftern, es gehe hier nur um einen spielerischen Vorwand zur Steigerung der Produktivität, greift biologisch zu kurz. Auch Pferde, Steinböcke, Delfine und Kinder spielen zum Zweck der Effizienzsteigerung.

Wir haben übrigens damals unser Jahresziel ­erreicht, und der Geschäftsführer musste die Kiste Sassicaia bezahlen. Als wir uns bedankten, sagte er: «Keine Ursache, ist ja nur ein Spiel.»

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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