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Design 
Unser Streben nach der perfekten Rendering-Realität

Rendering: Sieht bloss aus wie eine Fotografie.  Wikicommons

Täuschend echte Abbildungen der Natur faszinieren und spornen seit jeher Kreative an. Die Grenzen zwischen Rendering und Realität sind verschwindend klein – und machen auch vor Menschen nicht halt.

Kommentar  
Von Peter Zizka
29.09.2016

In ferner Vergangenheit, ich glaube es war das Pleistozän, fing die Renderparty plötzlich an. Ganz ohne Platine und Strom aus der Steckdose wurde an den russgeschwärzten Höhlenwänden, bioprozessorgesteuert, der ewige Wettstreit zwischen Natur und Mensch mit Elasto-Strichmännchen dokumentiert.

Als ich selbst, in einem erdgeschichtlich gesehenen Planck-Ära-Moment das Licht der Welt erblickte, waren die ersten hormongesteuerten Schritte in Richtung differenzierte Darstellung der Umwelt nicht weit. Mit 4B-Bleistift und holzhaltigem Papier verlief der zeichnerische Weg, entsprechend der genetischen Disposition, in Richtung Strichmännchen. Allerdings mit einer in den Siebzigern geschlechterspezifischen Prägung – entweder als technoid dominierter, verspoilter Autotraum mit nicht ASU-kompatiblem Giganto-Akrapovic-Auspuffendrohr oder als waffenstarrendes, HMS-Dreadnought-artiges Schlachtschiff im gehirnamputierten Dauerkampfmodus.

Blatt um Blatt wurden diese ritualisierten Szenarien perfektioniert und zur Freude der Müllverbrennungsanlagen im Aggressionswahn vernichtet. Wie ich heute zu wissen glaube, habe ich schon damals Testosteron-gerendert.

Könige der Marker-Fraktion

Dass die Gesellschaft gegenwärtig das «Rendern» mit den Prinzipien einer algorithmisch gesteuerten Rechnerwelt gleichsetzt, zeigt lediglich, dass wir vergessen haben, dass auch Stift und Kreide Reflexionen, Licht, Schatten, Transparenz und Materialität darzustellen vermögen.

Noch in den Achtzigern waren die Design-Studios von diesen humanoiden Render-Funktions-Eliten bevölkert. Da gab es zum Beispiel die Marker-Fraktion, die in den Layout Etagen wie Bob-Ross-Druiden verehrt wurden. Filzstifte mit einem unpraktischen Glasflaschentank – extrem unhandlich und stinkend – waren, von gewiefter Hand geführt, in der Lage jede noch so abstruse Idee eines Kreativen zu visualisieren.

Ohne diese Magic Marker genannten Griffel: keine Präsentation, kein Auftrag, keine Diskussion. Als Insignie der Profession residierten diese Zeichenwerkzeuge, zu einem dekorativen Farbverlauf arrangiert und in Rasterblöcken aufgereiht, auf dem Tisch des Filzstift-Dürers.

Nur die seltenen Twin-Tip-Pantone-Marker versteckten sich unter dem Tisch in einer Colombo-Bieffeplast-Plastikkiste Typ Bobby b44. Kurz gesagt: Die Herren (ich hab jedenfalls keine Frau kennengelernt, die gemarkert hätte) waren die unangreifbaren Könige und noch dazu, freihaus und ganz legal, waren sie dauerhaft high durch die Inhalation der toluolgeschwängerten Marker-Dämpfe.

Kurzes Leben für Airbrusher

Dann gab es noch eine geheimnisvolle Luftnummer, ein Deus ex Machina einer analog gerenderten Hyperrealität – die Airbrusher. Auch hier stapelte sich das Unbezahlbare. Beispielsweise Miniatur Spritzpistolen von Devilbiss, mit Namen, die einem Privatjet zur Ehre gereicht hätten, wie «Aerograph super 63», mit gefrästen Kugeltank und double Action Hebel.

Damit wurden Bilder und Retuschen erzeugt, als hätte man es mit einer aus der Wissenschaft verbannten Transmutation von Farbpigmenten zu tun; unter dem Tisch leise laufende Miniaturkompressoren und Maskierfolien.

Diese scheinbar unangreifbaren, heiligen Spezialisten-Welten des analogen Renderings sind sang- und klanglos im Meer der Raytracing– und Radiosity-Möglichkeiten untergegangen und können heute zu Discountpreisen in der Bastelecke des Baumarkts um die Ecke erworben werden. So als gäbe es den Hausaltar als Kunststoffbausatz mit Bedienungsanleitung – irgendwie traurig.

Exponentielle Zunahme der Perfektion

Das soll nicht wie das Wehklagen um verlorengegangenes Spezialisten-Terrain klingen. Ich gehörte weder zu den Magic-Marker-Schwingern noch zu den Aerograph-63-Jüngern. Allerdings ist die exponentielle Zunahme der Perfektion im Rendering-Bereich ein Fakt, der nicht ohne gesellschaftliche Konsequenzen bleibt – positive wie negative.

Der Konfliktsoziologe Georg Simmel hat an der Schnittstelle der industriellen Revolution einiges vorausgedacht, das sich auch auf die virtuelle Produktion, also auch auf das Rendern, anwenden lässt. Er schreibt: «Wenn zwei Theorien vorhanden seien, würde schliesslich diejenige überleben, die den besseren Zugriff auf das Wirkliche erlaube».

Ins Rendering versetzt

Sodenn wird im Immobilienmarketing das Wirkliche auch mal so kommuniziert: «Denn fotorealistisches Rendering und Animation übersetzen sachliches Planmaterial in emotionale Bilder und ermöglichen dadurch Identifikation.» Es schleicht sich eine seltsame Kongruenz von Bild und Realität in die Wahrnehmung zum Beispiel moderner Architektur ein.

Lebensmodelle wirken da im Rendering so lebensecht, dass sie wie selbstverständlich zur Realität geraten. Auch im Frankfurter Europaviertel, einst grösste innerstädtische Baustelle der Bundesrepublik, wird dies deutlich. Beim Durchschreiten einer durch Lochfassadenmonotonie geprägten fast schon totalitär anmutenden Paradestrasse moderner Wohnwelten, ist man sich zeitweise nicht klar, ob man ein überdimensionalisiertes Rendering oder die Realität durchschreitet.

«Strasse des 15. Septembers» wäre ein prima Name für diese Frankfurter Miniatur-Strasse des 17. Juni, denn auch die Investmentbank Lehman Brothers hatte ähnlich löchrige Prosperitätsmodelle zu Phantasie-Finanz-Modellen gerendert.

Menschliche Äquivalente

Die Perfektion rechnergestützter Architekturphantasien macht aber auch vor den Menschen nicht halt. Vorbei die Zeiten, in denen per Hand bemalte Preisser-/Mertens-Figuren Architekturmodelle bevölkerten und mit FKK- und Poledance-Serien für Irritation sorgten. Stattdessen eine Heerschar kommerziell zu erwerbender Renderpeople allesamt Streamlineexistenzen.

Unter anderem eine Bugaboo-Runner (dreirädrig) schiebende Mutter (Spezifikation: Geometry 100k & 30k polycount, Photobased high-res 8k colormap), auch dabei, mit blauer Krawatte, Hose und dunkelhäutig: der telefonierende Businessman. Für die Leisure-Day-Fraktion gibt es einen dieser perfekt durchtrainiert-braungebrannten Sandalenträger mit kurzer Hose und Dreitage-Bart.

Reale Welt fällt ab

Ich imaginiere da sofort einen Bully T1 plus Surfbrett aus chinesischem Blauglockenbaum in der Naturstein-gesäumten klinisch sauberen Tiefgarage. Diese virtuellen Modellbau-Archetypen repräsentieren eine saubere grossstädtische Lebensgemeinschaft, die kaum Fehlstellen im perfektionistischen Rendering akzeptiert.

Allein hier in Frankfurt stehe ich mit beiden Beinen in der Realität – erholsam: der humpelnde, alte Grauhaardackel uriniert gerade gegen die braune Sandsteinfassade und hinterlässt einen störenden, miefenden Fleck…

Eine Frage der Prozessorleistung

Andrea Roedig konstatierte unlängst in der Neuen Züricher Zeitung «Hey, ich steh im Rendering!» und sie hat recht. Unfreiwillig klopft die Renaissance in vielen der gegenwärtig gezeichneten Architekturen an. Bäume werden in der Realität tiefer gesetzt und so ausgesucht, dass die Stämme ansatzlos im Boden entschwinden. Hier muss der echte Baum der virtuellen Version folgen. Ob wir zukünftig Wurzelwerk sehen, könnte also schnell zu einer Frage der Prozessorleistung werden.

Sind wir armen Mhz-getriebenen Wichte vielleicht nicht mehr in der Post-Postmoderne, sondern bereits in der Re-Renaissance? Der allumfassende Wille zum perfektionistischen Digital-Rendern könnte ein erster Hinweis dafür sein. Im 15. Jahrhundert wurden schon Hyperrealismus-Grossmeister wie Giotto auf Händen getragen. Heute sind es keine Künstler mehr, die verehrt werden, sondern leuchtende xk Fire Pro Videokarten, für die visuelle Onanie zuständig.

Schlecht für das Genie, denn der formal orientierte Zitierfetischismus der Postmoderne ist einem Hipster-Voll-Frust darüber gewichen, dass alles schon da gewesen ist und man im globalen Vergleich die Möglichkeit verliert, als Individuum erkennbar zu werden.

Möglicher Gegenentwurf

Die Renaissance führt auch hier vor, dass Affirmation kein Kreativ-Dioxin ist, sondern auch ein Antidot wider das Vergessen. Die Ende des 14. Jahrhunderts empfundene Allmacht antiken Wissens ist aus meiner Sicht, der Allwissenheit eines globalen Datennetzes gleichzusetzen.

Dies gilt es gestalterisch positiv zu nutzen und nicht der zwanghaft-verklemmten Suche nach Originalität zu opfern. In einer menschlich selbstbewussten, rechnergestützten Kombinatorik des Bestehenden könnte ein Gegenentwurf zur algorithmischen Entmündigung der Kreativität zugunsten rein finanzieller Performanceorientierung bestehen.

Dass sich dabei gerne Fehler einschleichen, will ich nicht unerwähnt lassen. Die User-Profile, als Konsumrenderings der Webexistenzen von uns allen, sind eigentlich asoziale Render-Exzesse. Sie stempeln uns immer treffsicherer zu virtuellen Narzissten, denen ihr Profil immer nur einen opportunistischen Spiegel vorhält.

Naturalrenderings als Extreme

Die Devices dieser Spiegelung gehören ja schon längst in unsere schöne neue gerenderte Pokemon-GO-Realität und begünstigen den monadischen Selbstläufer mit 45 Grad geneigter Kopfhaltung und kabelloser Beschallung der Paukenhöhle im Kopf. Und wie immer – entsprechend dem allgegenwärtigen Maximierungsgedanken – geht da noch was: die extremen Naturalrenderings.

Tom Leppard zum Beispiel, der mit verlängerten Schneidezähnen, 98 Prozent Körperleopardenfelltattoo und geändertem Namen eines der perfektionistischen Grosskatzen-Renderings auf seine eigenen Beine stellte.

Noch extremer: das höchst eigenständige Schönheitsideal der Telefonkosten- und Weinrechnungskönigin Jocelyn Wildenstein. Ein Ästhetisches «La divina commedia-Rendering», das sich geschlechtslos dem göttlichen Prozessorkern nähert, um dann doch nur tragisch zu scheitern, rendergender!

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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