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Ungewöhnliche Gewohnheit

Ungewöhnliche Gewohnheit
Gewohnheitstiere: Nicht nur Enten sondern auch Menschen klammern sich gerne an Gewohnheiten.Keystone

Gewohnheitstiere im Revier: Was mein Chef mit Winston Churchill, Nikola Tesla und einer Ente gemeinsam hat. Und warum wir Gewohnheiten so schlecht abstreifen können.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2015-11-06

Eine meiner dümmsten Gewohnheiten ist die Hand im Gesicht. Wenn ich nachdenken muss, dann fahre ich mit meiner linken Hand wiederholt über mein Kinn und meinen Dreitagebart. Es ist ein Ritual. Das Ritual signalisiert, dass der Zimmermann nachdenken muss. Das Signal ­verbessert meine Position am Verhandlungs- und am Pokertisch nicht unbedingt. Für mich aber ist die Gewohnheit fundamental. Ich kann sonst nicht nachdenken.

Gewohnheiten, so weiss die Biologie, sind die Steuerelemente unseres Lebens. Gewohnheiten strukturieren unser tägliches Verhalten. In neuen Situationen sorgen unsere Gewohnheiten dafür, dass wir uns nicht neu orientieren müssen. Wir rufen stattdessen die bestehenden Verhaltensmuster ab. Das gibt uns Stabilität und Sicherheit.

Gewohnheiten machen das Leben leichter

Ich hatte mal einen Chef, der konnte nur arbeiten, wenn er seinen Mercedes morgens im Parkhaus genau neben der Ausfahrt abgestellt hatte. Wehe, der Platz war mal besetzt. Er wechselte dann die Firma und machte am neuen Ort ein ziemliches Tamtam, bis er wieder den Parkplatz genau neben der Ausfahrt hatte.

Gewohnheiten reduzieren Komplexität. Sie brauchen viel weniger neuronale Energie als die Anpassung an ändernde Situationen. Das ist auch bei Tieren so. Wenn man zum Beispiel eine Glasscheibe ins Aquarium stellt, müssen die Fische einen Bogen machen. Sie behalten die neue Schwimmroute auch dann bei, wenn man die Glasscheibe wieder entfernt. Enten gehen ebenfalls grössere Umwege, um an den Weiher zu kommen. Wenn man sie auf den direkten Weg zwingen will, reagieren sie gestresst und drehen um.

Kurioses tief verankert

Menschen sind die gleichen Gewohnheitstiere. Friedrich Schiller schrieb nur mit faulenden Äpfeln im Pult. Napoleon III. badete vor Kabinettsitzungen stundenlang. Winston Churchill konnte bis elf Uhr ­morgens nur im Bett arbeiten.

Gewohnheiten zu ändern, ist schwierig. Das ist keine Frage des Willens, sondern eine Frage der Hirnstruktur. Die Gewohnheiten sind in den tiefen Schichten des Hirns verankert, im sogenannten limbischen System. Die Hirnrinde, wo die Änderung der Gewohnheiten abgelegt wird, gute Vorsätze zum Beispiel, ist hingegen nur 2,5 Millimeter dünn. Es ist darum enorm schwer, einen Couch Potato in einen Freizeitsportler zu verwandeln.

Kaum zu durchbrechen

Das limbische System ist auch der Grund, ­warum es keinen Sinn macht, mit dem Finanzchef über die Marketingstrategie zu diskutieren. Kommt ein Papier in seine Hand, schaut er reflexartig auf die letzte Seite, wo sich der Businessplan findet. ­Weiter vorn liegende Seiten entziehen sich seinem Gewohnheitsmuster.

Interessant wird es dann, wenn die Gewohnheit mit der Gesundheit kollidiert. Meistens gewinnt die Gewohnheit. Wenn Karl Marx, der geniale deutsche Theoretiker, abends aus dem Lesesaal des British Museum nach Hause zurückkam, begann er zu rauchen. Er rauchte Zigarren in solch unglaublichen Mengen, dass sich auf seiner Haut Eiterbeulen bildeten.

Die Genialität scheint nicht zu leiden

Nikola Tesla wiederum, der geniale kroatische Elektroingenieur, machte es sich zur Gewohnheit, in keiner Nacht mehr als zwei Stunden zu schlafen. Bereits als Fünfundzwanzigjähriger hatte er darum seinen ersten Nervenzusammenbruch.

Nun, die Macht der Gewohnheit veränderte die Geschichte. Ohne Marx gäbe es keinen Kommunismus. Ohne Tesla kein Elektroauto.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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