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Über den Bluff als Karrierekiller

Über den Bluff als Karrierekiller
Der Energieaufwand ist bei Angebern deutlich höher. Pixabay

Angeber haben deutlich schlechtere Karriereaussichten als zurückhaltende Mitarbeiter. Besonders in Grossfirmen haben sie kaum Chancen. Warum das so ist.

Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2016-06-09

Roland war der grösste Angeber, mit dem ich beruflich jemals zu tun hatte. Roland war so etwas wie der Genius der Betriebswirtschaft. Sagte uns jedenfalls Roland.

Am meisten drehte er auf, wenn er beim Feierabend-Drink von seinen Glanztaten bei früheren ­Arbeitgebern erzählte. Eine Hotelkette zum Beispiel hatte er vor dem sicheren Konkurs gerettet, indem er deren gesamtes Branding neu aufsetzte. Einen ­Medienkonzern hatte er vor dem unausweichlichen Untergang bewahrt, indem er dessen Vertriebs­strategie revolutionierte.

Erstaunlich war nur, dass der Genius der Betriebswirtschaft bei uns nur als Projektkoordinator an­gestellt war, also in einem Job ohne Linienfunktion. Bei Beförderungen in der Abteilung wurde er meistens übergangen. Roland, der grosse Angeber in ­unserem Kreis, hatte nur kleine Aufstiegschancen.

Phä­nomen der Angeberei

Damit wären wir bei den Kohlmeisen. Das Phä­nomen der Angeberei ist bei keiner anderen Spezies derart gut erforscht, die menschliche Spezies inbegriffen. Die Kohlmeisen sind das beste Forschungsgebiet für Bluffing in der Biologie.

Es gibt unter Kohlmeisen genauso extrovertierte Wichtigtuer wie schüchterne, zurückhaltende Vögel. Interessant ist, wie unterschiedlich ihre Überlebens- und Karrierechancen sind. Zu vermuten wäre nun, dass die Vögel mit grosser Klappe einen Wett­bewerbsvorteil haben, weil sie als Draufgänger besser an die Ressourcen herankommen als die scheueren Kollegen.

Das Gegenteil trifft zu, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Feldversuchen eruierten. Die Angeber unter den Meisen hatten eine deutlich tiefere Überlebenschance. Artgenossen, die weniger Wert auf aggressive Aussenwirkung legten, hatten im Über­lebenskampf deutlich bessere Aussichten. Die Forscher machten dafür den deutlich höheren Energieaufwand verantwortlich, den wichtigtuerische Vögel im Vergleich zu bescheidenen Vögeln betreiben.

Hoher Energieaufwand

Da ist etwas dran, wenn wir auf Roland zurückkommen. Sein Energieaufwand war jeweils beträchtlich, wenn er uns zu beeindrucken suchte. «Und dann habe ich zu Dr. Müller gesagt …», beschrieb er uns und gestikulierte theatralisch. «Und dann habe ich zu Direktor Meier gesagt …», beschrieb er uns und ballte die Fäuste. Wenn unsere Aufmerksamkeit allmählich erlahmte, wedelte er energisch und bezahlte uns einen zusätzlichen Drink.

Überraschender ist hingegen, wo Angeber besonders schnell unter die Räder kommen. Je höher die Populationsdichte ist, umso tiefer ist ihre Überlebenswahrscheinlichkeit. Je mehr Meisen zu einer Orga­nisation gehören, desto weniger Chancen haben die Selbstdarsteller. Nur in kleinen Gruppen hatten die Wichtigtuer eine Chance. Das hat damit zu tun, dass angeberische Meisen Veränderungen in ihrer Umwelt viel schlechter registrieren als ihre Artgenossen. Sie sind zu selbstbezogen. In grösseren Gebilden wirkt sich das besonders negativ aus.

Auf die Unternehmenswelt bezogen heisst das: ­Soziale und zurückhaltende Charaktere sind in Konzernen, in Wachstumsfirmen und -branchen am ­richtigen Ort. Eher aggressive und selbstbezogene Persönlichkeiten setzen sich in kleineren Unter­nehmen, in wachstumsschwachen Branchen und schrumpfenden Gesellschaften besser durch.

Roland hat das instinktiv gemerkt. Nachdem er bei einer Beförderung wieder übergangen worden war, verliess er kurz darauf das Unternehmen. Er wechselte zu einem Start-up.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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