Die meisten Anleger wurden vom Brexit auf dem falschen Fuss erwischt. Die Folge waren heftigste Verwerfungen an den Börsen. Gleichzeitig hat der Handelstag nach der Abstimmung einmal mehr gezeigt: Panik ist ein schlechter Ratgeber. Wer seine Aktien verkaufte, gehörte zu den Gelackmeierten. Denn am Ende des Tages hatte der Börsenindex SMI den Verlust zu einem guten Teil wieder aufgeholt.

Die negativen Auswirkungen des Brexit werden auch hierzulande noch lange zu spüren sein. Mein seit Jahren vorgetragenes Credo behält seine Gültigkeit: Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und an seiner Anlagestrategie festhalten. Wer auf Jahre hinaus investiert, den lassen kurzfristige Verwerfungen an den Finanzmärkten kalt. Die Nervosität wird sich vorderhand halten. Auch wäre ich nicht überrascht, wenn der Brexit eine längere Korrektur an den Aktienmärkten auslöste.

Eine Korrektur bietet aber auch Kaufgelegenheiten. Dabei setze ich weiterhin auf Blue Chips und attraktive Nebenwerte mit möglichst hoher Dividendenrendite. Die Anteile bei meinen Favoriten Roche und Novartis werden leicht ausgebaut. Zudem verstärke ich Positionen bei defensiven Werten wie Nestlé, Swisscom oder Givaudan. Dagegen lasse ich die Grossbankaktien UBS und Credit Suisse links liegen. Auch bei zyklischen Aktien sowie Rohstoffpapieren halte ich mich zurück.

Viel Zukunft

Im laufenden Börsenjahr haben Nebenwerte den Blue Chips den Rang abgelaufen. Zu den Starperformern aus dem zweiten Glied zählen Kudelski; die Titel des Verschlüsselungsspezialisten haben seit Mitte Februar mehr als 50 Prozent zugelegt. Das ist zu einem guten Teil auf die letztjährigen ­Resultate zurückzuführen: Der Umsatz stieg um 7, der Gewinn überproportional um 33 Prozent, die Dividende wurde um ein Sechstel erhöht.

Noch stärker beflügelt werden die Aktienkurse allerdings durch die wieder rosigeren Aussichten. In den letzten Monaten machte das Westschweizer Unternehmen in den Sparten Digitalfernsehen und physische Zugangsanlagen dank Lizenzverträgen mit Bloomberg, Google oder Walt Disney Schlagzeilen. Die Kurse getrieben haben aber auch die Bemü­hungen des Konzernchefs André Kudelski (56), mit dem Bereich Cyber Security ein weiteres Standbein aufzubauen.

Das junge IT-Sicherheitsgeschäft hat enormes Wachstumspotenzial, gerade in den Vereinigten Staaten. Weil dieser Markt für Kudelski immer wichtiger wird, wird in Phoenix (Arizona) eine zweite Konzernzentrale hochgezogen. Die Aktien sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 19,7 satt bewertet. Die Tech-Titel eignen sich deshalb nur für Anleger, die sich langfristig engagieren wollen.

Auf Expansionskurs

Nach mageren Jahren läuft das Geschäft der Pharma-Zulieferbetriebe wieder hochtourig. Das lässt sich an den Spitzenresultaten der Dottikon ES ablesen. Doch auch Konkurrent Siegfried präsentiert sich in aufsteigender Form. 2015 stieg der Umsatz um über 50 Prozent auf 481 Millionen Franken. Der Schub ist auf die Übernahme des Wirkstoffgeschäfts der BASF zurückzuführen. Bereits Ende 2014 wurde die deutsche Hameln Pharma dazugekauft. Doch weil die akquirierten Firmen weniger profitabel sind als das Stammhaus, vermochte der Ertrag nicht Schritt zu halten. Das Ebitda legte 31 Prozent zu, während der Reingewinn wegen Sonderfaktoren stagnierte.

Dennoch sind die Übernahmen wichtig für die Zukunft des Zofinger Unternehmens. Laut Konzernchef Rudolf Hanko (61) hat man nun die für diese Branche wichtige kritische Grösse von rund 500 Millionen Franken erreicht. Damit könne das auf chemische Wirkstoffe spezialisierte Unternehmen rascher auf Wünsche von Kunden reagieren, so Hanko.

Nun gilt es, die neuen Konzernteile ertragsstärker zu machen. Allerdings wird das nicht von heute auf morgen passieren. Die Aktien, die ein für das laufende Jahr geschätztes KGV von 18,9 aufweisen, erfordern denn auch etwas Geduld.

Vergoldete Führung

Einige Leser fragen mich seit Wochen an, weshalb die Aktien von Syngenta so weit unter dem Übernahmeangebot notieren. Es ist tatsächlich augenfällig: Der chinesische Staatskonzern ChemChina bietet umgerechnet rund 454 Franken plus 5 Franken Sonderdividende pro Titel. Die Valoren des global grössten Produzenten von Pflanzenschutzmitteln und führenden Anbieters von Saatgut dagegen verkehren 19 Prozent unter dieser Offerte.

Die Befürchtung mancher Anleger, dass der Deal gar nicht zustande kommt, erscheint nicht unberechtigt. Das liegt nicht an den Chinesen. Vielmehr scheint sich bei der US-Sicherheitsbehörde CFIUS, die das Geschäft absegnen muss, Widerstand zu regen. Jüngst wurde bekannt, dass ChemChina ihren Antrag an die amerikanische Behörde nochmals eingereicht hat. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Anscheinend drohte der erste Antrag zu scheitern.

Was passiert, wenn die 43-Milliarden-Franken-Übernahme nicht zustande kommt? Ein Analyst meint, der Kurs dürfte bis auf 320 Franken zurückgehen; das entspräche einem vertretbaren KGV von 20. Allerdings würde der Agrochemiekonzern sowieso ins Visier eines anderen kaufwilligen Konzerns geraten, beispielsweise von Bayer, BASF oder Monsanto. Falls nicht, muss sich das Management des Schweizer Konzerns warm anziehen.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Führungskräfte nur an ihrem eigenen Bankkonto interessiert sind. Kommen die Chinesen doch noch zum Zuge, kassiert die Geschäftsleitung sage und schreibe 50 Millionen Franken, der Verwaltungsrat streicht 17 Millionen ein. Denn die Führung unter dem neu angetretenen CEO Erik Fyrwald (56) und Präsident Michel Demaré (59) hat Zugriff auf gesperrte oder für künftige Leistungen bereitgestellte Aktien. In meinen Augen eine Absurdität. Zumal sich die Syngenta-Spitze immer wieder hohe Saläre zuschanzen liess, obwohl die Leistungen nicht den Wünschen entsprachen. Blitzt ChemChina ab, müssen wohl auch die Syngenta-Manager weichen.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Anzeige
Anzeige