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Thunfische in der Wirtschaft

Thunfische in der Wirtschaft
Zu Tode geschrumpft: Die Wirtschaft kann von den Thunfischen lernen.OCEANA/Thierry Lannoy

Ein Unternehmen, das sich gesundschrumpfen will, schrumpft sich möglicherweise zu Tode. Das lernen wir im Mittelmeer.

Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2015-05-15

Wörter kommen in Mode, weil sie den jeweiligen Zeitgeist besonders präzis beschreiben. Eines dieser Wörter ist «gesundschrumpfen».

Gesundschrumpfen sagt, dass alles besser wird, wenn aus etwas Grossem etwas Kleines wird. Wenn zum Beispiel Grossbanken zu Kleinbanken werden, ist das gesund. Wenn aus Grossindustrien Kleinindustrien werden, ist das gesund.

Gesund heisst geschrumpft.

Zuletzt habe ich zum Beispiel über Media Markt, McDonald’s und die Reformierte Kirche des Kantons Zürich gelesen, dass sie sich gesundschrumpfen möchten. Sie wollen kleiner werden, um besser zu überleben. Viel Vergnügen, kann ich da nur sagen.

Eine tödliche Strategie

Etwas klein zu machen, was Grösse verlangt, ist eine tödliche Strategie. Mir fallen dabei immer die Thunfische ein.

Thunfische sind, wie man weiss, stark bedroht, besonders im Mittelmeer. Man beschloss also, sie in bestimmten Meeresregionen zu schonen. Alle gefangenen Thunfische, die kleiner als zwei Meter waren, mussten ins Meer zurückgeworfen werden. Die kleineren und jüngeren Fische überlebten also den Fang. Nur die grösseren und älteren Fische, die länger als zwei Meter waren, wurden geschlachtet und verarbeitet.

Was passierte nun? Fische sind ­unglaublich schnell, wenn es um die ­Anpassung an neue Lebensbedingungen geht. Auf einmal wurden in der Region keine Thunfische mehr geboren, die grös­ser als zwei Meter wurden. Schon nach wenigen Generationen setzten sich bei der Fortpflanzung jene Männchen durch, die nur unter zwei Meter kleine Nachkommen produzierten.

Kraftlos wegen der geringeren Körpergrösse

Und was passierte nun? Die Thun­fische verhungerten. Auch die erwachsenen Fische waren nun kleiner als zwei Meter, aber sie verhungerten, weil sie zu klein geworden waren. Sie waren aufgrund ihrer geringeren Körpergrösse zu langsam und zu kraftlos, um ihre Beute wie Heringe und Makrelen zu erjagen. Die geschrumpften Raubfische kamen nicht mehr an genügend Futter heran. Sie waren nicht gesundgeschrumpft, sie waren totgeschrumpft.

Es ist dies ein schönes Beispiel zum Thema der kritischen Grösse. Kritische Grösse heisst, dass es ein bestimmtes Körpermass braucht, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Dieses Mass ist im Regelfall der Marktanteil, also die Durchsetzungskraft gegenüber den anderen Marktteilnehmern. Liegt man unter diesem Mass, hat man nicht die Power, die es zu einem erfolgreichen Beutezug braucht.

Von den Thunfischen lernen

Man kann von den Thunfischen also einiges für unsere Unternehmenswelt lernen. Downsizing, so zeigt sich, ist ein delikater Prozess. Wer gross war, wird es nur mit Mühe schaffen, als Kleiner erfolgreich zu sein. Alle Unternehmen, die sich derzeit gesundschrumpfen wollen, von Peugeot über Nokia bis Air Berlin, stecken in ähnlichen Problemen. Sie werden kleiner, aber auch langsamer. Die Konkurrenz ist schneller auf der Jagd nach der Kundenbeute.

Ich kenne auch kein historisches Beispiel, bei dem aus einem erfolgreichen grösseren Unternehmen ein erfolgreiches mittleres Unternehmen geworden wäre. Saurer, Crossair und Mövenpick haben es ohne Fortüne versucht.

Man kann aus einem Thunfisch nicht eine Forelle machen.

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