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Bühne 
Riccardo Chailly trägt das Erbe eines Heiligen

Folgt auf seinen Lehrmeister Claudio Abbado: Riccardo Chailly.  Keystone

Mit Riccardo Chailly als neuen Chefdirigenten wird sich das Lucerne Festival verändern. Das muss so sein, der Stamm der Abbado-getreuen Instrumentalisten bröckelt längst. Aber wird es Bestand haben?

Kommentar  
Von Manuel Brug
18.08.2015

Es ist fast schon gespenstisch. Der 18 Jahre junge Riccardo Chailly wurde einst von Claudio Abbado als Assistent an die Scala geholt, inzwischen amtiert der grossartige, immer noch gern unterschätzte Dirigent dort als Musikdirektor. Die Berliner Philharmoniker, Abbados altes Orchester, haben sich zwar eben für einen jüngeren Chef entschieden, aber im nächsten Sommer wird Chailly, der auch an Abbados Sarg in Bologna stand, diesen beim Lucerne Festival Orchestra (LFO) beerben. Er ist damit nach Arturo Toscanini, der dieses besondere Orchester 1938 begründete, der dritte prominente Italiener auf dem Posten des Chefdirigenten, der eigens für Abbado 2003 neu belebt wurde.

Riccardo Chailly hat freilich noch einen dritten Chefsessel: Seit 2005 steht er dem Gewandhausorchester in Leipzig vor; wenngleich dort im Frühsommer die Gerüchte brodelten, er würde womöglich seinen bis 2020 verlängerten Vertrag schon 2018 oder noch früher beenden. Schön also für Luzern und seinen Intendanten Michael Haefliger, wo heute unter Bernard Haitink die Sommerfestivalsaison beginnt. Auch weil damit die Zeit der Unsicherheit zu Ende geht. 2014 hatte man schon eine Nachfolge-Pressekonferenz einberufen und wieder abgesagt, weil man merkte, dass der ursprünglich anvisierte Kandidat Andris Nelsons doch ein wenig zu viel zu tun hat.

Alle Festivals sind gleich, aber einige sind gleicher

Doch das grundsätzliche Problem in Luzern, mit dem Konzertprogramm in Salzburg, dem Berliner Musikfest und anderen Orchesterfestivals, ist damit nicht gelöst: die Austauschbarkeit. Alle backen mit den gleichen Zutaten, die gern gewählten Mottos («Humor» dieses Jahr in Luzern, «Ironie» im nahen Gstaad) ähneln sich, ebenso die Composer in Residence und die Artistes étoiles.

Am 3. September startet etwa Daniel Barenboim mit der Staatskapelle das Berliner Musikfest – mit einem von ihm auch sonst gern gespielten Schönberg-Programm –, einen Tag später eröffnet er mit seinem Orchester das Bonner Beethovenfest – wieder mit Schönbergs «Variationen op. 31», einer Pflicht-Beethoven-Ouvertüre, und der 1. Elgar-Sinfonie, ebenfalls ein Lieblingsstück.

Und natürlich ist Barenboim (diesmal mit dem West-Eastern Divan Orchestra) auch schon vorher in Luzern, so, wie das Israel Philharmonic Orchestra, das Boston Symphony Orchestra, die San Francisco Symphony, und (zum letzten Mal) das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das ebenfalls vom Vierwaldstätter See an die Spree wechseln wird.

Ein extrem teures Festival

In der Innerschweiz hatte man mit dem extrem teuren Lucerne Festival Orchestra, wo die Musiker aus der ganzen Welt eingeflogen wurden und mindestens drei Wochen vor Ort logierten, wenigstens ein Alleinstellungsmerkmal. Denn Claudio Abbado dirigierte ausser bei seinen drei Mai-Terminen in Berlin in seinen letzten Jahren nirgendwo sonst ein Sinfonieorchester. Offenbar glaubte man, dass Abbado unsterblich sei. Der inzwischen 90-jährige Pierre Boulez kann auch längst nicht mehr die für ihn begründete Akademie leiten, und seine Nachfolge muss dringend geklärt werden.

Das LFO wird sich unter Chailly verändern. Das muss so sein, der Stamm der Abbado-getreuen Instrumentalisten bröckelt längst. Aber wird es Bestand haben? Die Karten bei dem kaum subventionierten Festival kosten zwischen happigen 170 und 350 Franken, ausverkauft ist es gegenwärtig nicht. Und ob Chailly, der auch anderswo Sinfoniekonzerte dirigiert, einen ähnlichen Mythos entfesseln wird wie der am Ende zum Heiligen der Musik verklärte Claudio Abbado? Man hat jetzt einen glanzvollen und guten Namen gewonnen, aber leichter wird es deswegen für das Lucerne Festival nicht.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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