1. Home
  2. Kontributoren
  3. Praktisch jeder Oscar ist eine exzellente Wahl

Kino 
Praktisch jeder Oscar ist eine exzellente Wahl

Die 89. Oscar-Verleihung war eine der besten seit Langem: Sie kam innovativ daher, zwischen Trump-Bashing und Showbusiness-Witzen, und es wurde das beste aufgefahren, was die Branche zu bieten hat.

Kommentar  
Von Hanns Georg Rodek
2017-02-27

Die 89. Oscar-Verleihung ist in der Nacht auf Montag in der totalen Konfusion geendet. Faye Dunaway öffnete den Umschlag für den Besten Film des Jahres und verkündete dann, dass der grosse Favorit gewonnen habe: «La La Land». Die Crew des Musicals feierte und dankte schon auf der Bühne, als Jordan Horowitz, der «La La»-Produzent, sich ans Mikrofon drängte und verkündete: «Der Oscar geht an ,Moonlight’!» Zur Bestätigung hielt er die Karte aus dem roten Umschlag in die Kamera.

Derart chaotische Szenen hat es noch nie gegeben, seit die Oscars 1929 zum ersten Mal vergeben wurden. Offenbar hatte Dunaways Partner Warren Beatty den falschen Umschlag geöffnet. Es war die finale Enttäuschung für den grossen Favoriten «La La Land», der mit 14 Nominierungen in den Abend gegangen war (ein Rekord in der Oscar-Geschichte) und am Ende mit lediglich sechs Trophäen da stand. Damit wiederholte sich der Schock vom letzten Jahr, als «The Revenant» und «Mad Max» sich den Abend über die Preise abwechselnd teilten - und ganz am Ende «Spotlight» den Besten Film gewann.

Auch ohne die Konfusion war es eine memorable Verleihung. Jimmy Kimmel, der erstmals moderierte, warf beinahe im Vorbeigehen ein Dutzend eleganter Pointen in den Raum, die allesamt Ohrfeigen für Donald Trump waren. Die Gewinner hielten sich in ihren Dankesreden eher zurück, nur wenige – wie der mexikanische Star Gael Gaercia Bernal – fanden deutliche Worte.

Generationswechsel in Hollywood

«La La Land» gewann trotzdem noch drei der wichtigen Preise: den für den besten Regisseur (Damien Chazelle, mit 32 der jüngste Regie-Oscarpreisträger aller Zeiten), die beste Darstellerin für Emma Stone, die Kamera für den Schweden Linus Sandgren; dazu kamen Oscars für die Filmmusik, den besten Song und das Produktionsdesign. Der Abend stand auch für einen Generationswechsel in Hollywood.

Die Auszeichnungen, bestimmt in einer Urwahl aller 6000 Akademie-Mitglieder, folgten nicht dem Herdentrieb, der die knapp 100 Wähler der Golden Globes befallen hatte, die «La La» fast alle Preise hinterher warfen. Die Liste der Oscars sieht erheblich differenzierter aus, und praktisch jeder Preis ist eine exzellente Wahl.

Das beste Originaldrehbuch wurde Kenneth Lonergan für sein «Manchester-by-the-Sea» zugedacht und sein Star Casey Affleck als bester Hauptdarsteller erwählt. «Moonlight»-Regisseur Barry Jenkins hielt schon einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch in den Hände, bevor er den für «Moonlight» überreicht bekam. Mahershala Ali (auch aus «Moonlight») wurde bester Nebendarsteller, Viola Davis (aus «Fences») erhielt die entsprechende Auszeichnung bei den Frauen.

Zwischen Trump-Bashing und Showbusiness-Witzen

Dass die grosse deutsche Hoffnung «Toni Erdmann» leer ausging, hatte man über das Chaos schon beinahe vergessen. Stattdessen gewann «Forushande» (Der Verkäufer) aus dem Iran. Das wurde allgemein als politisches Zeichen gegen den Einreisebann für Moslems interpretiert; der Regisseur Asghar Farhadi hatte im Vorfeld erklärt, aus Protest gegen die Trump-Direktive nicht zur Verleihung kommen zu wollen (und war wirklich nicht da).

Auch ohne das sensationelle Ende war die 89. Verleihung eine der besten seit langer Zeit. Sie kam innovativ daher (u.a. wurde eine Gruppe ahnungsloser L.A.-Touristen durch eine Hintertür in den Saal gelotst), Kimmel fand die Balance zwischen Trump-Bashing und selbstreferenziellen Showbusiness-Witzen, und an Stars auf der Bühne wurde das beste aufgefahren, was die Branche zu bieten hat.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Anzeige