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Nachplapperer im Büro sind trotzdem sympathisch

Die Papageien im Büro sind trotzdem sympathisch
Papagei: Nachplapperer gibt es auch im Büro. Pixabay

Das klimatisierte Büro und der tropische Wald sind das Biotop der ­Papageien. Sie imitieren dauernd andere und sind trotzdem sympathisch.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
Aktualisiert vor 6 Minuten

Kennen Sie auch diese Papageien im Büro? In einem Meeting sagen Sie zum Beispiel: «Meine Erfahrung ist: Auch Vertriebswege sind Vertrauenssache.» Eine Viertelstunde später hören Sie, wie einer Ihrer Kollegen am Telefon sagt: «Ich sage mal so: Auch ­Vertriebswege sind Vertrauenssache.»

Oder Sie sagen in einer Sitzung: «Ich glaube nicht mehr an Ad-hoc-Workflows.» Eine Stunde später hören Sie in der Kantine vom Tisch hinter Ihrem Rücken einen interessanten Satz: «Ich glaube nicht mehr an Ad-hoc-Workflows.»

Es sind die Papageien im Betrieb. Papageien sind die grossen Imitationskünstler dieses Planeten. In der Literatur ist Captain Flint der bekannteste Vertreter der Spezies, der Piraten-Vogel aus Robert Louis Stevensons «Schatzinsel».

Mehr als reine Nachahmungstäter

In der Wissenschaft ist der Graupapagei Alex der bekannteste Vertreter der Spezies. Alex ist der bisher beste Beweis, dass Papageien mehr sind als reine Nachahmungstäter. Nachplapperer sind auch im Büro mehr als dumme Nachplap­perer. Aber darauf kommen wir noch.

Graupapagei Alex war das Studienobjekt der Forscherin Irene Pepperberg. Er hatte einen ­aktiven Wortschatz von rund 150 Vokabeln. ­Passiv kam er auf 500 Wörter, die er verstand. Er konnte viel mehr als reine Imitation. Die Forscherin präsentierte ihm etwa einen Korken, ­einen Schlüssel und eine Nuss und zeigte auf das Stück in der Mitte: «Schlüssel», krächzte Alex.

Am Schluss seines Daseins, er starb 2007, löste der Vogel selbst komplexe Probleme. Wenn man ihm beispielsweise zwei blaue und vier rote Schlüssel zeigte und ihn nach der Anzahl der roten Schlüssel fragte, dann sagte er: «Vier.» Nächste Frage: Und was ist verschieden? Alex: «Die Farbe.»

Alex konnte bis sechs zählen, er kannte sieben Farben und sechs geometrische Formen. Forscherin Pepperberg siedelte ihn auf dem intellektuellen Niveau eines fünfjährigen Homo sapiens an und auf dem emotionellen Niveau eines Zweijährigen. Manchmal gab Alex, wie ein gelangweiltes Kind, bewusst eine falsche Antwort, obschon er die richtige wusste. Wenn die Forscherin darauf irritiert reagierte, sagte er: «I’m sorry.»

Nachahmung ist eine soziale Interaktion

Warum Papageien Laute nachahmen, ist seit Alex und ­nachfolgenden Studien gut geklärt. Nachahmung ist eine soziale Interaktion, mit der man sich Freunde schafft. Papageien sind gesellige Wesen. Wenn zum Beispiel andere Vögel zum Spielen auffordern, imitieren sie ­deren Töne und signalisieren so, dass sie 
auch zur Spielgruppe gehören wollen. Nach­ahmung ist Anpassungsverhalten.

Damit wären wir zurück in der täglichen Spielgruppe, also im Büro. Auch dort ist Nach­ahmung Anpassungsverhalten. Wir kennen alle die hoffnungsvollen Jungmanager. Sie imitieren bei jeder Gelegenheit die Krächzer ihres Chefs, etwa jene von der «technologischen Disruption» und dem «crossfunktionalen Approach». Sie wollen in der Spielgruppe dazugehören.

Eine Bitte um Dazugehörigkeit

Nachahmung, so sagt die Biologie, ist eine Bitte um Dazugehörigkeit. Papageien denken, 
sie würden sympathischer, wenn sie andere ­kopierten. Es ist eine Art Respektbezeugung, eine Imagepflege zwecks Integration.

Das hat was. Wenn Sie am Telefon Ihrem Kollegen zuhören, der einen Ihrer Merksätze – «Auch Vertriebswege sind Ver­trauenssache» – wie ein Papagei wiederholt, dann regen Sie sich nicht auf. Der Papagei wird Ihnen nicht unsympathisch. Sie freuen sich sogar über die Imitation. Schlauer Bursche, ­denken Sie über den Kollegen, der weiss zumindest, wem er zuhören muss.

Nachahmung 
ist eine Bitte um Dazugehörigkeit. Es ist eine Art Respekt­bezeugung, eine Imagepflege zwecks ­Integration.

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