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Bühne 
Münchens Konzertsaal wird kein Wolkenkuckucksheim

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Entwurf: Bis 2020 soll das Konzerthaus fertig sein.Cukrowicz Nachbaur

Der Siegerentwurf für das neue Konzerthaus in München steht fest. Es zeigt sich: Mit dem 300-Millionen-Glaspalast will man das Machbare, nicht das Wolkenkuckucksheim. Kritiker spotten bereits.

Kommentar  
Von Manuel Brug
2017-11-02

Habemus Konzertsaal. Die Stadt hechelt vor Freude. Die Architekturkommission hat sich entschieden. Endlich darf München nachlegen mit dem, was die einen schon länger – Berlin, Köln, Porto, Tokio, Luzern, Singapur – und die anderen seit Kurzem – Reykjavik, Kopenhagen, Paris, Hamburg – haben.  Nicht, dass man mit dem nun ab 2020 für wohl 300 Millionen Euro von der Stadt zu sanierenden Gasteig, dem Herkulessaal und dem Prinzregententheater keine repräsentativen Klassikspielstätten für die 1,5 Millionen Einwohner hätte.

Aber das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (der selbst nicht bauen darf) wollte unbedingt was Eigenes, und der geltungssüchtige CSU-Staat sah sich gegenüber anderen Metropolen irgendwie im Zugzwang. So will Noch-Ministerpräsident Horst Seehofer wenigstens an dieser Front, an der seit 15 Jahren heftigst debattiert und gestritten wurde, landesherrschaftlich einen schöngeistigen Sieg einfahren.  

Entwurf eines Aussenseiterteams

Das soll nun mit dem Entwurf eines Aussenseiterteams geschehen. Nicht Frank Gehry, Herzog & de Meuron oder Jean Nouvel, die alle schon auf ihre Landmark-Bauten in Los Angeles, an der Elbe oder am Vierwaldstätter See hinweisen können, kamen unter den 31 Einreichungen zum Zug, sondern das eher unbekannte Österreicher Büro Cukrowicz Nachbaur. Dessen bisher bekanntester Bau ist das 2013 eröffnete Landesmuseum Vorarlberg gleich neben Peter Zumthors ikonischem Kunsthaus am Bodenseeufer.  

Die Entscheider und auch Mariss Jansons, der gegenwärtige BR-Chefdirigent, zeigten sich zweckoptimistisch und mögen jetzt nur noch schnell anfangen. Jansons hat sogar Geld für den Neubau gestiftet. 

Trotzdem wurden natürlich gleich Kritik und Polemik am Aussehen der geplanten siebenstöckigen Glastonne laut. Dabei sind die Vorgaben eng. Man hatte gross gedacht, wollte mindestens an die Isar oder neben die ehemalige Wittelsbacher-Residenz, was alles abgeschmettert wurde.  

Ohne spektakuläre Zugangsperspektive

Von 40 Optionen blieb irgendwann das sogenannte Werksviertel am nur drei S-Bahn-Stationen vom Marienplatz und eine vom Gasteig entfernten Ostbahnhof übrig. Es ist das ehemalige Pfanni-Gelände, das der Besitzer gegenwärtig als Filetgrundstück für Wohnen, Lernen und Freizeit entwickelt. Ein Konzerthaus auf einem Erbpacht-Grundstück des Ex-Knödelmischers kommt da als Aushängeschild und Anziehungspunkt natürlich gelegen.  

Platz gibt es aber nur auf schmal geschnittenen 3500 Quadratmetern, mehr als ein Gebäude von 50 mal 70 Metern oder 35 mal 100 Metern ist da nicht drin. Ohne grosse Freiflächen, ohne eine spektakuläre Zugangsperspektive. Da muss Pragmatismus regieren, schon weil es nicht zu teuer werden soll und schnell gebaut werden muss.

Konventionelles Auditorium

Der Siegerentwurf stapelt den Konzertsaal (1800 Plätze) über einen Kammermusiksaal (600 Plätze). Die ebenfalls gewünschten Nebenräume für Education und Einführung, die auch von der Musikhochschule zu nutzen sein sollen, sind auf der Rückseite des Gebäudes angeordnet, das seine Funktion mit einer doppelt verglasten Aussenhaut unkenntlich macht.  

Auch an Gastronomie und Läden wurde gedacht. Im eher auf das konventionellere, akustisch einfach zu beherrschende Schuhschachtel-Modell zurückgehenden Auditorium soll es, so die vagen, noch zu überarbeitenden ersten Interieurvorstellungen, zwei dreiseitig umlaufende Ränge und einige Plätze hinter dem Podium geben.  

Lieber das Machbare  

Und während die lokalen Platzhirschmedien schon glückstrunken von ihrer «Musikkathedrale» schwärmen, die freilich so gar nichts Himmelstürmendes, Wegweisendes hat, ätzen die anderen über den als Schneewittchensarg, Heuschober, Gletschereis, Glashaus, Panettone-Schachtel, Arche Noah, Musikscheune, Seehofers Gewächshaus, Konzertschrein, Klangschiff auf Grundeis, Philharmonic-Headquarter oder Aspik-Terrine abgetanen Siegervorschlag.

Die offiziellen Stimmen von Politik und Rundfunk halten sich freilich zurück, ohne allerdings in Jubel auszubrechen. Sie wollen das Machbare, nicht das Wolkenkuckucksheim.

Was Münchner Baurealität ist: Architekturvisionen finden sich – des streitbaren Stefan Braunfels’ Pinakothek der Moderne einmal beiseitegelassen – in den letzten 30 Jahren immer anderswo als an der Isar.

Frommer Wunsch

Andere, wie Staab-Architekten, David Chipperfield oder die Dänen 3XN A/S, hatten eigenwilligere Ideen, nicht immer praktisch, aber toll anzusehen. Doch in Bayern will man 2018, wenn Wahlen sind, den Spatenstich gesetzt haben, bis 2020 soll es fertig sein, nicht mehr als 300 Millionen Euro möchte man ausgeben. Angesichts der gegenwärtig von Berlin über Köln bis Stuttgart aus dem Kostenruder und der Zeitschiene laufenden Bauten wohlmöglich ein allzu frommer Wunsch.  

Sowieso muss nun auch noch ein obligatorischer Akustikguru bestimmt werden. Nicht geklärt ist zudem, ob dieses Haus mit einem eigenen Etat und einem verantwortungsvollen Intendanten im konservativen, von wenigen Schwergewichten gesteuerten Münchner Klassikmarkt regulierend eingreifen kann. Denn ob Wow-Fassade oder nicht – entscheidend ist, wie es innen klingt.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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