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Fuhrs Woche 
Mit der Latzhose endlich zu sich selbst finden

Mit der Latzhose endlich zu sich selbst finden
Das perfekte Kleidungsstück: die Latzhose.  Keystone

Mein Körpergefühl hat sich komplett verändert, denn weder Knopf noch Gürtel müssen diese Hose halten. So kann die Körpermitte ohne Beengung endlich zu sich selbst finden. Ein Plädoyer für die Latzhose

Kommentar  
Von Eckhard Fuhr
2015-05-15

Diese Woche habe ich es nach 35 Jahren wieder getan: Ich habe mir eine Latzhose gekauft, eine grüne mit blauen Besätzen, verstärkter Kniepartie, elastischen Trägern und so vielen Taschen, dass ich immer noch nicht alle entdeckt habe. Es ist kaum zu glauben, was alles man in dieser Hose mit sich herumtragen kann, ohne dass es stört. Ich fand das Modell im gut sortierten Landhandel. Es gab nur das eine. Aber das ist perfekt.

Weil ich in den vergangenen Tagen kaum etwas anderes getan habe, als im Garten herumzuwühlen und auf die Jagd zu gehen, kam ich aus der Latzhose gar nicht mehr heraus. Ich bin mit ihr verwachsen. Mein Körpergefühl hat sich komplett verändert, denn weder Knopf noch Gürtel müssen diese Hosen halten. So kann die Körpermitte ohne Beengung und Einschnürung endlich zu sich selbst finden.

Es kommt mir so vor, als sei ich mit einem Schlag gelenkiger und bewegungsfroher geworden. Der Übergang von stehender in gebückte Haltung und umgekehrt wird ungemein erleichtert, wenn kein Hemd mehr aus der Hose rutschen kann. Auch Hosenträger mit Metallklipsen, die bei extremer Dehnung der Träger wie Zwillengeschosse wirken und schmerzhafte Verletzungen verursachen können, gehören nun der Vergangenheit an.

Angstfreies Hosentragen

Kauft man die Hose gross genug und verfügt sie über genügend dehnbare Partien, vermeidet man auch die schädlichen Hebelwirkungen im Schritt, die beim Bücken entstehen können und die von Latzhosengegnern immer wieder gegen dieses perfekte Kleidungsstück vorgebracht werden.

Aber diese Jungs, denen der Hosenbund näher an den Kniekehlen als am Nabel hängt und die unentwegt damit beschäftigt sind, ihr Beinkleid an jenem Breitengrad zu fixieren, der die äußerste Grenze des Schicklichen markiert, wissen einfach noch nichts davon, wie befreiend angstfreies Hosentragen sein kann.

In meiner Generation stand das Latzhosentragen um 1980 herum in Blüte. Die Latzhose drückte ökologisches Bewusstsein aus. Lila gefärbt, kleidete sie Feministinnen. Ich fand ungeschminkte Frauen in Latzhosen eigentlich ganz attraktiv, zumal wenn sie mit einem Tropfen Grasöl hinter dem Ohr wie ein Heuboden dufteten.

Meinen Kindern kaufte ich natürlich auch Latzhosen. Um das Geld dafür zu verdienen, musste ich mich allerdings latzhosenfeindlichen Dresscodes fügen. Nun fallen solche Zwänge nach und nach von mir ab. Der Kreis schliesst sich, alles ist möglich. Das Leben ist herrlich. Und nirgendwo kneift es.

 Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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