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Utopien 
Mit Benefizkonzerten ist es nicht mehr getan

Mit Benefizkonzerten ist es nicht mehr getan
Christoph Schlingensief: Der Regisseur gründete 1998 die Protestpartei «Chance 2000». Keystone

Die Welt brennt, und die kreative Kaste genügt sich selbst. Dabei wären es gerade die Kunstschaffenden, die jetzt Verantwortung zu übernehmen hätten. Was würde Christoph Schlingensief dazu sagen?

Kommentar  
Von Martin Häusler
Aktualisiert vor 4 Minuten

Christoph Schlingensief gründete 1998 eine Partei. Er nannte sie Chance 2000. Prominente Parteimitglieder waren Kunstschaffende wie Harald Schmidt, Alfred Biolek, Tom Tykwer und Wolfgang Joop. Ziel war es, der «grassierenden Politikverdrossenheit entgegen­zutreten», die «Souverän des Staates» wiederherzustellen und alle anzusprechen, die sich von der «herrschenden Gesellschaft erniedrigt, entrechtet und beleidigt fühlen», nämlich «Sozial­hilfeempfänger, Ausgegrenzte und Aussenseiter».

Christoph Schlingensief mischte sich mit der Aktion in den Bundestagswahlkampf ein, der Helmut Kohls letzter werden würde. Er wollte einen Artiku­lationsprozess in Gang setzen zwischen «denen da oben» und «denen da unten» und plädierte dafür, «wieder sprechen zu lernen». Er sagte: «Geregelte Parteistrukturen lassen das Gespräch zur Zeremonie oder Farce verkommen. Das Gespräch wiederzuentdecken scheint eine der erfolg­versprechendsten Methoden zu sein, eine erstarrte, verkrustete Gesellschaft wieder in Bewegung zu bringen.»

Damals gab es tatsächlich einen Wechsel, der kam allerdings in Form von Gerhard Schröder. Schlingensiefs Partei Chance 2000 erhielt um die 30000 Stimmen und wurde in den Folgemonaten aufgelöst.

Die Situation hat sich verschärft

18 Jahre später. Christoph Schlingensief ist seit sechs Jahren tot. Die Situation, auf die er damals mit seiner Parteigründung reagierte, ist immer noch die gleiche, sie hat sich sogar verschärft, extrem verschärft. Als Defätist könnte man daraus schliessen, dass die Wirksamkeit von Kunst und Künstlern recht überschaubar ist und die Schlingensiefsche Aktion eher Folklore war. Man könnte aber auch folgern, dass nie jemand die Nachfolge von Christoph Schlingen­sief angetreten hat – auch nicht die Parteimitglieder von damals.

Ich hatte das Glück, Schlingensief mehrfach sprechen zu können, durfte so ein wenig in sein Herz hineinblicken. Ich bin überzeugt davon, dass er in diesen Tagen eine neue Partei gegründet hätte, um an der Utopie einer gerechteren Gesellschaft weiterzuarbeiten und nicht den Radikalen das Feld zu überlassen. Vielleicht hätte er sie «Chance 3000» genannt oder «Die Alternative zur Alternative für Deutschland».

Aber er ist tot und blickt nun hinab auf seine Partei­genossen. Auf einen wie Harald Schmidt, der sich jüngst im Gespräch mit dem Stern ungeheuer selbstzufrieden gab und den Anschein vermittelte, sich von der Gesellschaft ver­abschiedet und auf eine Beobachterposition zurückgezogen zu haben.

Öffent­lich den Finger in die Wunde legen

Aber wären es nicht gerade die Kunstschaffenden, also diejenigen, die von Berufs wegen und dank ihrer Prominenz mit einem grossen Publikum arbeiten, die gerade jetzt Verantwortung zu übernehmen hätten, indem sie öffent­lich den Finger in die Wunde legen, Debatten befeuern und vor allem die Gespräche mit den Verzweifelten und Enttäuschten wieder­aufnehmen? Wären es nicht gerade die Wortarbeiter, die in diesen von Desinformation, fehlender Empathie und der Arroganz der Macht geprägten Zeiten ihre Talente zur Verfügung stellen müssten?

Mit punktuellen Benefizkonzerten und Charityauftritten ist es da nicht mehr getan. Solche Energien verfliegen so schnell, wie sie erzeugt wurden. Der Druck aus dem Eck der Schauspieler, Regisseure, Musiker, Maler und Publizisten müsste dauerhaft hochgehalten werden. Chris­toph Schlingensief hat so gearbeitet, er erzeugte diesen Dauerdruck, möglicher­weise hat er sich so selbst geopfert.

Wer also tritt sein Erbe an? Wie sehen Sie das, Herr Schmidt? Und wieso haben die Kollegen des Stern Sie das nicht gefragt? Weil es lediglich um Pointen ging? Die US-Literaturnobel­preisträgerin Toni Morrison hat verstanden, wenn sie sagt: «Dies ist genau die Zeit, in der Künstler ihre Arbeit aufnehmen. Keine Zeit für Verzweiflung, kein Platz für Selbstmitleid, kein Grund zu schweigen, kein Raum für Angst. Wir sprechen, wir schreiben, wir arbeiten mit Sprache. Nur so können Zivilisationen heilen.»

Schlingensief hätte bei so einem Satz applau­diert, weil er exakt sein Selbstverständnis beschreibt. Er hätte sich die Nummer von Morrison organisiert, um mit ihr zu besprechen, wie denn die nächste Bewegung zu initiieren sei.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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