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Design 
Mexikos surrealistischer Traum im Urwald

Installationsansicht von Gabriel Orozco. Markus Tretter © Gabriel Orozco und Kunsthaus Bregenz

Mexikos Laz Pozas ist ein Ort gestalterischer Exzentrik. Eine Welt aus surrealistischen Elementen und vor allen Dingen einer im corbusierischen Sinne völlig sinnfreien Funktionalität.

Kommentar  
Von Peter Zizka
09.02.2017

Der eine oder andere Leser dieser Kolumne wird sich bei dem Titel denken, dass dem Schreiberling dieser Zeilen die zapataesken Sicherungen durchgebrannt wären, aber ganz so schlimm steht es nicht um ihn. Der Initationsritus dieser Zeilen besteht darin, einen Besuch in Mexico City bei Stefan Sagmeister nachzubereiten.

Mit dieser designorientierten emotionalen Bildungsreise reihe ich mich in die Karawane der vielen Gestalter, Künstler und Kreativgnostiker ein, die in diesem mittelamerikanischen Hort der Improvisation die Scheuklappen eines allzu rasterorientierten Designdogmas ablegen wollen. Hier trieben sich selbst Bauhaus-Quadrat-Zampanos wie Joseph Albers aber auch der Macher des «Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2» herum.

Eine revisionistische Bewusstseinserweiterung

Auch mir wird schnell eine revisionistische Bewusstseinserweiterung zu teil: Als einer, der mit dem Medienformat eines Philips Tizian, samt der damals üblichen TV-Serienausstattung aus «Bonanza» und «Unsere kleine Farm» aufwuchs, imaginierte ich den typischen Mexikaner als weiss gekleideten, allzeit schläfrigen Sombreroträger mit einer tapferen und emotionalen Frau an seiner Seite. Allesamt arme Menschen, die im Umfeld eines Kirchturms noch ärmlichere Hütten bewohnen und von einem darwinistischen Grossgrundbesitzer gequält wurden.

Das Erwachen des Mexikaners erfolgt laut diesen hirnrissigen Wild-West-Episoden grundsätzlich nur durch den kulturellen und faktischen Kampfwillen des Helden, zum Beispiel der glorreichen Sieben, die in der Regel eine in Mittelamerika angeblich vorherrschende ökonomische Siesta radikal beenden.

Der Abendstern der Ökonomisierung sinkt

Was tragisch ist für dieses, im Unterbewusstsein des medial indoktrinierten erste Welt Couchsurfers herumgeisternde Bild: Gegenwärtig sinkt der Abendstern der Ökonomisierung durch das Zutun der drei Kapitalismuskönige Trump, Bannon und Conway rapide, aber auch der unserer rätselhaft populismusanfälligen Westworld. Die in Branding-Präsentationen vielzitierte Leadership angelsächsischer Denkmuster ist nur noch ein vom Manhattenprojekt geworfener Schatten seiner selbst. SUV´s und das Transport-Einer-Kam-Durch-Pendant Ford F150 markieren dabei den Gestalt gewordenen Überlebenswillen einer gefährdeten Spezies die im Ertrinken «Amerika First» «Deutschland den Deutschen» als kriegerisches SOS in die Welt schreit.  

Aber zurück zu Mexiko. Das hier neben der toxikologischen Grundausstattung der Verbraucher nördlich der Grenze an einer Kultur der Farbe und Improvisation gearbeitet wird, muss ein permanenter Aufreger für eine amerikanische Gesellschaft sein, die in Teilen eine inhaltliche Fokussierung jenseits von vordergründigen Konsum aus dem Auge verloren hat.

Dass Donald Trump die handgewordene Beleidigung der Italiener, Spanier und Südamerikaner bei der täglichen Verkündigung seines absurden Protektionismus-Mantras zelebriert, ist dabei sicher kein gestalterischer Zufall. Vielleicht basiert diese signaletische Aggression darauf, eine Basisorientierung in einer Welt aus archaischen Besitzmodellen, die aus den Fugen geraten ist, wiederherzustellen.

Trotz enormer Probleme erscheint Mexiko dynamischer

Anders als dieses seltsam präsidiale, erstarrte Ritual, samt einer vornewegrennenden und alt gewordenen KEN-Figur aus der Mattel-Mottenkiste, erscheint Mexiko trotz enormer Probleme mit Drogen und Gewalt dynamischer und auf der Suche nach neuen gesellschaftlichen, aber auch künstlerischen und gestalterischen Positionen, die ein weniger darwinistisch orientiertes Modell verfolgen.  Die alte Welt versucht die Reibungsfläche zu diesen problembehafteten, alternativen Lebensmodellen mit perfektionistischen Mauern und Abschottungs-Designs zu schliessen. Sie beweist damit ein ums andere Mal wie unvereinbar der gegenwärtige globale Verteilungsschlüssel mit dem altruistischen und demokratischen Selbstbild ist.

Dass sich genau an diesen Schnittstellen eine systembedingte Plattentektonik einstellt und zu exzessiven Gewaltausbrüchen führt, wird immer stärker sichtbar. Darin besteht sicher einer der Gründe, warum man auf der anderen Seite der Mauer revolutionärer denken muss und schon seit langem über ungeahnte Kompetenzen verfügt.

In einer von Selbsterkenntnis geprägten Realität

Die mexikanische Designszene befindet sich zum Beispiel in einer stark von dieser Selbsterkenntnis geprägten Realität: Mexiko ist nicht nur Agrarland sondern Werkbank, High-tec-Standort und damit auch unmittelbar beteiligt an vielen globalen Ideenfindungsprozessen. Aktuelle mexikanische Designgrössen wie Ariel Rojo, Hector Esrawe, Michel Rojkind oder Cecilia León de la Barra arbeiten schon seit einiger Zeit an einer nationalen und doch global und ökologisch ausgerichteten Designidentität, die jenseits rein formaler Formfindungsprozesse funktioniert. Die dabei entstehende Qualität gestalterischer Arbeiten, egal ob in 2- oder 3D sprechen für sich, zumal einem die historischen Bezüge dieser Überlegungen schon beim passieren der Torres Satélite von Luis Barragán Morfín klar werden.

Anders als in Europa ist zum Beispiel ein räsonieren über den gesellschaftlichen Wert der Improvisation und des Unfertigen kein Design-Kapitalverbrechen, sondern vielmehr für Mexikaner kein Tabu. Aus meiner Sicht wird diese Kombination eher als ein Grund für den Stolz auf die ureigene Kombination aus Improvisation und Perfektion gesehen. Das ermöglicht einen allseits akzeptierten Hang zu einer ganz eigenen Formensprache, die dem schon in Diego Riveras Wandbildern spürbaren Drang nach Freiheit entspricht.

Mexikanisch-kolorierte visuelle Ergonomie

Sie manifestiert sich unter anderem im ungeregelt virtuosen Einsatz und Zusammenspiel unterschiedlichster Farben, ganz egal ob an den Wänden der Armen oder Reichen. Wohlgemerkt, man hat es hier mit einer art gestalterischer Selbstverständlichkeit zu tun und nicht mit artifiziellen HOLI-Imitationen für Partypeople und corbusiergeschädigte Rasterfassadenbewohner, die zum esoterisch rot-pigmentierten Fremdschämen sind.

Diese mexikanisch-kolorierte visuelle Ergonomie ist so weich gefedert wie die hydropneumatische Federung eines Citroen DS Pallas und darf zumindest als bewusstseinserweiternd betrachtet werden.

Die Abwesenheit unserer gewohnten ingenieurgesteuerten Härte treibt dabei auch andere, zumindest gestalterisch gesehen, erholsam Blüten jenseits einer geistlosen Funktionalität. Die salonfähig gewordene, totalitär aufgeräumte und damit langweilige Augen-Logistik unserer deutschen Neubauviertel, verblasst bei Anblick von Strommasten, die eine universelle Chaostheorie als elektrifiziertes Datengewölle und ästhetisches Kabelnest in fünf Meter Höhe manifestieren. Dieses optisch zelebrierte Scheitern des Kontrollstrebens unserer ersten Welt, die auf unvergängliche INOX-Schrauben und Meister-Propper-Sauberkeit setzt, ermöglicht eine neue kritische Sicht auf den vergessenen Wert von Patina und Vergänglichkeit.

Überraschend viele Vegetationsgebiete

Um genau das zu sehen, fahre ich dann auch nach Xilita, eine siebenstündige Autoreise mit Serpentineneinlagen, die die G-Kraft Resistenz meines Verdauungstraktes auf eine harte Probe stellen und einem bei jedem entgegenkommenden MACK-Truck den Angstschweiss auf die Stirn zaubert. Für einen Europäer durchreist man hier überraschend viele Vegetationsgebiete.

Es geht vom 2500 Meter hoch gelegenen Mexico City über die 85´ an Tizayuca vorbei durch ein Gebiet, das durch eine Mischung aus Agrarnutzung und Industrialisierung geprägt ist und der Po-Ebene gleicht bis nach Tetzhu, wo sich die Landschaft zu einer Art andalusischen Halbwüste wandelt.

Damit nicht genug, kaum fährt man bei Maguey Verde ins Gebirge, sieht man sich mit einer Gletscher-Muränenlandschaft mit Übergängen ins Mediterrane konfrontiert, die dann schliesslich bei Xilitla eine von Epiphyten geprägte tropische Welt mündet. Eine Naturreise die in ihrem visuellen Abwechlungsreichtum der Farbigkeit der mexikanischen Lebenswelten in nichts nachsteht.

Klarer Architektur- und Designbezug: Es geht um Las Pozas

Aber diese Reise ist kein Natur- Selbsterfahrungs-Trip sondern hat einen klaren Architektur- und Designbezug: es geht um Las Pozas. Eine 20 Hektar grosse Anlage die ein Exzentriker aus dem Brexit-Land namens Edward James eben dort angelegt hat. Eine Welt aus surrealistischen, antiken oder modernen Elementen und vor allen Dingen einer im corbusierischen Sinne völlig sinnfreien Funktionalität.

Ein betongewordener Traum - eine künstlerische Partymeile, die im Kontext von natürlichen Wasserfällen und Vegetationsformen das Unfertige, dem Verfall anheim gab und so eine andere Art der Perfektion erschuf.

Zugegeben skurril, aber im Angesicht des Scheiterns unseres von fossilen Brennstoffen befeuerten Gestaltungswillens, erscheint mir diese Idee mehr als interessant. Taucht man in dieses, im Regenwald versteckte architektonische Labyrinth ein, relativieren sich Sinnfälligkeit und Gefahr. Treppen enden im Nichts, Geländer sind Fremdworte, bauphysikalische und -statische Gesetze scheinen ausser Kraft gesetzt.

Der Körper wird zum integralen Bestandteil

Die gänzliche Abwesenheit des sonst mit so viel Design- und Architekturinbrunst um uns gesponnen Kokons aus Feuerlöschern, ergonomischen Türklinken, genialen Storage-Lösungen und statusorientierter Möblierung wird hier anders als zu erwarten dennoch nicht als schmerzlich empfunden. Vielmehr gerät der Körper im Rahmen der allgegenwärtigen Vergänglichkeit zum integralen Bestandteil dieses Environments und nicht zum pflegeintensiven Engerling, den das Facility Management unserer Skyscraper-Terrarien möglichst perfekt pampern muss.

Das Gefühl einer für mich seltsam empfundenen Melange aus Selbstbewusstsein und Reduktion, ganz ohne Magic Mushrooms oder sonstige psychedelische Helferlein, stellt sich ein. Die Form- und Farben-Oppulenz von Natur und Vergänglichkeit gibt es als analoge Dreingabe.

Wie eine Abstinenz von perfektionistischen Dogmen

Das ein Engländer diesen gestalterischen Overload in Mexiko realisierte, erscheint mir nach den Erfahrungen mit der hier existieren gestalterischen Perspektive nicht verwunderlich. Es muss sich für ihn wie eine Abstinenz von perfektionistischen Dogmen angefühlt haben, als ein Kaleidoskop gestalterischer Möglichkeiten, die es zu kombinieren galt.

Las Pozas, dieser vergesse Ort gestalterischer Exzentrik ist eine Reise wert, doch ich muss jetzt zurück im nagelneuen SUV einer deutschen Automarke. Die Spaltmasse stimmen perfekt, es knarzt nichts, der Wagen liegt gut in der Kurve, sieht gut aus, das Pairing mit dem Iphone klappt makellos, klasse - hoffentlich mache ich die Innenausstattung beim Einsteigen nicht dreckig… 

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