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Silicon Valley 
Mein Freund, der Robo-Berater

Intelligente Software-Beratersysteme senken die Kosten der Vermögensverwaltung.

«Ist automatische Vermögensverwaltung wirklich besser?» Möglich wäre es, denn Roboter sind wie gemacht für Zahlenspiele. Doch dem programmierten Erfolg legt der vorsichtige Mensch Steine in den Weg.

Veröffentlicht 11.09.2015

Auf den ersten Blick ist Geld nichts anderes als Sammlung von Zahlen. Da macht es Sinn, die Finanzplanung dem Computer zu überlassen. Und es verwundert nicht, dass sich Silicon Valley und Wall Street Hals über Kopf in Startups wie Betterment, SigFig oder Wealthfront verlieben – Neulinge, die versprechen, Anlageberatung mit schlauen Algorithmen zu automatisieren, um berechenbar bessere Ergebnisse zu erzielen: sexy!

Für die Finanzbranche selbst bedeuten solche Systeme zunächst einmal das Potenzial, Kosten zu sparen. Ein Robo-Berater verlangt kein Gehalt und keine Gewinnbeteiligung, kann also deutlich billiger sein. Kunden wird ein Erlebnis versprochen, das jedes Telefonat mit dem traditionellen Vermögensverwalter alt aussehen lässt: moderne Webseiten, elegante Mobil-Apps, Informationen in Echtzeit, investieren überall und jederzeit. Kein Wunder also, dass die Startups exponentielles Wachstum für die Anlagewerte melden, die sie verwalten.

Schaut man genauer hin, zeigt sich allerdings, dass die Robo-Berater einen steinigen Weg vor sich haben: Bei allen Vorteilen, die sie bieten mögen, müssen sie auch eine Reihe von Herausforderungen meistern.

Ähnliche Systeme, ähnliche Ergebnisse

Die Anmeldung bei einem automatisierten Anlageberaterservice beginnt in der Regel mit einer Befragung: «Welche Ziele verfolgen Sie? Wie gross ist Ihre Risikobereitschaft? Wie lange wollen Sie Ihr Geld anlegen?» Auf der Basis solcher Fragen und Antworten stellt das System einen Vorschlag für ein Portfolio aus börsengehandelten Investmentfonds (ETFs) und Anleihen zusammen.

Bei allen Versprechen der Individualisierung: Tatsächlich sind diese Empfehlungen von Anbieter zu Anbieter oft verblüffend ähnlich, und die Anlagestrategie beruht meist auf dem Grundsatz, dass man besser nicht versuchen sollte, die Märkte zu schlagen. Auch wenn es gute Gründe gibt, zurückhaltend zu investieren – für die Robo-Berater stellt diese einprogrammierte Vorsicht ein ernstes Problem dar: Solange sich die Algorithmen ähneln, wird keiner der Dienste damit prahlen können, eine bessere Performance zu bieten als Wall-Street-Mittelmass. Oder auch nur der Konkurrent von nebenan, selbst wenn die Ergebnisse im Einzelfall ein wenig variieren mögen.

Einer wie der andere

Im Wettlauf der Robo-Berater mühen sich die Firmen nach Kräften, neue Funktionen zu erfinden, die Mitbewerber noch nicht bieten. In der Anfangsphase brachte das die nötige Differenzierung, die es den Startups erlaubte, sich von anderen abzuheben. Doch inzwischen beherrschen praktisch alle digitalen Investmentberater dieselben Grundfunktionen: Zusammenstellung eines persönlichen Portfolios; automatische Verkäufe zur Optimierung von Steuerzahlungen («tax loss harvesting»); permanente Portfolio-Beobachtung und automatisches Umschichten der Anteile; automatisches Investieren von Dividenden-Zahlungen.

Gebühren, ganz wie früher

Für ihre Dienste verlangen Robo-Berater eine monatliche Gebühr, die je nach Anbieter leicht schwankt, aber deutlich unter dem bleibt, was traditionelle Vermögensverwalter verlangen. Wealthfront- und SigFig-Kunden etwa zahlen 0,25 Prozent Jahresgebühr auf den Wert ihres Portfolios über 10’000 Dollar, statt wie üblicherweise mindestens ein Prozent des Anlagewerts.

Das ändert aber nichts daran, dass sich die Neulinge am selben, uralten Geschäftsmodell orientieren: Sie verlangen einen proportionalen Anteil am – hoffentlich wachsenden – Vermögen ihrer Kunden. «Silicon Valley zu Wall-Street-Preisen», nennt das der Firefox-Mitgründer Blake Ross. Trotz niedrigerer Prozentsätze, argumentiert Ross, seien die Gebühren deutlich zu hoch – schliesslich lägen die Grenzkosten der Robo-Beraterdienste nahe null. Es ist also noch reichlich Luft im System, um Kosten für die Kunden zu senken.

Rabattschlachten

Wenn sich Produkte gleichen, entscheiden Kunden gemeinhin nach dem Preis. Für Anbieter bedeutet es dann eine zunehmende Herausforderung, inmitten von eskalierenden Rabattschlachten zu überleben. Dieses Phänomen lässt sich in vielen Branchen beobachten – bei Fluglinien, Festplatten-Herstellern, Cloud-Diensten, Mobilfunk-Anbietern und Banken. Tatsächlich beginnen nun auch unter Robo-Beratern die Preiskämpfe. Als Erster steigt Aspiration mit dem Schlachtruf in den Ring: «Zahlen Sie nur, was fair ist!»

Und dann?

Trotz aller Einwände: Es gibt aus meiner Sicht keinen Zweifel, dass intelligente Software-Beratersysteme sich in der Finanzwelt etablieren und für Dienstleister aller Art eine wichtige strategische Rolle spielen werden. Die Automatisierung senkt dramatisch die Kosten der Vermögensverwaltung und erlaubt es Banken, komplexe Investmentangebote auch für Menschen zu schaffen, die sich sonst gar kein eigenes Portfolio (etwa zur Alterssicherung) leisten könnten. Und wenn die Wall Street auf diese Weise ein Stück näher an Normalbürger heranrücken sollte, haben die Hightech-Unternehmer auf jeden Fall etwas Gutes erreicht – für ihre eigenen Zwecke, aber auch für die Gesellschaft ganz allgemein.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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