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Krimi 
Margaret Atwood ist politisch, ohne die Fiktion aufzugeben

Margaret Atwood ist politisch, ohne die Fiktion aufzugeben
Margaret Atwood: Die Autorin hat totalitäre Welten entworfen. Keystone

Margaret Atwood liest die Zeichen der Zeit, findet Wegweiser in der Wildnis der Gegenwart, betritt neue Pfade und geht sie bis zu ihrem möglichen Ende. Ein Hommage an die neue Friedenspreisträgerin.

Kommentar  
Von Elmar Krekeler
2017-06-22

Fangen wir mit einer guten Nachricht für alle an, denen die Zeiten ziemlich finster und prä-apokalyptisch scheinen: Die Welt wird nicht untergehen. Jedenfalls nicht vor dem Jahr 2114, wenn wir Heutigen wohl ohnehin Staub und Knochen sind.

Margaret Atwood muss davon überzeugt sein. Zum einen ist die frisch ernannte Friedenspreisträgerin die Expertin für literarische Weltuntergänge aller Art, zum zweiten ist sie, das hat sie mal selber gesagt, fest überzeugt, dass wir die Erde und uns mit ihr nicht endgültig zuschande reiten, solange es noch Leser gibt.

Letzteres wird eben noch 2114 der Fall sein, sonst hätte Margaret Atwood, die immerhin auch schon 77 Jahre alt ist und sich eigentlich nur noch mit Dingen beschäftigen wollte, die ihr Freude machen, sich nicht an einem wahrhaft utopischen Verlagsprojekt beteiligt.

Dafür sammelt ein norwegischer Verlag hundert Romane und will diese als literarische Flaschenpost fürs 22. Jahrhundert in 97 Jahren veröffentlichen.

In einem permanenten Wettlauf

Was natürlich ein bisschen stutzig machen sollte, ist die Tatsache, dass sich das Werk der Margaret Atwood, die nicht müde wird, ihre Literatur nicht als utopische darzustellen, sondern als «spekulative Fiktion», dass sich also ihr Werk und die Zeitläufte gewissermassen in einem permanenten Wettlauf befinden.

Was man sehr schön daran sehen kann, dass auf den Anti-Trump-Demos Anfang des Jahres zum einen Schilder hochgehalten wurden, auf denen «Make Margaret Atwood Fiction Again» stand – womit die aufscheinende Trump-Welt mit der Republik Gilead in Beziehung gesetzt wurde, jenem hardcorechristlichen, postapokalyptischen amerikanischen Regime, das Atwood Mitte der Achtzigerjahre im «Report der Magd» erfunden hatte.

Eine Parallele, der sich letztlich auch die ziemlich schicke Serie verdankt, die nahezu gleichzeitig mit dem Aufstieg Trumps produziert wurde und die kurz nach seinem Amtsantritt anlief.

Zum anderen wurden beim «Women’s March» in Washington aber auch Plakate hochgehalten, die schon Ende der Achtziger gegen die Abtreibungsgesetzgebung der Republikaner in einigen US-Bundesländern zur Anwendung kamen und auf denen stand, dass «Der Report der Magd» keine Handlungsanweisung sei.

Zum Debüt ein protofeministischer Roman

Dieses Wettrennen mit den Zeitläuften begann schon mit Atwoods erstem Roman. Den hat sie 1962, also mit 23 Jahren, konzipiert und mit 24 Jahren geschrieben. «Die essbare Frau» heisst das Buch und ist ein ziemlich typischer Atwood – der Entwicklungsroman einer jungen Meinungsforscherin, die allmählich der Enge und Abgeschlossenheit ihres (Frauen-)Lebens gewahr wird und am Ende mit höchst eigenwilligen Mitteln ausbricht.

Fertig war er 1963, erschienen ist er allerdings erst sechs Jahre und sechs Gedichtbände später, mitten in den ersten Boom feministischer Literatur in Amerika hinein. Als «protofeministisch» hat ihn Margaret Atwood deswegen stets bezeichnet, wenn man ihn eingemeinden will in die sogenannte Frauenliteratur.

Spekulative Fiktion, keine Utopie

Überhaupt verweigert sich Atwood der Verpflichtung ihrer Literatur auf irgendeine politische Agenda. Im selben Masse, wie sie darauf hinweist, dass der (entgegen der allgemeinen Wahrnehmung gar nicht so grosse) dystopische Zweig ihres in alle literarische Formen ausgreifenden und umfangreichen Werks eben nicht mit Science-Fiction verwechselt werden sollte, keine Utopie liefert, sondern «spekulative Fiktion» ist.

Sie – die ihre frühe Kindheit an der Seite ihres Insekten erforschenden Vaters in den Wäldern Kanadas verbracht hat – liest die Zeichen der Zeit, findet Wegweiser in der Wildnis der Gegenwart, und dann betritt sie neue Pfade und geht sie bis zu ihrem möglichen Ende.

Wobei sie von ihrer Art literarischer Folgenforschung stets und zu Recht behauptet hat, dass jeder der Schritte, die sie und ihre Romane gehen, in der Geschichte der Menschheit schon einmal gegangen worden sei. Was den Grad der Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann in Gilead oder in der Welt von Oryx und Crake landen, natürlich erhöht.

Zumal man sicher sein kann, dass der Hase, der durch einen ihrer spekulativ-fiktiven menschlichen Machbarkeitsstudien hoppelt und im Dunkeln leuchtet, eben nicht bloss das Projekt irgendeines Genlabors ist, sondern längst Nachkommen bekommen hat.

Margaret Atwood nutzt ihre Zeit, die ihr nach dem Schreiben von gut fünf Seiten am Tag und der Pflege ihres seit Trump auch noch immer stärker wachsenden Twitteraccounts (1,5 Millionen Follower) bleibt, für wissenschaftliche und gesellschaftliche Feldforschung – gewissermassen zur Schärfung ihrer Sehkraft (die so weit geht – kleiner Scherz –, dass sie nicht mal blind tippen kann).

Künstliche Paradiese gibt’s um die Ecke

Was wiederum zur Folge hat, dass es kaum einen Schriftsteller gibt, der sich – in Essays, Gedichten, Comics, Erzählungen – einer derartigen Vielfalt von Themen angenommen hat.

An dieser Stelle muss leider mit einer gängigen Vorstellung aufgeräumt werden. Die Wildnis der künstlichen Paradiese, die Margaret Atwood konstruiert (sie war schon als Kind eine begeisterte Tüftlerin und hätte auch Automechanikerin werden können), liegen – wie bei der beinhart gegenwärtigen «Essbaren Frau» – bei weitem nicht überwiegend zeitlich um die nächste Ecke, sondern gewissermassen geografisch.

Der Teil ihres Werks, in dem sie die Schraube ihrer Geschichten in Richtung Zukunft gedreht hat, ist durchaus geringer, als es immer scheint.

Hartnäckige, aber liebende Zauberin

Atwood nimmt das mögliche Morgen oder das erfundene Heute, baut – das hat man schon mal auf ihre Kindheit in der Blockhütte am See zurückgeführt – daraus abgeschlossene Welten, stellt Figuren hinein und pfercht sie in eine gesellschaftliche Versuchsanordnung. Und dann schaut sie zu, wie sie sich verhalten, welche Fluchtwege sie sich suchen.

Sie lässt sie so lange nicht in Ruhe, bis sie Muster gefunden hat und wenigstens einen Anschein von Wahrheit. Atwood muss man sich dabei (was auch ihrer Erscheinung nach sehr gut passt) als hartnäckige, aber liebende Zauberin vorstellen.

Dass zuletzt ihre Version von Shakespeares «Sturm» erschien, passt gut. Sie ist Prospero und Ariel in einem. Und manchmal bricht Caliban durch, der in Atwood so gewaltig ist wie auf Shakespeares Insel.

Etwas zu sagen zu haben, reicht nicht

Was sie da an Dioramen hinzaubert und was gerade auch durch ihre profunden Kenntnisse der Natur selbst dann extrem realistisch wirkt, wenn es weit weg zu sein scheint von unserer Gegenwart, wird dabei nie zur bloßen Botschaft, nie selbst Plakat, Hinweisschild.

Margaret Atwood mag Umweltaktivistin sein, Gesellschaftskritikerin, eine «engagierte Schriftstellerin» ist sie nicht. In keiner Zeile ihrer Bücher steht, was sie zu sagen hat, über dem, was sie zu erzählen hat.

Viel Hoffnung hat Margaret Atwood übrigens nicht, dass am Ende alles gut geht mit uns, dass wir alle Menetekel erkennen in der Wildnis der Wirklichkeit und in den Büchern von Margaret Atwood. Dass wir lernen. In Interviews ist sie noch pessimistischer als in ihren zuletzt von grimmigem Humor ein bisschen heller gewordenen Romanen.

Geht die Welt am Ende doch noch unter?

Die Menschen müssten ihre Gewohnheit schon komplett ändern, sagt sie, dann hätte die Erde eine Chance. Würden sie das tun, die Menschen, würde es aber keine Menetekel mehr brauchen. Und keine Leser mehr.

Dann müsste – nach der eingangs erwähnten Atwoodschen Logik – die Welt untergehen. Es ist kompliziert. Warten wir’s ab. Und lesen weiter.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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