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Strategie & Führung 
Machthunger und Gier sind schlechte Ratgeber

Machthunger und Gier sind schlechte Ratgeber
Demonstration in Zürich 2008: Gegen Gier helfen ethisch verankerte Leaderpersönlichkeiten.Keystone

Der Ruf der Wirtschaft hat in der Öffentlichkeit gelitten. Verschuldet haben dies Unternehmenslenker mit falschen Werten. Nun sind integre Persönlichkeiten, also ehrbare Kaufleute gefordert.

Kommentar  
Von Leonhard Fopp
2015-12-15

Leider melden uns die Medien immer wieder unglaubliche Geschichten, wie hauptsächlich grosse Unternehmen betrügen: Sie leisten Korruptionszahlungen über «schwarze Kassen» (Siemens), missachten Gesetze (UBS), verbuchen mit Fälschungen zu hohe Einnahmen (Toshiba, Enron), produzieren zu viel Schadstoffe (Asbest) und treffen unerlaubte Preisabsprachen (Handels-, Pharma- und Stromkonzerne).

Aber auch oberste Führungskräfte setzen süchtig auf Wachstum (VW-Gruppe) und sichern sich oft persönlich exzessive Gehälter und Boni (Daniel Vasella), die keinen Bezug zur eigenen Leistung haben.

Grobes Fehlverhalten konzentriert sich bei wenigen

Unethisches Verhalten hat es schon immer gegeben. So gilt im Volksmund: «Schmieren und Salben hilft allenthalben». Dabei müssen wir beachten, dass in anderen Ländern andere Sitten herrschen und dass unsere bewährten Verhaltensnormen in Drittländern das erfolgreiche Geschäften erschweren.

Interessant ist nur, dass viele internationale Firmen mit dem klarkommen, und nur wenige – und offensichtlich immer die gleichen – sich ein grobes Fehlverhalten leisten, welches dann Klagen und massive Strafzahlungen auslöst.

Grössenwahn und Wachstum um jeden Preis

Von Managern bewirkte Konzernkatastrophen gibt es manche. Die Ursache für solche Missstände ist nur beschränkt das Versagen der kollektiven Kontrollsysteme, welche seit der Jahrhundertwende mit den Corporate-Governance-Bestimmungen zu einem Höhenflug ansetzten. Vielmehr liegt das Übel im Denken und Handeln weniger Schlüsselpersonen.

Erfolgreich sein und nachhaltiges Wachstum zu realisieren, dies ist nicht leicht. Gross ist der globale Wettbewerbsdruck, überall wird die tiefste Kostenbasis angestrebt und manche Volkswirtschaft stagniert, nicht zuletzt wegen den stark gefallenen Rohstoffpreisen.

Und dennoch hat beispielsweise die Volkswagen-Gruppe um Piëch und Winterkorn intern und extern die Ambition proklamiert, die globale Nummer eins zu werden und das Volumen an produzierten Fahrzeugen massiv zu steigern. Diese Verliebtheit in Maximalwachstum und in Kombination mit Machtgier beziehungsweise Geltungsbedürfnis der Spitzenleute hatte fatale Auswirkungen, wie wir inzwischen aus der Presse informiert wurden.

Problematisches Unternehmensklima

Aufgrund von Manipulationen an den Dieselmotoren und den Abgaswerten muss der VW-Konzern Millionen von Autos zurückrufen und umrüsten. Dies nicht nur bei einer Marke und nicht nur in einem Land, sondern überall. Also keine Einzelaktion sondern ein gezielt umgesetztes Programm, um die hohen Zielvorgaben zu erreichen.

Diese beiden zitierten Unternehmensleiter sind Vertreter der alten Managergarde, die subtil die eigenen Interessen über jene der Firma stellten. Autoritär, detailverliebt und selbstherrlich haben sie den Konzern nach ihrem Gusto geführt und damit ein Klima der Angst bewirkt. Die Entscheide wurden an der Spitze gefällt, unabhängig ob ein strategisches Thema oder ein Produktionsdetail zur Debatte stand. Über diese materialistische Führung hat sich eine Kultur der «Unterwerfung» und des voreiligen Gehorsams entwickelt, wo nur noch Dinge eingeleitet wurden, die den Chefs passten. Konstruktive Kritik war nicht mehr gefragt.

Machtgier kommt teuer

Dieses unnatürliche Streben nach exzessivem Wachstum und Marktbeherrschung illustriert, dass ein harmonisches Gleichgewicht zwischen ökonomischen und ökologischen sowie sozialen Werten nicht mehr da ist. Und dass sich die «kriminellen» Firmen vermehrt bewusst im Grauzonenbereich bewegen, wo sich eine Kultur der Trickserei breit machen kann.

Die Auswirkungen dieser Machtgier sind ein nicht bezifferbarer Imageverlust und «Reparatur- und Schadenersatzzahlungen» in mehrfacher Milliardenhöhe. Nun muss der neue VW-Chef Matthias Müller korrigieren. Es ist eine Herkulesaufgabe, bei über 600‘000 Mitarbeitenden einen neuen Spirit zu verankern, welcher auf gesunden und nachhaltigen Werten aufbaut. Und der einen «kreativen Nonkonformismus» ermöglicht.

Geldgier gefährdet die Unternehmensexistenz

In vielen Grossbanken und hauptsächlich US-dominierten Konzernen haben die primär variablen Vergütungssysteme viele Top-Manager dazu verleitet, ihre Geldgier massiv auszuleben und sich so zu bereichern, dass niemand mehr die hohen Bezüge erklären und rechtfertigen konnte.

Obwohl dies nur eine kleine Gruppe von CEO und obersten Führungskräften (beispielsweise Daniel Vasella und Marcel Ospel) betrifft, ist der volkswirtschaftliche Schaden enorm. Dies haben Führungspersönlichkeiten mit einem riesigen Wertedefizit bewirkt. Bei ihnen dominierten Egoismen und Eitelkeit, Gier und auch Grössenwahn, die dem Unternehmen massiv geschadet haben und sogar den ganzen Wirtschaftszweig diskreditierten.

Ethikkrisen können leider nicht durch gesetzliche Rahmenbedingungen vermieden werden. Bedauerlich haben auch die teilweise neu eingesetzten «Remuneration-Committees» der Verwaltungsräte ebenso versagt wie die eilig eingeführten Governance-Richtlinien mit ihren Vorschriften und Verhaltensregeln. Dies beweist einmal mehr, dass auch die besten «Checks and Balances» wirkungslos bleiben, wenn die Unternehmensleiter aus ihrer inneren Überzeugung nicht wie ehrbare Kaufmänner handeln.

Revival des ehrbaren Kaufmanns

Diese Institution aus dem Mittelalter steht für Tugenden, die den wirtschaftlichen Erfolg zum Ziel haben, ohne den Interessen der Gesellschaft zu schaden. Werte wie Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Echtheit, Redlichkeit, Demut, Fleiss und Sparsamkeit werden privat und im Unternehmen gelebt.

Wenn nun an der Unternehmensspitze Persönlichkeiten mit einer soliden ehrlichen Werthaltung stehen und wenn die ihre positive Energie im ganzen Konzern umsetzen können, dann ist dies viel besser als jedes staatliche oder betriebliche Regelwerk.

Wir brauchen ethisch verankerte Leaderpersönlichkeiten. Sie für das betreffende Unternehmen zu begeistern, sie zu rekrutieren und sie zu halten, das ist primär die Aufgabe der Aufsicht. Der Verwaltungsrat muss somit die ursächliche und nicht delegierbare Verantwortung bei der Besetzung der Unternehmensspitze mit Chefs wahrnehmen. Diese muss das Essentielle im Unternehmen kennen und mit Energie eine nachhaltige Firmenentwicklung steuern können. Erwartet werden Teamplayer, die mit ihrer Aura und überzeugenden Argumenten eine Aufbruchsstimmung bewirken und einen «winning spirit» verankern.

Doppelte Unternehmensführung bietet die Lösung

Gebraucht wird vielerorts auf normativer Ebene (Unternehmensverfassung) eine ehrliche und innovative Erneuerung. Wenn ethisch fundierte Werthaltungen über konsequentes Monitoring und eine adäquate Governance betrieblich greifen, und die Aufsichtsbehörde wirklich auch kompetent und herzhaft eingreift, dann werden die Unternehmenskulturen wieder offener, innovativer und dynamischer.

Einfach ausgedrückt ist die Zeit der doppelten Unternehmensführung gekommen. Dieses neue Paradigma setzt einerseits auf eine essentiell-emotionale Führung, wo Ethik, Werte, Kompetenzen, Symbole und Geschichten gefragt sind, und anderseits auf eine finanziell-analytische Führung, wo die nachhaltige Unternehmensentwicklung auf betrieblicher, sozialer und globaler Ebene überwacht wird. Das mehrdimensionale Früherkennungs- und Monitoring-System beruht auf Einfachheit.

Aber nochmals: Der Dreh- und Angelpunkt sind verantwortungsvolle Leader-Persönlichkeiten, die wie ein ehrbarer Kaufmann denken und handeln. Und die in der Lage sind, die Unternehmenskultur so zu prägen, dass Kundenorientierung, Innovation, Servicebereitschaft, Ehrlichkeit und Partnerschaft Wirklichkeit werden. Damit überleben die Firmen und dann stimmen auch übermorgen die Zahlen.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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