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Utopien 
Jan Böhmermann und die Rückkehr der Hofnarren

Jan Böhmermann und die Rückkehr der Hofnarren
Löste mit seinem Schmähgedicht eine Staatsaffäre aus: Jan Böhmermann. Keystone

Wie werden wir in ein paar Jahren über die Böhmermann-Affäre denken? Vielleicht erfahren wir in den Memoiren Angela Merkels mehr, irgendwann einmal. Wie sich das lesen könnte.

Kommentar  
Von Martin Häusler
2016-04-14

Eine Staatsaffäre durch einen Komiker, so etwas durfte nie wieder passieren. Nach dem Freispruch Jan Böhmermanns durch das deutsche Bundesverfassungsgericht hatte der türkische Präsident Erdogan höchstselbst die Grenzzäune für die nach Norden drängenden Flüchtlinge geöffnet und damit für eine zweite Masseneinwanderung in Deutschland gesorgt. So wie man nach dem Zweiten Weltkrieg von den «Schindlerjuden» gesprochen hatte, die durch den grossherzigen Industriellen Oskar Schindler vor den Fängen der Nazis gerettet wurden, erfand irgendjemand aus der Fraktion den «Böhmermannsyrer».

Die Böhmermannsyrer erklärten den Satiriker nun zu einer Art Schutzheiligen und pilgerten in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft zu dessen Kölner Adresse, um Blumen niederzulegen und selbstgemachte Falafel anzureichen. Jeden Tag musste die Kölner Stadtreinigung anrücken, um Platz für neue Ehrerbietungen zu schaffen. Da ich selber nicht ganz unschuldig war, sagte ich der Kölner Oberbürgermeisterin zu, für die Kosten aufzukommen.

Den Erschrecker mit ins Kabinett holen

Im Kanzleramt sassen wir lange zusammen, um zu beraten, wie denn ein solches Desaster in Zukunft verhindert werden könnte, wie man einer Schmähschrift eines Moralrebellen zuvorkommen könnte. Tagelang, nächtelang blieben die Gespräche erfolglos, bis meine Kulturstaatsministerin eines abends meinte, man könne doch wieder so etwas wie Hofnarren einstellen, den Erschrecker quasi mit ins Kabinett holen.

Die Runde schreckte auf. Hofnarren? Ja, sagte sie und erklärte, dass der Hofnarr im Mittelalter doch fester Bestandteil des Hofstaats gewesen ist. Nicht etwa, um sinnlos-dämliche Scherze zu zünden, sondern um mit seinem freischwebenden Geist Szenarien, Visionen, Utopien, Eventualitäten zu entwerfen. Diese, so liess ich mir sagen, hat der Hofnarr dem Regenten vor Augen geführt und damit dessen politische Entscheidungen einer Art Tauglichkeitscheck unterzogen. Hätte ich mit einem Hofnarren im Vorzimmer vielleicht gemerkt, wie erpressbar Deutschland gewesen ist nach dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei? Das frage ich mich bis heute.

Mögliche «Bundesnarren»

Ein Hofnarr! Ich fand die Idee formidabel. Noch am gleichen Abend erstellten wir eine Liste von möglichen «Bundesnarren», so sollten sie bei uns heissen. Plötzlich waren alle bei der Sache. «Gottschalk, Engelke, Raab!», riefen die einen. «Schmidt, Schramm, Richling!», schrien die anderen. «Ach was, Welke, Schweiger, Rohde!», wussten es wieder andere besser. Als mein Sprecher ungefähr fünfzig Namen notiert hatte, nahm ich den Zettel und zerriss ihn. «Böhmermann», sagte ich. «Nur Böhmermann!˚

Am nächsten Morgen rief ich persönlich bei dem armen Kerl an. Zu dem Zeitpunkt lebte er unter anderer Identität auf Island, weil er mal gelesen hatte, dass Island das friedlichste Land der Welt sei und dort relativ wenige Moslems lebten. Bekanntlich hatten Salafisten in einem der Falafel einen Sprengkörper versteckt, der zwar rechtzeitig von der dieses Mal sehr wachsamen Kölner Polizei entdeckt wurde, Böhmermann aber dazu veranlasste, sich aus der Domstadt sicherheitshalber eine zeitlang zu verabschieden.

Was haben wir gelacht

Böhmermann glaubte zuerst an eine Telefonverlade und reagierte überrascht. Ebenso überrascht war er von meinem Vorschlag, ihn als Bundesnarren ins Kanzleramt zu holen. Nach drei Tagen Bedenkzeit sagte er zu, ich liess ihn vom Kollegen Altmaier abholen, wenig später schnitzte Böhmermann - zwei Büros neben meinem - seine Sprüche.

Jeden Tag nach der Lagebesprechung hatte er seinen Auftritt. Das machte er so gut, dass Woche für Woche immer mehr Eingeweihte dazukamen, um sich die Derbheiten, Schmähungen und Injurien anzuhören. Was haben wir gelacht. Natürlich galt totales Handyverbot, sodass nichts nach draussen sickern und eine neue Staatsaffäre ausgelöst werden konnte. Schoten dafür hätte es reichlich gegeben.

Zeit der Erweckung

Und Böhmermann, dem ich nach einem Monat zwei weitere Bundesnarren genehmigte, öffnete uns immer wieder die Augen, liess uns die Krisen und unsere Reaktionen darauf aus Blickwinkeln betrachten, von denen wir nicht mal ahnten, dass es sie gibt, so sehr steckten wir in den algorithmisch laufenden Prozessen des Politikbetriebs.

Ich war doch recht erstaunt von vielen meiner eigenen zurückliegenden Entscheidungen und gleichzeitig so inspiriert davon, vieles jetzt anders machen zu können, dass ich weitere Gastnarren ins Kanzleramt kommen liess: Schauspieler, Maler, Musiker, Regisseure, Schriftsteller, Komödianten, Kabarettisten. Es war für uns alle ein Kulturschock, oder sagen wir es positiv, es war eine Zeit der Erweckung, der Befreiung. Der Geist von Wahrheit, Aufrichtigkeit und Anständigkeit machte sich in unseren Entscheidungen breit. Wieder war Deutschland Vorreiter auf dem Weg zu einem menschlicheren Europa.

Dankbar für Beleidigungen

Andere Regierungen taten es uns gleich und installierten ganze Abteilungen von Hofnarren. Dass nicht alle die Sache mit den neuen Kreativberatern wirklich verstanden, erkannte man daran, dass manch prominenter Witzbold schnell wieder auf die Strasse gesetzt wurde. Ihre Auftraggeber hatten schlicht die Beleidigungen gegen sie selbst nicht ertragen können.

Ich bin Jan Böhmermann dankbar für seine Beleidigungen, und er hat mich wirklich sehr beleidigt. Aber ich bin dadurch eine bessere Politikerin geworden. Eine Politikerin, für die der freie, kreative Geist mehr erschaffen kann als eine naturwissenschaftliche Formel oder eine Oper in Bayreuth.

 Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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