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iPhone X: Apple traut sich wieder was

Tim Cook: Apple bleibt sich als iPhone-Konzern treu.Keystone

Nach drei Jahren ohne Design-Änderung beweisst Apple mit dem neuen iPhone X, dass es noch innovativ sein kann. Wie nachhaltig Apples Strategie ist, bleibt aber fraglich.

Kommentar  
Von Thomas Heuzeroth
13.09.2017

Als Apple-Chef Tim Cook während seiner Präsentation nach einer Stunde und 20 Minuten kurz innehält, weiss schon der ganze Saal im Steve Jobs Theatre am neuen Konzernsitz in Cupertino was nun folgt. «Wir haben da noch eine Sache», setzt Cook an. «One more thing.» Die Zukunft des Smartphones. Ein Produkt, das «den Weg für die nächste Dekade bereitet».

Und dann wird klar, was das nächste grosse Ding nach dem iPhone bei Apple ist: das iPhone. Nach dem Smartphone kommt das Smartphone. Apple bleibt sich als iPhone-Konzern treu. Und tatsächlich hat Cook mit dem neuen iPhone X etwas zu bieten, das die bisherigen iPhones schon fast museumsreif erscheinen lässt.

Das iPhone X hat ein Display, das sich über die gesamte Vorderseite erstreckt. «Seit über einem Jahrzehnt war es unser Bestreben ein iPhone zu kreieren, das zur Gänze ein Display ist», sagte Apples Design-Chef Jony Ive. So findet ein 5,8 Zoll grosser Bildschirm in einem verhältnismässig kleinen Gerät Platz. Darauf haben viele Nutzer gewartet, die ihre grossen Mobiltelefone nicht mehr in die Hosentasche stecken konnten. Denn wer sich einmal an ein grosses Display gewöhnt hat, schafft es nicht mehr, sich zu verkleinern. Apple hat dieses Problem nun gelöst.

Mit «Face ID» setzt Apple neuen Standard

Nebenbei hat der Konzern dem Fingerabdruckscanner bei seinem neuen iPhone den Todesstoss verpasst. Künftig erkennt das iPhone X seinen Nutzer am Gesicht. Ein Sammelsurium aus Kamera und Sensoren erkennt mit hoher Zuverlässigkeit, wem das Gerät gehört. Das System mit der Bezeichnung «Face ID» funktioniert sogar im Dunkeln, weil es sich auf Infrarot stützt. Die Treffersicherheit liegt bei 1:1 Million. Das heisst, dass es sich im Durchschnitt einmal irrt, wenn es vor eine Million Gesichter gehalten wird.

Damit ist Face ID deutlich sicherer als der Fingerabdrucksensor, der nur auf eine Treffersicherheit von 1 zu 50'000 kommt. «Das ist die Zukunft wie wir Smartphones entsperren», sagte Apple-Manager Phil Schiller am Dienstag. Und tatsächlich dürfte Apple damit einen neuen Standard setzen. Der Konzern ist von seiner Face ID so überzeugt, dass er sogar auf diese Weise Bezahlvorgänge über Apple Pay autorisieren lässt.

Apple traut sich wieder was

Apple hat mit dem iPhone X technologisch ein weiteres Erfolgsprodukt, soviel lässt sich schon jetzt absehen. Was Beobachter noch mehr aufmerken lässt: Der Konzern traut sich wieder etwas. Nach drei Jahren ohne Design-Änderung beim iPhone sahen Kritiker das als bitter nötig an, denn viele Nutzer verzichteten immer häufiger auf ein Update ihres Gerätes, weil ihnen die Veränderungen schlichtweg zu klein waren.
 
Wie viele Käufer sich für einen Preis von 1319 Euro für die grosse Speicher-Version des iPhone X finden lassen, ist noch nicht klar. Doch bislang hat Apple meist gute Erfahrungen mit hohen Preisen für seine Premium-Produkte gemacht. Kein anderer Hersteller schafft es, seine Margen im Smartphone-Markt so hoch zu halten wie Apple. Als der Konzern 2001 für seinen ersten iPod mit einer fünf Gigabyte grossen Festplatte 399 Dollar verlangte, war der Spot gross. Schnell fanden sich Übersetzungen für das Akronym iPod, darunter «Idiots Price Our Devices». Der iPod wurde zu einem grossen Erfolg.

Für all jene, denen das iPhone X am Ende doch zu teuer ist, hatte der Apple-Chef während seiner Präsentation ein Trostpflaster zu bieten. Die bisherigen iPhone-7-Modelle bekommen eine gehörige Auffrischung mit einem schnelleren Prozessor, besserer Kamera und einer Rückseite aus Glas, die das drahtlose Laden erlaubt. Apple verzichtet auf die bisherige Modell-Bezeichnung mit dem Anhängsel «S» und nennt die beiden Modelle nun iPhone 8 und iPhone 8 Plus. Den Fingerabdrucksensor im Home-Button behalten sie.

Knackt Apple die 1-Billion-Dollar-Marke?

Es ist aber vor allem das iPhone X, dass Apple wieder einen Wachstumsschub geben könnte, so wie es der Konzern bei der Einführung des iPhone 6 mit seinen grösseren Displays erlebt hat. Nötig wäre das, denn seit zwei Jahren gibt es Wachstumsschwierigkeiten. Im vergangenen Geschäftsjahr ging das Wachstum sogar zurück.

Apples Börsenkurs hat das nicht geschadet. Der Konzern ist derzeit 860 Milliarden Dollar wert und könnte als erstes Unternehmen überhaupt die Eine-Billion-Dollar-Marke übersteigen. Wie nachhaltig Apples Strategie ist, bleibt aber fraglich. Das iPhone steht für gut 70 Prozent des Konzerngeschäftes. Das Risiko ist also wenig gestreut.

Apple Watch funktioniert jetzt ohne iPhone

Alle anderen Apple-Geschäfte treten vor der Geldmaschine iPhone in den Hintergrund. Darunter gehört auch die Apple Watch, deren dritte Generation Apple am Dienstag ebenfalls vorgestellt hat. Zwar hat sich ihr Design nicht verändert, dafür bekommt sie aber eine Mobilfunkverbindung, so dass sie auch ohne iPhone Anrufe entgegen nehmen und Nachrichten empfangen kann. Immerhin konnte Cook für das vergangene Quartal ein Absatzwachstum von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum melden.

Auch das Geschäft rund um das Apple TV ist in der Konzernbilanz kaum aufzufinden. Die Box bekommt eine Auffrischung und kann künftig Filme und Serien in der vierfachen HD-Auflösung abspielen, die als 4K bezeichnet wird. Allerdings besitzen die wenigsten Apple-TV-Nutzer einen Fernseher, der in der Lage wäre, diese Auflösung auch darzustellen.

So lang Apple sein iPhone als «One more thing» präsentiert, wird die Abhängigkeit vom Smartphone bestehen bleiben. Das neue iPhone X könnte diesen Trend noch verstärken. Mit dem neuen Modell hat der Konzern gezeigt, dass er innovativ ist. Nun gilt es, das auch an anderer Stelle deutlich zu machen, um vielleicht irgendwann einmal wieder ein echtes «One more thing» zu präsentieren.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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