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Global Helvetia 
Interkulturell geschult: Du sollst die Schweiz ehren!

Du sollst die Schweiz ehren!
Schweizer: Wie geht man am besten mit ihnen um?  Keystone

Das deutsch-schweizerische Verhältnis ist oft geprägt von Vorurteilen. Grund genug, sich als Deutscher in Sachen Schweiz interkulturell schulen zu lassen. Was dabei herauskommt.

Kommentar  
Von Waseem Hussain
2015-07-02

In Königstein kann man die Schweiz nur erahnen. Steht man im Garten der Villa Rothschild, dem ehemaligen Sommerpalais der gleichnamigen Bankiersfamilie, sieht man die Skyline von Frankfurt am Main. Dahinter liegt, unsichtbar aber allgegenwärtig, die Schweiz.

Ich wurde hierher gerufen, um Deutschen die Schweiz zu erklären. Die Kursteilnehmer sind Mitarbeiter einer deutschen Firma, welche Teil einer Schweizer Unternehmensgruppe ist. Die Anwesenden haben allen Grund, hier zu sein. Denn sie schildern mir die Zusammenarbeit mit ihren Schweizer Kollegen, als handelte es sich dabei um eine steile Wanderung in unwegsamem Gelände bei bedrohlicher Wetterkulisse im Grimselmassiv.

Jetzt lacht sich mancher Schweizer bestimmt ins Fäustchen. Schliesslich soll der Fremde merken, mit wem man es hier zu tun hat!

Mangelnde Entschlussfreudigkeit und undurchschaubare Seilschaften

Doch aufgepasst, meine lieben Mitbürger. Was die deutschen Kursteilnehmer über die Schweizer sagen, ist nämlich in fast allen Punkten identisch mit dem, was Schweizer in Kursen über die Inder konstatieren. Indien? Wir sind hier doch nicht im Dschungelbuch!

Wer weiss. Sicher ist, dass die deutsche Schar bei den Schweizern an zu wenig Verbindlichkeit verzagt, an unklaren Informationen, mangelnder Entschlussfreudigkeit, undurchschaubaren Seilschaften und einer auf Ausgleich bedachten Gleichmacherei.

Analyse der schweizerischen Attitüde

Die Kursteilnehmer arbeiten sich engagiert durch den Tag. Wir analysieren die schweizerische Attitüde der Vernehmlassung, dem klugen Konzept, wo alle Beteiligten als Gewinner hervorgehen. Wir betrachten den Rütlischwur, diesem nach Freiheit schreienden und auf Marktbeherrschung angelegten Geschäftsmodell, Urform von Gotthardröhren und Autobahnvignette.

Wir wenden uns der «Jungfrawen Helvetiae» und dem Märtyrer Arnold Winkelried zu, biblische Echos, die dem Schweizersein eine religiöse Erhabenheit verleihen.

Wir erkunden Hermann Gessler (fremder Vogt, Inbegriff des Anti-Helvetiers), Wilhelm Tell (wehrhafter Bergler) und Niklaus von Flüe (Diplomat) und wie sie das schweizerische Wesen bis in die Gegenwart prägen. Selbstverständlich reden wir über Fräulein Rottenmeier, jene unbarmherzige Gouvernante aus Frankfurt a.M., die unser Heidi Adelheid nennt, worauf wir allergisch reagieren, genau wie beim deutschen «Grützi».

Zum Schluss nehmen wird uns den «Sorgenbarometer 2014» vor, eine ausgezeichnete Publikation der Credit Suisse über schweizerische Befindlichkeiten. Das Fazit: Alles Nicht-schweizerische ist des Schweizers grösste Sorge.

Was tun? Die fleissigen Deutschen haben einen Merkzettel erarbeitet:

Du sollst:

1.    Nicht ungeduldig sein

2.    Keine Forderungen stellen

3.    Nichts gratis tun

4.    Die Schweiz nicht mit Indien verwechseln

5.    Dem Schweizer keinen Kummer bereiten

6.    Nach Harmonie und Konsens streben

7.    Für jedes Ziel eine Vernehmlassung starten

8.    Stets im Konjunktiv kommunizieren

9.    Seilschaften entwickeln und gezielt nutzen

10.  Die Schweiz ehren

Dankbar und müde, aber frohen Mutes gehen die Teilnehmer am Abend nach Hause. «Mit den Schweizern wird es wohl doch irgendwie zu schaffen sein», meint einer. Ich kann nur sagen: viel Glück, bonne chance, buona fortuna, buna fortuna!

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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