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Huawei will Apple mit Kamera-Pionier einheizen

Huawei will Apple mit Kamera-Pionier einheizen
Huawei P9: Erstes Flaggschiff-Modell mit Schwarz-Weiss-Kamera.  PR

Huawei will zu Apple und Samsung aufschliessen. Dabei helfen soll das neueste Smartphone und ein Kamera-Pionier. Dass die Chinesen dem Duo gefährlich werden könnten, ist nicht aus der Luft gegriffen.

Kommentar  
Von Thomas Heuzeroth
2016-04-08

Schwarz-Weiss? Wirklich? Auf seinem Weg an die Spitze des Smartphone-Marktes setzt der chinesische Hersteller Huawei auf ungewöhnliche Methoden: Das neueste Flaggschiff P9 bekommt als erstes Smartphone überhaupt eine Schwarz-Weiss-Kamera.

Gleich zwei Kameras bauen die Chinesen auf die Rückseite des P9 ein. Huawei hat sich dafür den deutschen Kamera-Pionier Leica zur Hilfe geholt. Im Zusammenspiel der beiden Kameras, deren Aufnahmen auf dem Smartphone zusammengeführt werden, soll im Ergebnis ein Foto herauskommen, das die Smartphones der Konkurrenten in den Schatten stellt, hiess es bei der Vorstellung des P9 in London.

Bei wenig Licht zu besseren Fotos

Dabei setzt die Software ein Farb- und ein Schwarz-Weiss-Bild zusammen. Huawei und Leica versprechen dadurch mehr Kontrast, bessere Farben in den Fotos und mehr Möglichkeiten beim Einstellen der Tiefenschärfe. Insbesondere in Situationen mit wenig Licht soll das neue Smartphone bessere Fotos machen.

«Unsere Kamera lässt 270 Prozent mehr Licht durch als das iPhone 6S», sagte Huaweis Smartphone-Chef Richard Yu, der bei seinen Produkt-Präsentationen die Huawei-Geräte gern mit Apple vergleicht. Den Angaben zufolge haben Huawei und Leica ein knappes Jahr an der neuen Kamera entwickelt.

Neue Zielgruppe für traditionsreiche Marke

Das P9 ist somit das erste Ergebnis der Zusammenarbeit. «Leica ist eine Legende in der Welt der Fotografie», sagte Yu bereits bei Bekanntgabe der Kooperation im Februar. «Wir glauben, dass kein anderer Hersteller die Branche derart revolutioniert hat wie diese Marke.» Und auch Leica setzt grosse Hoffnungen in den neuen Partner: «Dies ist ein Startpunkt für unsere Zusammenarbeit», sagte Leica-Chef Oliver Kaltner in London.

Bereits im Februar legte der Leica-Chef die Gründe für die Kooperation dar: «Die Technologie-Partnerschaft mit Huawei bietet Leica Camera eine ausgezeichnete Gelegenheit, ihr bewährtes Know-how im Bereich Optik in ein neues Produktsegment einzubringen und hoch interessante Geschäftsbereiche auf dem Gebiet der Mobilgeräte zu erschliessen.» Smartphones eröffneten für Leica breite Zugangsmöglichkeiten zu neuen Zielgruppen und Anwendungsgebieten.

Leica stellt seit mehr als 100 Jahren Kameras und Objektive her. Zwar hatte der Konzern bereits vor gut 20 Jahren seine erste Digitalkamera vorgestellt, doch der Trend machte dem Unternehmen schwer zu schaffen. 2004 stand die Firma kurz vor der Pleite, konnte sich aber mit Hilfe von Finanzinvestoren wieder fangen.

Kamera-Duos auch bei Konkurrenten

Eine Doppel-Kamera auf der Smartphone-Rückseite ist allerdings kein Novum. Auch das neue G5 von LG hat zwei Kameras, die jedoch anders funktionieren als im P9-Gerät. LG lässt den Nutzer vor der Aufnahme entscheiden, ob er ein «normales» Foto machen will oder eine Weitwinkelaufnahme. Entsprechend wird die Kamera gewählt.

HTC hatte bereits vor zwei Jahren sein HTC One mit einer «Duo Camera» ausgestattet. Nach einer Foto-Aufnahme konnte man im Nachhinein den Schärfebereich auf dem Display wählen. Das System wurde von HTC jedoch nicht weiter verfolgt, der Nachfolger hatte nur noch eine Kamera.

Aufholen gegenüber Apple und Samsung

Die Kooperation von Huawei mit Leica ist ein wesentlicher Bestandteil der Huawei-Strategie, zur absoluten Spitze des Weltmarktes aufzuschliessen. «Im weltweiten Markt sind Samsung und Apple noch führend», sagte Huawei-Smartphone-Chef Yu im Januar im Gespräch mit der «Welt».

Seine Ziele sind ambitioniert: «Wir wollen erst Samsung bei den Stückzahlen überholen und uns dann Apple im Premium-Markt vornehmen.» Tatsächlich wächst derzeit kein Smartphone-Hersteller so schnell wie Huawei. Nach den Zahlen des Marktforschers IDC legten die Chinesen zuletzt um 37 Prozent zu und halten weltweit einen Marktanteil von gut 8 Prozent. Damit stehen sie an dritter Stelle auf der Liste der grössten Smartphone-Hersteller.

Wichtige Marke geknackt

Doch der Abstand ist noch gewaltig. Apple konnte zuletzt mit seinen iPhones 18,7 Prozent des Weltmarktes für sich gewinnen, Samsung sogar 21,4 Prozent. Unter den Top-5 sind inzwischen drei chinesische Hersteller. Neben Huawei gehören auch noch Lenovo und Xiaomi dazu. Huawei ist jedoch der erste chinesische Konzern, der mehr als 100 Millionen Smartphones pro Jahr verkauft hat. Zuvor war das nur Nokia, Samsung und Apple gelungen.

Dass Huawei dem Duo Samsung-Apple gefährlich werden kann, ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Chinesen legen eine erstaunliche Schlagzahl an den Tag. Im vergangenen Jahr wählte Google Huawei aus, um das Nexus 6P zu bauen, ein Referenzgerät, das zeigen soll, wozu das Google-Betriebssystem Android alles in der Lage ist.

Nexus gilt in der Branche als der Ritterschlag für einen Hersteller. Der amerikanische Internetgigant sucht sich jedes Jahr dafür einen neuen Partner. Grosse Anerkennung hat Huawei auch für seine Mate-Serie erhalten, grössere Smartphones, die auch Phablets genannt werden, weil sie in der Kategorie zwischen Smartphones und Tablets stehen.

Viel Geld für Innovation

Konzernchef Yu hat intern die Zielmarke 2020 ausgegeben. Bis dahin will er Apple und Samsung überholen. Zumindest an Selbstbewusstsein mangelt es dem Manager nicht. «Apple ist seit dem Tod von Steve Jobs nicht mehr so innovativ», sagte er der «Welt». «Wir haben auf der Innovationsseite die Chance, Apple und auch Samsung hinter uns zu lassen.»

Tatsächlich pumpen die Chinesen viel Geld in Forschung und Entwicklung. Anders als die meisten anderen Konkurrenten – mit Ausnahme von Apple und Samsung – setzt Huawei auch eigene Prozessoren in seine Smartphones ein. Von den 150'000 Mitarbeitern des Konzerns sollen 70'000 in diesen Bereichen arbeiten. Im vergangenen Jahr investierte der chinesische Riese mit mehr als 9 Milliarden Dollar etwa 15 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung, mehr als je zuvor.

Mobilfunknetz als wichtiges Standbein

Einen Namen hat sich Huawei vor allem im Geschäft mit dem Aufbau von Mobilfunknetzen gemacht. Mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes entfällt heute noch darauf, ein Drittel des Weltmarktes wird von den Chinesen gehalten. Dabei ist der Konzern wegen Angst vor chinesischer Spionage vom wichtigen US-amerikanischen Telekommunikationsmarkt ausgeschlossen. Der US-Kongress hatte 2012 in einem entsprechenden Bericht vor der Technik der Chinesen gewarnt. Huawei widerspricht den Sicherheitsbedenken und versichert, dass die chinesische Regierung keinen Zugriff auf die Infrastruktur des Konzerns habe.

Die Investitionen in die Mobilfunknetze der vierten Generation nähern sich allerdings dem Zyklusende, und die nächste Generation ist noch nicht marktreif. Will Huawei weiter stark wachsen, muss das auch in anderen Sparten geschehen.

Wachstumsmarkt Europa

Richard Yu ist somit der Hoffnungsträger des Konzerns, der bisher erstaunliche Zahlen vorgelegt hat. Zuletzt ist das Konsumentengeschäft, das er verantwortet, um 73 Prozent auf 20 Milliarden Dollar gewachsen. Im laufenden Jahr soll die 30-Milliarden-Dollar-Marke genommen werden.

Zwar wird das Wachstum von den leistungsfähigen Smartphones gespeist, doch auch in China schlägt sich Huawei erstaunlich erfolgreich, wo günstige Anbieter die Preise drücken. Dort bietet sich der Konzern ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Aufsteiger Xiaomi, der jedoch international nicht sonderlich breit vertreten ist.

Huawei hingegen exportiert vier von zehn Smartphones ins Ausland. In Westeuropa hängt Huawei mit seinem Wachstum die Konkurrenten Apple und Samsung längst ab. Nach den IDC-Zahlen konnten die Chinesen dort im vergangenen Jahr gut 50 Prozent mehr Geräte verkaufen. Samsung hingegen legte nur um 2 Prozent zu, Apple um 15 Prozent.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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