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Gründer-Vorbild Oliver Samwer geht der Glanz ab

Oliver Samwer: Die Geduld der Investoren nähert sich dem Ende.  Techcrunch/CC/Flickr

Rocket-Internet-Chef Samwer kann bestens gründen, Geld verdienen aber nicht. Mit hohlen Versprechen und unerfolgreichen Erfolgen fordert er die Geduld der Geldgeber heraus. Und schadet der Branche.

Kommentar  
Von Thomas Heuzeroth
am 25.04.2017

Oliver Samwer ist kein geduldiger Mensch. Der Chef der Start-up-Schmiede Rocket Internet will, dass seine Aufträge sofort erledigt werden. Nicht morgen, heute. Und wenn es nicht so läuft, kann Samwer unleidlich werden. Aber von seinen Investoren verlangt Samwer eine ganz andere Attitüde. Sie sollen sich in Geduld üben. Wird schon werden. Irgendwann.

Doch sie glauben ihm nicht mehr. Das zeigt der Blick auf den Aktienkurs. Von den 42,50 Euro, die seine Rocket-Internet-Aktie beim Börsengang im Oktober 2014 gekostet hat, sind noch gut 16 Euro übrig geblieben. Enttäuschte Hoffnung.

Vorbild aus Übersee

Doch was ist aus jener Samwer-Magie geworden? Kaum ein Gründer, der nicht auf jede Regung von Oliver Samwer geschaut hat, um zu erkennen, was im Internet das nächste grosse Ding wird.

Samwers Geschäftsmodell war einfach: Er kopierte am liebsten amerikanische Start-ups und baute sie für andere Länder nach. Herausgekommen ist eine Rocket-Internet-Holding mit etwa 275 Mitarbeitern und mehr als 100 Start-ups, die ihrerseits fast 30'000 Menschen in aller Welt beschäftigen.

Es fehlt beim Gewinn

Die Rocket-Start-ups holen und bringen Wäsche, vermitteln Haushaltshilfen, verkaufen Mode, liefern Speisen und buchen Campingplätze. Kaum etwas, das Samwer nicht ins Internet gebracht hat. Nur: Geld verdient er damit nicht.

Tatsächlich hat das Gründervorbild noch nicht bewiesen, dass sein Geschäftsmodell funktioniert – und auch für die Börse taugt. Denn genau dort scheint man ihm immer weniger zuzutrauen.

Hohle Versprechen

Schuld an dieser Misere sind seine eigenen Voraussagen, die er kaum zu halten vermag. Mehrfach hat Samwer versprochen, drei Beteiligungen zu nennen, die es in diesem Jahr in die schwarzen Zahlen schaffen sollen. Nur verraten will er sie nicht. Auch bei der Präsentation der jüngsten Bilanzzahlen am Dienstag hüllte sich Rocket dazu in Schweigen.

Ende September 2015 kündigte Samwer vor Investoren noch vollmundig den Börsengang eines seiner Start-ups in den kommenden 18 Monaten an. Auch diese Frist läuft gerade ab. Ohne Börsengang. Einen Kommentar dazu verweigert Rocket ebenfalls.

Riesiges Verlustgeschäft

Tatsächlich läuft es nicht gut für Rocket Internet, das die «führende Internetplattform ausserhalb der USA und Chinas» werden wollte. Ende März rutschte die Aktie sogar auf ein Allzeittief. Überhaupt gibt es im Reich von Rocket Internet nur zwei Unternehmen, die es während ihrer Finanzierungsrunden zu Milliardenbewertungen gebracht haben: Delivery Hero und Hello Fresh.

Rockets grösstes Problem: Die Holding ist auf das Vertrauen der Investoren angewiesen – und kann doch nur von Verlusten berichten. Die Holding selbst hat davon im vergangenen Jahr fast 75 Millionen Euro verbucht, nicht zuletzt wegen hoher Abschreibungen beim Modehändler Global Fashion Group.

Transparenz ist Mangelware

Einige der wichtigsten Start-ups von Rocket Internet haben im vergangenen Jahr zusammen mehr als 350 Millionen Euro verbrannt. Immerhin stimmt der Trend: Im Jahr zuvor wurden von den ausgewählten Beteiligungen sogar 590 Millionen Euro in den Sand gesetzt.

Wirklich tief können Beobachter nicht in die Geschäfte rund um Rocket Internet schauen. Zu undurchsichtig ist das Beteiligungsgeflecht. Und jährlich kommen derzeit acht neue Start-ups hinzu. Die Holding wählt daher einige Unternehmen aus, über die sie genauere Zahlen vorlegt.

Trotz Erfolg nicht profitabel

Dort soll es – trotz Verlusten – immer besser laufen. Hello Fresh, ein Versender von Kochboxen, hat demnach seinen Umsatz zuletzt verdoppelt. Nutzer können sich Kochrezepte und alle Zutaten dazu in einer Box nach Hause liefern lassen. Trotzdem verbrennt das Unternehmen Geld.

Der Essenslieferdienst Delivery Hero, zu dem unter anderem Lieferheld, Foodora und Pizza.de gehören, lieferte im vergangenen Jahr Speisen im Wert von 2,3 Milliarden Euro aus, fast eine Milliarde Euro mehr als im Vorjahr. Der Dienst wickelt 170 Millionen Bestellungen jährlich in mehr als 40 Ländern ab. Doch profitabel ist auch er nicht.

Vertrauen sinkt

Die Liste der vermeintlich guten Nachrichten ohne jeden Gewinn lässt sich munter fortführen für den Modeverkauf der Global Fashion Group, für den Möbel- und Wohnbedarf bei Home24 und Westwing und bei Jumia, der Amazon-Kopie für Afrika.

«Im Jahr 2016 haben unsere ausgewählten Unternehmen weitere Fortschritte auf dem Weg in Richtung Profitabilität erzielt und gleichzeitig ihren Umsatz gesteigert», sagte Rocket-Internet-Chef Samwer am Dienstag.

Im Grunde ist an Verlusten nichts auszusetzen. Solange die Start-ups von Rocket Internet expandieren, fressen die Kosten eben den Umsatz. Doch wenn Investoren das Vertrauen verlieren, wird dieses Modell zum Problem.

Rückzug von schwedischem Investor

Rocket Internet hat das schon deutlich zu spüren bekommen – nicht nur wegen des fallenden Aktienkurses. Der schwedische Grossinvestor Kinnevic stellte im Februar gleich die Hälfte seiner Rocket-Internet-Anteile zum Verkauf – und provozierte einen weiteren Kursrutsch. Die übrigen Anteile darf der Investor einem Zeitungsbericht zufolge ab Ende Mai verkaufen.

Die Trennung von Kinnevic trifft Samwer besonders hart. Die Schweden gehörten seit den Anfangsjahren zu Rockets Geldgebern. Doch die Entzweiung kündigte sich schon vorher an. Im vergangenen Jahr zog Kinnevic seine beiden Vertreter aus dem Aufsichtsrat von Rocket Internet zurück.

Der Grossinvestor hatte einen anderen Blick als Samwer auf die Rocket-Geschäfte. Das führte unter anderem dazu, dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen gab, wie hoch einzelne Beteiligungen, darunter Hello Fresh und die Global Fashion Group, bewertet werden sollten.

Berichten zufolge blockierte Kinnevic Ende 2015 sogar den Börsengang von Hello Fresh mithilfe von Anwälten einen Tag vor der Veröffentlichung des Börsenprospekts. Eine Bestätigung über diesen Vorgang lieferten weder Kinnevic noch Samwer.

«Aggressivster Mann im Internet»

Tatsächlich kamen sich die beiden zunehmend in die Quere, weil Samwer verstärkt dazu überging, sich an reiferen Unternehmen zu beteiligen, statt sie selbst aufzubauen. Seit Mitte 2015 hat Samwer für seinen Rocket Internet Capital Partners Fund insgesamt eine Milliarde Euro eingesammelt. Als Beteiligungsgesellschaft wurde Rocket Internet zugleich zu einem Konkurrenten der schwedischen Investoren.

Oliver Samwer, der sich selbst einmal als den «aggressivsten Mann im Internet» bezeichnete, ist nun auf die Geduld seiner Aktionäre angewiesen. Inzwischen gehört Ralph Dommermuth mit United Internet zu seinen grössten Investoren. Doch auch Dommermuths Geduld dürfte inzwischen begrenzt sein. Zuletzt musste er eine Viertel Milliarde Euro auf seine Rocket-Internet-Beteiligung abschreiben.

Die einstige Bewunderung für Samwer lässt zunehmend nach. «Es wurden viele Versprechen gegeben, die nicht gehalten wurden», sagte zuletzt Michael Otto, Aufsichtsrat- und Ex-Vorstandschef des Otto-Konzerns, im Gespräch mit dem «Handelsblatt». «Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit geworden – und das färbt leider auf die gesamte Szene ab.»

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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