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Google sucht neues Glück im Smartphone-Geschäft

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Google und HTC: Traumpaar oder Scheidungskandidaten?  Keystone

Mit Motorola ist Google gescheitert, nun wagt sich der Techkonzern mit HTC erneut an den Smartphone-Eigenbau. Wie die Übernahme zur Strategie passt und wem der Deal besonders nützt.

Kommentar  
Von Thomas Heuzeroth
2017-09-21

Google will künftig seine Smartphones selber bauen. Wie das Unternehmen mitteilt, übernimmt es dafür Teile des Smartphone-Herstellers HTC aus Taiwan für 1,1 Milliarden Dollar. Für Google ist das bereits der zweite Versuch, in einem hart umkämpften Markt mit einer eigenen Herstellung Fuss zu fassen. Bereits 2012 kaufte der Internetkonzern Motorola, stiess das Geschäft aber drei Jahre später wieder an Lenovo ab.

In den vergangenen Tagen hatten sich die Gerüchte verdichtet, ein solcher Deal stehe kurz bevor. Bereits gestern wurde der Handel von HTC-Aktien an der Börse in Taiwan ausgesetzt. Google übernimmt ein HTC-Team, das bereits an der Entwicklung des aktuellen Pixel-Smartphones des Konzerns beteiligt war. Teil des Kaufs ist ausserdem die künftige Nutzung von HTC-Patenten, die allerdings nicht exklusiv ist.

Zehn gemeinsame Jahre

«HTC ist ein langjähriger Partner von Google», sagte Rick Osterloh, Chef des Hardware-Geschäfts bei Google. Nun soll das neue Team «bei Google für weitere Innovationen und zukünftige Produktentwicklungen im Bereich Consumer-Hardware sorgen». Tatsächlich reicht die Zusammenarbeit mit HTC fast zehn Jahre zurück. Der Hersteller aus Taiwan hat mit dem HTC Dream das erste Smartphone mit dem Android-Betriebssystem von Google 2008 produziert, das T-Mobile exklusiv unter dem Namen G1 auf den Markt brachte.

Doch auch in den folgenden Jahren liess Google seine Geräte immer wieder von HTC herstellen, darunter das Nexus One, das Nexus 9 und das erste Pixel Smartphone im vergangenen Jahr. Auch eines der beiden Pixel-Smartphones, die Berichten zufolge am 4. Oktober präsentiert werden, soll von HTC kommen.

Aller Anfang ist schwer

Mit der Übernahme verstärkt Google seinen jüngsten, noch nicht einmal zwei Jahre alten Vorstoss ins Geschäft mit eigenen Geräten. Man sei hier immer noch am Anfang, schrieb Osterloh in einem Blog-Eintrag. Zu den Google-Geräten gehören neben den Pixel-Smartphones auch der smarte Lautsprecher Google Home, die Streaming-Geräte Chromecast für Audio und Video und eine VR-Brille mit der Bezeichnung Daydream View.

Wie gross das HTC-Team ist, das Google nun übernehmen will, ist nicht bekannt. Googles erste Übernahme eines Smartphone-Herstellers verlief wenig erfolgreich. Für das Geschäft von Motorola hatte der Konzern 12,5 Milliarden Dollar bezahlt und es später für einen Bruchteil dieses Preises wieder verkauft. Allerdings entfiel ein grosser Teil des Wertes auf Motorola-Patente, die Google dringend für die Verteidigung des Android-Systems in Rechtsstreitigkeiten benötigte.

Aus Fremdem Eigenes machen

Mit einer eigenen Smartphone-Produktion hat Google nun die Möglichkeit, seine Software noch besser in die Hardware zu integrieren, ein Vorteil, den bislang vor allem Apple ausspielt. Eine Garantie, dass dies gelingt, gibt es allerdings nicht, wie die Motorola-Vergangenheit zeigt. Google hat es auch verstanden, mit fremden Herstellern eigene Geräte zu entwickeln. So soll das grössere Google Pixel XL2, das ebenfalls am 4. Oktober vorgestellt wird, dieses Mal von LG gebaut werden.

Auf Google könnte aber auch noch ein weiteres Problem zukommen. Schon nach der Motorola-Übernahme gab es Unmut bei Unternehmen wie Samsung, Huawei und LG, die allesamt auf ihren Smartphones das Google-Betriebssystem Android nutzen und plötzlich zu Konkurrenten des Internetkonzerns wurden. Dies könnte sich nun nach der HTC-Übernahme wiederholen.

Nischenplayer mit guten Ideen

Für HTC kommt die Finanzspritze von 1,1 Milliarden Dollar zu rechten Zeit. Der Konzern war zuletzt mit seinen Smartphones weitgehend erfolglos, der Marktanteil ist auf unter ein Prozent gerutscht und verschwindet in vielen Statistiken der Marktforscher nur noch hinter der Position «Sonstige». Dabei hatte HTC 2011 noch einen Anteil von etwa neun Prozent am Weltmarkt. Bevor am Mittwoch der Handel an der Börse eingestellt wurde, war der Konzern noch 1,9 Milliarden Dollar wert.

HTC will aber auch künftig weiter Smartphones produzieren, behält also einen Teil seines Geschäftes. Das neueste Modell ist das HTC U11, das von Kritikern vor allem wegen seiner hochwertigen Kamera gut aufgenommen wurde. Hier hatte der Hersteller auch eine Innovation zu bieten: Die Seiten des Smartphones sind druckempfindlich, so dass Nutzer allein durch Drücken des Gerätes in ihrer Hand bestimmte Funktionen wie die Aufnahme eines Selfies auslösen konnten.

Kein Ankommen gegen Apple und Co.

Offenbar sieht HTC seine Zukunft nun verstärkt im Geschäft mit der virtuellen Realität (VR). Die VR-Brille HTC Vive gehörte zu den ersten Geräten, die hier in den Markt kamen. Allerdings scheint dieses Geschäft noch keine nennenswerten Gewinne abzuwerfen.

Im vergangenen Jahr musste HTC einen Verlust von 351 Millionen Dollar melden, der Umsatz war um gut ein Drittel eingebrochen. Das dürfte aber vor allem dem Smartphone-Geschäft zu verdanken sein. Fast alle Gewinne dieser Branche entfallen hier auf die beiden Hersteller Apple und Samsung, wobei Apple mit etwa 80 Prozent den grössten Anteil für sich beanspruchen kann.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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