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Gesellschaft: Talente statt Taler

Gesellschaft: Talente statt Taler
Franken: In einer Gesellschaft ohne Geld entfällt der Zwang.  Keystone

Eine vom Geld bestimmte Gesellschaft wäre ohne Dollar- und Euro-Zeichen eine grundlegend andere. Warum wir die Dominanz des Geldes brechen und durch ein Klima der Ideen ersetzen müssen.

Kommentar  
Von Martin Häusler
2015-07-29

1988 machten sich die Schöpfer der «Star Trek»-Anthologie Gedanken über eine Welt ohne Geld. In Episode 26 der ersten TV-Staffel lassen sie die Crew um Captain Picard im All einen alten Satelliten einsammeln. Darauf finden sie drei Menschen, die sich im 20. Jahr­hundert hatten einfrieren lassen. Nach der Reanimation fordert einer von ihnen, ein Finanzmakler, sofort zu seiner Bank gebracht zu werden. Er müsse sich um sein Ver­mögen kümmern. «Wir sind im 24. Jahrhundert, materielle Nöte existieren nicht», klärt ihn Jean-Luc Picard auf. «Was hat man da noch für ein Ziel?», fragt der Aufgetaute aus der Ver­gangenheit. Antwort: «Sie können sich weiterentwickeln, ihr Wissen vergrößern. Das ist ein Ziel.»

Eine Gesellschaft, die bislang durch und durch von Geld gestaltet, bestimmt und regu­liert wird, wird eine grundlegend andere sein, sobald die Dollar-, Euro- und Yuán-Zeichen aus dem täglichen Leben verschwinden. Sie wird sich wandeln zu einer Gesell­schaft des Teilens, des Tauschens und der Talente.

Profitmaximierer gehen, Sozialisierer kommen

Der Banker steht nicht mehr deswegen hoch um Kurs, weil er Millionenkredite vergibt und sich selbst ein Millionenvermögen zusammenverdient hat. Er ist gefragt, weil er ein guter Organisator ist und jetzt Krankenhäuser managt. Der Steuerberater ist nicht mehr wohl gelitten, weil er mit gerissenen Finanztricks hilft, sondern weil er fabelhaften Ho­nig, schmackhafte Marmelade und hervorragendes Öl herstellt.

Die Finanzbeamtin wird end­lich gemocht und hat erstmals Spass an ihrem Job, weil sie sich nun hin­gebungsvoll mit behinderten Kindern beschäftigen kann. Und der Ingenieur, dessen visionäre Vor­schläge in einem allein auf Profit getrimmten Grosskonzern nicht gehört wurden, kann nun in einem Unterneh­men, das auf gesellschaftlichen Nutzen setzt, seine Ideen für neue Tech­nologien voll zur Entfaltung bringen.

Kurz: Finanzberufe sterben, Sozialberufe blü­hen. Profitmaximierer gehen, Sozialisierer kommen. Dienst nach Vorschrift ist am Ende, die Kreativen kriegen ihre Chancen. Aus Leistungsgesellschaft wird Gesellschaftsleis­tung.

Ideen als Vorläufer von Innovationen

Der kalifornische Investmentberater Joseph Alexopoulos hält Vorträge darüber, welche Vorzüge eine Gesellschaft der Talente, er nennt es «resource based economy», gegen­über der aktuellen profitgeprägten Gesellschaft, er nennt es «mad economy», hat. «Das Grösste, das uns in unserem aktuellen System verloren geht, sind Ideen», sagt er.

«Ideen sind aber die Vorläufer von Innovationen. Wir verschwenden Milliarden von Leben, Bil­lionen von Stunden, die unseren Lebensstandard nachhaltig auf ein Niveau erhöhen würden, das uns heute unvorstellbar erscheint. Weil eine neue Technologie ein existierendes Profit­modell zerstört, wird die Innovation unterm Deckel gehalten. Wirklich neue Technolo­gien ver­mögen es gar, die Preise fallen zu lassen, wie bei einer Hyperdeflation. Geld würde irrele­vant. Stellen Sie sich eine ressourcenbasierte Ge­sellschaft vor! Ein sol­ches System hält keine Ideen zurück, es fördert sie. Wir können die Richtung ändern!»

Für solche Thesen erntet Alexopoulos kräftigen Applaus. Auch dafür, dass er vorgibt, nicht zu ver­stehen, dass ständig niedrige Arbeitslosenzahlen bejubelt werden. «Wa­rum, wenn Leute Jobs tun müssen, die sie gar nicht tun wollen?»

Für Geld muss man alles tun

In der Tat bleibt einem Menschen im Jahr 2015 nichts anderes übrig, als zu dienen und zu verdienen, um zu über­leben. Er prosti­tuiert sich, verkauft seine Lebenszeit, seine In­telligenz, seine Kraft und bekommt Geld dafür.

Laut einer Studie des Marktforschungs­instituts YouGov von 2013 sind aber bereits 50 Prozent aller deutschen Arbeit­nehmer mit ihrer Jobsituation unzufrieden. Eine Studie der Gesellschaft für Konsum­forschung (GfK) aus demselben Jahr fand heraus, dass lediglich fünf Prozent der Angestellten ihren Job lieben. Für Geld tut man alles. Oder eher: Für Geld muss man alles tun.

Ohne Geld entfällt der Zwang

In einer Gesellschaft ohne Geld entfällt der Zwang, eine Stelle nur aus materi­eller Not heraus anzunehmen. Man hat keinen Beruf, man folgt seiner Berufung. Gleichzeitig rich­ten sich soziales Prestige und Status nicht mehr nach fi­nanziellem Vermögen. Statt­dessen wird man an persönlichen Fertigkeiten und Fähigkei­ten, Sozialverhalten und Seelenbildung gemessen, daran, was jeder einzel­ne in die Gemeinschaft mit einbringen und anbieten kann.

Oben und Unten sind plötzlich auf Augenhöhe, alle Talente stehen auf einmal zur freien Verfügung. Sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Blockaden, die das Geld beziehungsweise seine Vermehrer geschaffen haben, sind aufgehoben. Die Konsequenz: zwangsläufig zufrie­denere und gesündere Menschen, friedvolleres und verantwortungs­volleres Zusammenleben, tech­nologischer Aufschwung im Sinne des Allgemeinwohls und eine höhere Qualität von Produk­ten – weil sie die Menschen endlich mit Leiden­schaft herstellen.

Eine Agentur für Arbeit, wie sie heute die Arbeitslosen verwaltet, ist bei derartigen Zu­ständen ob­solet. Eine Talentagentur führt ausnahmslos alle Bürger in ihrem Register – von A wie Altenpfleger bis Z wie Zimmer­mann. Jeder Arbeitsfähige kann mehrere Talen­te an­ge­ben, das heisst sich für verschiedene Tätigkeiten empfehlen. Für unterbesetzte Berufe mit schlechtem Image gibt es eine Art Zivildienst, den jeder einmal im Jahr für eine Woche leisten muss. Das erdet und schützt davor, sich in einem Anflug von Eliten­dünkel aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu stehlen.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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