1. Home
  2. Kontributoren
  3. Freiheit für die Liebe!

Utopien 
Freiheit für die Liebe!

Freiheit für die Liebe!
Plädoyer für die Polyamorie: Bedingungslose Liebe ist gegenüber der klassischen Ehe überlegen. Keystone

Kann die Polyamorie unsere Gesellschaft friedlicher machen? Immer mehr Menschen halten die klassische Ehe für überholt. Und auch Wissenschaftler sehen Vorteile in der Utopie der bedingungslosen Liebe.

Kommentar  
Von Martin Häusler
2015-11-30

Zuerst war es dem Freundeskreis von Andreas und Beate schwergefallen, deren neue Beziehungskonstellation zu verstehen. Polyamoröse Verhältnisse, was sollte das sein? Viel­lieberei? Alle mit allen? Jeder mit jedem? Das konnte doch keine wahre Liebe sein! Es brauchte einige Zeit, bis klar wurde, dass hinter der Ausweitung der Intimzone des Hamburger Pärchens nicht der Wunsch nach grenzenlosem Geschlechtsverkehr steht, sondern die hehre Vision, dass man auch mehrere Menschen lieben kann – und zwar bedingungslos.

Diesen Zu­stand haben Andreas und Beate – er Mitte 40, sie Anfang 40 – in ihrer zwölf Jahre währenden Partnerschaft erreicht. Der Medienmann hat zwei zusätzliche Partnerinnen, die Beamtin neben Andreas einen weiteren Partner an ihrer Seite. Und alle wissen voneinander.

Bedingungslose Liebe weckt Neugierde

Je mehr gesell­schaftlich über alternative Lebenskonzepte diskutiert wird, weil immer mehr Ehen zerbrechen oder im Wachkoma gehalten werden, umso häufiger werden die beiden neugierig von Freunden gefragt, wie das denn eigent­lich praktisch gehe mit dieser bedingungs­losen Liebe. «Gut», sagen sie dann, «aber man muss sich dafür geistig ziemlich weiterentwickelt haben …»

Der Begriff der bedingungslose Liebe stammt aus alten spirituellen Welten und hat es erst in den letzten 40 Jahren im weltlichen Westen mit dem Konzept der Monogamie aufge­nommen. Bedingungslose Liebe bezeichnet die höchste Form des Zusammenle­bens: Lie­be zu geben und zu empfangen, ohne daran auch nur irgendeine Auflage zu knüpfen.

Der monogame Klassiker hat einen schweren Stand

Der Hauptgrund, warum sie viele Menschen gleichermassen fasziniert wie ver­stört: Bedingungslose Liebe ist so stark und grundlegend, dass das Ego keine Chance mehr gegen sie hat. Sie ist über alles erhaben. Sie kennt keine Eifersucht. Sie kennt keine Machtspiele und keinen Kontrollwahn. Und sie folgt nicht dem klassischen Ver­ständnis von Treue. Weil man sich aus tiefstem Herzen liebt, lässt man dem Partner seine Frei­heiten. Für immer mehr Menschen eine klar nachhaltigere Evolutionsstufe von Zweier­beziehung als der monogame Klassiker, der so viele unglücklich macht.

Der «Atlas of World Cultures» listet 560 Gesellschaften auf, von denen nur 17 als mono­gam eingestuft werden. Anfang des dritten Jahrtausends wird die Monogamie von Poli­tik, Kirche und Medien aber immer noch als die ideale und einzig moralisch vertretbare Beziehungsform vermarktet. Dabei wurde die Ehe aus wirtschaftlichen und sozialen Si­cherheiten heraus erfunden. Die Einhaltung der Erblinie sollte gewährleisten, dass nur das eigene Kind den Lohn harter männlicher Arbeit ernten würde.

Auswirkung für die Gesellschaft

Den Rest erledigte die katho­lische Kirche mit der Moralkeule und den Verweis auf Bibelstellen. 1225 erhob sie die kirchliche Trauung zur Pflicht. Nichteheliche Lebensgemeinschaften waren damit verboten und wurden bestraft. In vorchristlicher Zeit war die Monogamie kaum ver­breitet. Im Judentum war sie kein Zwang und ist im aktuellen Islam immer noch nicht die Regel.

Eine Gesellschaft aber, die ausschliesslich einem monogamen Ideal Raum lässt, wird, so sagen es immer mehr Sexualwissenschaftler, immer unglücklicher, frustrierter, kraft­loser. «In den meisten monoga­men Lebenspartnerschaften lässt das sexuelle Interesse zwangs­läufig mit der Zeit nach», sagt die Therapeutin Cornelia Jönsson. Polyamoröse Verein­barungen könnten das ver­hindern.

Sexuelle Treue ist unmöglich

Jönsson ist verheiratet, lebt aber selbst poly­amorös. Sie sieht den grossen Unterschied zu einer offenen Partnerschaft, die Seiten­sprünge le­diglich duldet, darin, dass man in der Polyamorie frei darin ist, allen Partnern die gleiche Liebe, Zeit und Aufmerk­samkeit zu schenken. Es steht zu diskutieren: Tun wir unserer Ge­sellschaft einen Gefallen, indem wir diese Triebe und Sehnsüchte unter­drücken?

«Untreue zerstört Vertrauen, zerbricht Hoffnungen, Herzen und Familien», schreibt die Schweizer Journalistin und Buchautorin Michèle Binswanger in einem Mani­fest für eine Reform der Ehe. «Die entscheidende Frage ist aber nicht, warum wir eigentlich nicht treu sein kön­nen. Son­dern warum unser Beziehungsideal auf einer Lüge gründet. Die Lüge, dass wir uns immer treu sein werden. Denn sexuelle Treue im um­fassenden Sinn ist unmög­lich. Warum pathologisieren wir Fremdgeher und stigmatisie­ren sie mora­lisch, wenn sie doch eigentlich der Normalfall sind?» Laut einer Umfrage in der Schweiz würden 72 Pro­zent der Eidgenossinnen gerne mal fremdgehen, trauen sich aber nicht.

Polyamorie führt zu friedvolleren Gesellschaft

Auch Daniel Bergner, Autor des US-Bestsellers «Die versteckte Lust der Frauen», recher­chierte, dass gerade Frauen anders leben wollen, als sie es seit Jahrhunderten im Westen tun müs­sen. Sie hätten gar promiskere Gedanken als Männer und würden nur durch ihre Sozialisation und die kulturelle Prägung von ihren Wünschen abgehalten. Bergner meint, das Verlangen der Frau sei eine nicht entfesselte Kraft, die Gefahr läuft, zu ver­siegen, solange sie unterdrückt wird.

Wie sieht eine zukünftige Gesellschaft aus, in der diese Kräfte wieder frei und ohne ständige Angst fliessen kön­nen und in der Vereinbarungen, wie Andreas und Beate sie für sich trafen, die Regel sind? Sie ist in jedem Falle eine friedvollere. Gesellschaftlich und mögli­cherweise auch politisch. Indem der menschliche Sexualtrieb nicht durch das Diktum der Monogamie unterdrückt wird, sondern gelebt werden kann, steht den Men­schen die Energie des Lustgewinns zur Verfügung.

Gesundheitlicher Nutzen

Wir sind besser gelaunt, entspannter, ruhiger, kompromissbereiter, weniger aggressiv, weniger gewalttätig – und vor allem gesünder. «Ein entscheidender Faktor für Herz­infarkt ist ein Mangel an Liebe», stellte Dr. Alexan­der Lowen vom International Institute for Bioenergetic Analysis in New York in zwei Studien fest.4 «Ich meine nicht sentimen­tale Liebe, sondern erfüllte Liebe.»

Er hatte he­rausgefunden, dass weibliche und männ­liche Herzinfarkt-Patienten zu zwei Dritteln über sexuelle Unerfülltheit oder Pro­bleme in der Liebe klagten. Auch dem Immunsystem nutzen regelmässig ausgeschüttete Sexualhormone. Die Liste des gesundheitlichen Nut­zens von Sex und seelischer Ausgeglichenheit ist lang.

Das alles funktioniert allerdings nur dann ohne Reibungsverluste, wenn die Menschen  reif sind für die bedingungslose Liebe und gelernt haben, ihr Ego und Besitzstandsden­ken zu zü­geln. Das Risiko, dass unsere Gesell­schaft im Zuge einer praktizierten freien Liebe aus lauter Verlassenen besteht, kann man schon heute als eher gering ein­schätzen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 lieben 80 Prozent der Fremd­gänger ihre Partner – und kehren immer wieder zu ihnen zurück.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Anzeige