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Fazit: Ein Börsenjahr zum Vergessen

Glanz und Elend 2015: Fiat-Chef Sergio Marchionne (l.) und Glencore-Chef Ivan Glasenberg.Keystone

Im schwierigen Börsenjahr 2015 hat Frank ­Goldfinger mit drei Vierteln seiner Aktientipps die Benchmarks geschlagen. Seine erfolgreichsten Tipps, wo er falsch lag und worauf der Experte 2016 setzt.

Kommentar  
Von Frank Goldfinger
18.01.2016

Das war nun wirklich kein Börsenjahr, das Anlegerherzen höher schlagen lässt. Frankenschock, Negativzinsen, Griechenland-Krise, kollabierender Ölmarkt, einbrechende Rohstoffpreise, Wachstumssorgen in China, Währungskrieg oder geldpolitische Sorgen zogen heftige Kursausschläge nach sich. Immerhin sorgte ein Mini-Jahresendrally für einen versöhnlichen Ausklang. Innert zwölf Monaten verlor der Schweizer Blue-Chip-Indikator SMI 1,8 Prozent, der breiter gefasste SPI gewann 2,7 Prozent.

Haben die heimischen Märkte den ausländischen Börsen 2014 noch den Rang abgelaufen, war es im vergangenen Jahr umgekehrt. Mit französischen und deutschen Aktien waren im Durchschnitt zehn Prozent zu verdienen, in Japan winkten neun Prozent. Der britische Index Footsie dagegen verlor vier und der amerikanische Dow Jones zwei Prozent.

Die Bilanz für Schweizer Investoren: Ausser Spesen nichts gewesen. Wer allerdings auf die richtigen Aktien setzte, konnte sogar 2015 schöne Gewinne einfahren. Das zeigt auch die Bilanzierung meiner Tipps. Insgesamt habe ich 48 Aktien zum Kauf empfohlen, davon weisen 30 Kursgewinne auf. Von 23 Verkaufsempfehlungen respektive Warnungen schlossen 19 Titel mit Kursverlust ab. Doch eine Performancemessung orientiert sich nicht an der Kursveränderung einzelner Papiere, sondern setzt diese in Relation zu einem Vergleichsindex, der Benchmark. Und da muss ich mich erst recht nicht verstecken: Bei insgesamt 71 Tipps habe ich mit 53 ­Papieren die jeweilige Benchmark geschlagen. Das entspricht einer Trefferquote von 75 Prozent.

Temporeiche Gewinne

Mit meinen fünf erfolgreichsten Tipps liessen sich im Durchschnitt 53 Prozent verdienen. Obenauf schwingen Fiat Chrysler, die 66 Prozent an Gewinn einbrachten. CEO Sergio Marchionne (63) lenkt den Autokonzern wieder auf ertragsreichere Fahrbahnen. Zudem spült der Börsengang der Edel-Autoschmiede Ferrari neues Cash in die Kasse, was die Fiat-­Titel zusätzlich beflügelte. Komax glänzt mit einem Kursplus von 56 Prozent; der Maschinenbauer mit Schwergewicht Kabelverarbeitung läuft seit Jahren rund. Die mögliche Abspaltung der wenig profitablen Medizinaltechniksparte sorgt für neue Fantasie.

Das Kursplus von 54 Prozent, das mit Nvidia zu holen war, hat mich überrascht. Schliesslich habe ich die Titel des führenden US-Entwicklers von Grafikprozessoren und Chipsätzen erst im August empfohlen. Zwar bleibt das Technologieunternehmen wachstumsstark. Doch wenn sich innert vier Monaten derart saftige Profite einstellen, sollten diese subito ins ­Trockene gebracht werden. Er­freulich auch die 49 Prozent, die Alphabet seit Februar 2015 abgeworfen haben. Alphabet heisst die von Larry Page (42) und Sergey Brin (42) neu gegründete Holding, in der das Milliardärs-Duo den von ihnen ins Leben gerufenen Suchmaschinenbetreiber Google unterbringt. Mein Kauftipp für Actelion entpuppte sich ebenfalls als Volltreffer: 40 Prozent waren mit den Valoren des Biopharma-Unternehmens zu holen.

Tiefer Sturz

Noch besser als mit Kauftipps bin ich mit meinen Verkaufsempfehlungen gelegen. So bei Cytos Biotechnology: Als deren Kurse im Frühjahr um gegen 400 Prozent explodierten, warnte ich vor der Spekulation. Prompt ist der einstige Börsenliebling um 71 Prozent abgestürzt. Jüngst haben die Cytos-Aktionäre der Fusion mit Kuros Biosurgery grünes Licht erteilt. Ob das die Rettung ist, muss sich zeigen.

Heftig auch der 35-Prozent-Verlust bei Aryzta, die ich im März zum Verkauf empfahl. Damals kritisierte ich, dass das vierköpfige Management 2014 gegen 16 Millionen Franken kassiert hatte, eine fette Entschädigung für ein Unternehmen dieser Grössenordnung. Dabei hat das Management unter CEO Owen Killian (62) bei der Beurteilung der Aussichten ebenfalls an Glaub­würdigkeit verloren. Die Valoren des weltgrössten Tiefseebohrers, Trans­ocean, bieten seit ihrer Kotierung in der Schweiz ein Trauerspiel sondergleichen. Seit meiner letzten Warnung gingen beim Aktienkurs weitere 32 Prozent flöten.

So gut ich mit meinen Tipps auch abgeschnitten habe: Wo ich falsch lag, lag ich zum Teil krass falsch. Als veritable Nieten entpuppten sich die Kaufempfehlungen für Glencore und Rio Tinto. Vor Monaten sah es danach aus, als ob sich die Talfahrt der Rohstoffpreise verlangsamen würde – falsch. Mein Hinweis auf den Risikoaspekt stellte sich als allzu wahr heraus: Glencore verloren seit ­Oktober 2014 gut 70 Prozent, Rio Tinto wurden um 34 Prozent zurückgestuft. Die Glencore-Valoren litten zusätzlich unter der hohen Verschuldung des Rohstoffkonzerns, in die er nach milliardenschweren Einkäufen gerutscht war. Zwar baut CEO Ivan Glasenberg im Eilzugstempo Schulden ab, doch der oberste Händler hat bei den Investoren viel Goodwill verspielt. Ein Flop war auch der Rat, LafargeHolcim zu kaufen; wer im April eingestiegen ist, hat 29 Prozent verloren.

Schüttelbörse

Die Verunsicherung der Investoren und damit die Volatilität werden auch 2016 den Börsengang bestimmen. Dennoch führt kein Weg an Aktien vorbei. An meinem Anlagefokus schraube ich nur wenig herum. Ich setze auf ­Aktien von Unternehmen, die sich durch einen positiven Geschäftsverlauf, eine ­solide Bilanz sowie eine gute Dividendenrendite auszeichnen.

Im heimischen Markt stehen für mich Blue Chips im Vordergrund, so die Pharmawerte Roche und Novartis, Dividenden-Cracks wie Kühne + Nagel, Swiss Re oder ­Zurich, aber auch «Langweiler» wie Nestlé sowie Givaudan. Zuoberst auf meiner Liste steht jedoch LafargeHolcim: Ich will nichts ­ertrotzen, aber den gebeutelten ­Aktien des weltgrössten Zementkonzerns traue ich ein furioses Comeback zu. Doch warten Sie mit dem Aufbau von neuen Positionen zu, bis sich die Aufregung an den Börsen gelegt hat. Sowieso gebe ich mich heute vorsichtiger und halte im Vergleich zu früheren Jahren einen bedeutend höheren Anteil des Portfolios in Cash.

 Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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