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Gesellschaft 
Europa braucht Erdogan als Verbündeten

Europa braucht Erdogan als Verbündeten
Recep Erdogan: Die Flüchtlingskrise erzwingt den Dialog zwischen EU und Türkei.  Keystone

Ohne die Türkei ist die Flüchtlingskrise für Europa nicht zu bewältigen. Brüssel muss auf Ankara zugehen - entschlossener denn je und allen Differenzen zum Trotz.

Kommentar  
Von Alan Posener
2015-10-09

Bei der russischen Militäroperation in Syrien war von Beginn an die Provokation des Westens eingepreist. Der erste russische Luftschlag traf Verbündete der gegen Assad und den IS kämpfenden, von Amerika geführten Koalition. Gerade einmal eine halbe Stunde Vorwarnung bekamen die USA, um aus dem betroffenen Luftraum abzuziehen.

Nun wurde beim russischen Angriff auf eine Stadt nahe der türkischen Grenze, über die Waffen und Nachschub an prowestliche Rebellen gelangen, die von der Türkei verhängte Pufferzone verletzt. Um ein Haar wäre es zum Luftkampf zwischen türkischen und russischen Kampfjets gekommen.

«Rezept für die Katastrophe»

Der Zwischenfall lässt Träumereien über eine Zusammenarbeit mit Putin zur «Befriedung» Syriens im richtigen Licht erscheinen. Wie Barack Obama feststellte, ist die russische Strategie der bedingungslosen Unterstützung Assads und der unterschiedslosen Bombardierung aller Gegner des Diktators als Terroristen ein «Rezept für die Katastrophe».

Nun hat der türkische Präsident Erdogan Brüssel besucht, wo die EU unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise endlich bereit ist, das zu tun, was sie seit Ausbruch der Syrien-Krise 2011 versäumt hat: bei der Unterbringung der zwei Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei zu helfen und mit finanziellen und anderen Anreizen den Beitrittskandidaten Türkei für die Mitarbeit bei der Verhinderung der Massenflucht nach Europa zu gewinnen.

Wenigstens Schadenbegrenzung

Wenn die Nato schon nicht bereit ist, die von ihrem Mitglied Türkei seit Jahren geforderten «no-fly-zones» in Syrien einzurichten, damit Flüchtlinge und halbwegs moderate Assad-Gegner die Möglichkeit erhalten, sich in ihrer Heimat zu sammeln und zu organisieren, so ist eine solche Zusammenarbeit zur Schadensbegrenzung das Mindeste, was Europa tun sollte.

Zusammenarbeit und Hilfe bedeuten nicht, dass die zunehmend autoritären und islamistischen Züge Erdogans zu ignorieren wären. Auch wird man weder in Brüssel noch Berlin oder Washington vergessen, wie lange Erdogan gezögert hat, sich der Koalition gegen den IS anzuschliessen, und wie er dann nicht nur den IS, sondern auch kurdische Kräfte in Syrien ins Visier nahm. Gewiss trägt er – zusammen mit der Syriza-Regierung in Athen – eine Mitverantwortung für die anschwellende Zahl der nach Mitteleuropa gelangenden Flüchtlinge.

Kurzum: Erdogan hat sich von Europa entfernt. Aber die allein auf die Euro-Krise fokussierte EU liess ihn ziehen. Dieses fatale Disengagement hat sich als unhaltbar erwiesen. Es ist Zeit, an den Bosporus zurückzukehren.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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