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Fuhrs Woche 
Eine vegane Welt würde viel zerstören

Die vegane Gesellschaft ist ein Verlust an Kultur
Veganes Essen: Kann das die Lösung sein?   Keystone

Kein Lebewesen kommt drum herum, fürs Überleben andere Lebewesen zu töten. Wie kann man also glauben, wir könnten ohne das Töten von Tieren leben? Eine vegane Welt wäre ein kultureller Kahlschlag.

Kommentar  
Von Eckhard Fuhr
2015-07-07

Wer das Fleisch von morgen sucht, muss hinaus ins Freie. Dort, wo in monströsen Apparaten «Fleisch» aus Stammzellen gezüchtet oder Fleischersatz chemisch-industriell produziert wird, findet er es nicht. Er findet das Fleisch dort ebenso wenig wie in den medialen Darkrooms der Tierrechts- und Ernährungsdebatten eine Antwort auf drängende Fragen nach dem guten und richtigen Leben.

Es ist über die vollgefressenen Gesellschaften des Westens ein hysterischer Krampf gekommen, ein kollektiver Ekel, von dem viele glauben, er sei ethisch verursacht und könne nur durch ethisch korrekte Ernährung abgestellt werden. Als ethisch korrekt wiederum gilt einzig der Fleischverzicht: Wer keine Tiere mehr isst, erreicht eine neue Stufe der moralischen Evolution.

Dieser Schluss ist so simpel, dass er nur falsch sein kann. Aus der Vorstellung jedenfalls, bei der Ernährung völlig von einer veganen Surrogatstoff-Industrie abhängig zu sein, lässt sich auch unter Aufbietung eines äussersten ethischen Rigorismus keine Utopie vom guten Leben destillieren. Freiheit und Mündigkeit sehen anders aus.

Also hinaus ins Freie. Dort weidet das Fleisch von morgen zum Beispiel in den Auen des Unteren Odertals. Heckrinder und Wasserbüffel leben vom Gras und erhalten das Grünland, das als Kohlendioxidspeicher für die Klimabilanz weltweit ebenso wichtig ist wie der Wald.

Auch Hunger nach Soja zerstört Regenwälder

Einmal im Jahr werden überzählige Jungbullen per Kopfschuss auf der Weide betäubt und vom Dorfmetzger an Ort und Stelle geschlachtet. Die Herde unterbricht dabei das Wiederkäuen nicht, sie nimmt vom Schlachten kaum Notiz. Das Fleisch der Jungbullen ist sehr gefragt und sehr teuer. So ist das mit dem Fleisch von morgen.

Es geht aber auch ein bisschen preiswerter. Vielleicht gelingt es ja eines Tages, Sojasorten zu züchten, die in Mitteleuropa gedeihen. Dann müsste der Grundstoff veganer Köstlichkeiten nicht um die halbe Welt transportiert werden. Die Wildschweine würden sich über diese Bereicherung auch freuen und sich noch freudiger vermehren, als sie es ohnehin schon tun.

Der vegane Sojahunger, der neben dem Fleischhunger der Massen ja auch sein Scherflein zur Zerstörung der Regenwälder beiträgt, bescherte dem nicht veganen Teil der Gesellschaft – auf absehbare Zeit also der grossen Mehrheit – ein noch reicheres Angebot an bestem Bio-Schweinefleisch.

Das funktioniert heute schon. In den Getreidesteppen der landwirtschaftlichen Tiermast wächst frei und wild, ohne Hormone und Antibiotika das Fleisch von morgen heran, grosse paarhufige Pflanzen- und Allesfresser. Man muss sie nur jagen.

Das Fleisch von morgen ist das Fleisch von gestern

Das Fleisch von morgen muss nicht von Food-Konzernen erfunden werden. Die Fleischproduktion der Zukunft hat mit Science-Fiction nicht das Geringste zu tun. Sie findet weder in industriellen Mastfabriken statt noch in industriellen Labors. Das Fleisch von morgen ist das Fleisch von gestern, so wie auch der Mensch von morgen der Mensch von gestern sein wird, oder er wird gar nicht mehr sein.

Überall kann man solchen Menschen von gestern begegnen, die die Zukunft fest im Blick haben. Der Pfarrer aus Lunow im Odertal, der sich um die Rinderherde kümmert, ist nur einer. Jeder Schäfer, der mit seiner Herde Grünland pflegt und Lammfleisch produziert, ist einer von gestern und morgen.

Jeder Landwirt, der in europäischen Mittelgebirgs- und Gebirgsregionen Rindfleisch und Milch produziert, wo Ackerbau keinen Ertrag bringt, tut das, was die ökonomische und ökologische Vernunft gebietet, von der kulturellen Verantwortung für Tradition und Landschaft einmal ganz abgesehen.

Keine falsche, verlogene Idyllen

Es geht hier nicht darum, dem medial immer wieder mit Lust und Ekel heraufbeschworenen Horror der Massentierhaltung und industriellen Fleischproduktion falsche, verlogene Idyllen entgegenzuhalten. Weder der Schäfer am Nordseedeich noch der Milchbauer im Allgäu ist Insasse eines Freilichtmuseums. Idyllisch sind ihr Leben und ihre Arbeit ganz und gar nicht.

Das kann nur der glauben, dessen Erfahrungen mit der Nutzung von Tieren sich auf den Preisvergleich an der Kühltheke im Supermarkt beschränken. Wenn solche Erfahrungsarmut dann auf Ekelbilder aus Schlachthöfen oder Geflügelställen trifft, sind Entsetzen und Hilflosigkeit gross. Die Ideologie des angeblich ethisch korrekten Fleischverzichts, ja des generellen Verzichts auf Tiernutzung bietet sich als rettendes Ufer.

Wer dorthin schwimmen will, sollte sich darüber klar werden, was er zurücklässt und verliert. Um den gedankenlosen «Fleischgenuss» ist es dabei am allerwenigsten schade. Die Zukunft gehört nicht Schweinefleisch, das kaum teurer ist als Brot. Die Bedingungen, unter denen solches Fleisch produziert wird, werden völlig zu Recht skandalisiert.

Aber der Abschied vom Fleisch und von der Tiernutzung bedeutet ja nicht nur den Abschied von solchen Exzessen. Er käme, würde er wirklich von der gesamten Gesellschaft vollzogen, einem kulturellen Kahlschlag gleich. Die Kenntnisse der Tierzucht und des Umgangs mit Nutztieren, die Vielfalt der Rassen und Schläge als kulturelles Erbe gingen verloren.

Eine Viehweide ist Lebensraum für viele Arten

Unsere Landschaft würde ohne Weidewirtschaft monotoner, ärmer an Schönheit und an Artenvielfalt. Unsere Sprache, deren Reichtum sich nicht zuletzt dem wissenden Umgang mit Tieren verdankt, würde veröden. Es sagt ja heute schon niemand mehr, es sei wie einem Ochsen ins Horn gepetzt, wenn gemeint ist, etwas sei wirkungslos oder «nicht zielführend». Irgendwann geht dann nicht einmal mehr «der Gaul durch».

Und kann sich jemand vorstellen, was aus der europäischen Kultur werden soll ohne die Vielfalt tierischer Produkte, die sie hervorgebracht hat? Frankreich ohne seine Käsesorten? Österreich ohne Tafelspitz? Was muss passieren, dass jemand begeistert einer solchen Zukunft entgegenstürmt? Hat er noch nie gut gegessen?

Das Einfache zum Schluss: Wer Käse und Tafelspitz haben will, muss töten. Wer für all das pflanzlichen Ersatz haben will, muss aber auch töten. Eine extensive Viehweide ist Lebensraum für viele Arten, eine Sojaplantage aber ein Schlachtfeld für Nager, Vögel, Reptilien und Insekten.

Kein Lebewesen kommt darum herum, für das eigene Überleben andere Lebewesen zu töten. Es gäbe kein Leben ohne das Töten. Darüber in Verzweiflung zu geraten, ist der Lebensblödigkeit des modernen Menschen geschuldet.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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