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Eine feste Hierarchie ist nicht immer effizient

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Vogelzüge in V-Formation: Die Chefs des Schwarms ändern je nach Situation. Pixabay

In sonnigen Zeiten kann man sich in Unternehmen schöne 
Hierarchien gönnen. Bei Regen, so lernen wir auch im Tierreich, 
kann man das Modell eines dominierenden CEO vergessen.

Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2017-03-10

Wir kennen alle die Situation. Teamleiter Hugo Huber bittet uns um einen Termin. Als er dann vor unserem Pult sitzt, beschreibt er ausführlich, wie sich jüngst seine Arbeit verändert habe und wie viel anspruchsvoller sie geworden sei.

«Und worauf wollen Sie hinaus?», fragen wir irgendwann.

«Ich finde», sagt dann Huber, «dass ich vom Teamleiter zum Bereichsleiter befördert werden sollte.» Dass damit auch eine Lohnerhöhung verbunden wäre, erwähnt er nicht speziell.

So funktioniert Hierarchie in den meisten Unternehmen: Teamleiter, Bereichsleiter, Abteilungsleiter.

Hierarchien verhindern Reibungsverluste

Hierarchien haben Vorteile. Sie sind Mechanismen zur Vermeidung von Konflikten und ­damit zur Vermeidung von Stress. Besonders gut sieht man das im Tierreich. Streit unter Mit­gliedern einer sozialen Gruppe, etwa ums Futter oder um die Weibchen, kann durch Über- und Unterordnungen ohne unnötige Diskussionen ­gelöst werden. Hierarchien verhindern Reibungsverluste und sind aus diesem Grund ­effizient.

Das bekannteste Beispiel sind die Hühner und ihre Hackordnung. Hühner im Hof sind strikt durchnummeriert, vom Chefhuhn Nummer eins bis zum Unterhuhn Nummer zwölf. Ähnlich militärisch organisiert sind die Rudel von Wölfen und von Affenarten wie den Meerkatzen. Es gibt einen Leitwolf und einen Affen-CEO. Beim Futter und bei der Fortpflanzung haben sie den grössten Bonus und den höchsten Spesensatz.

Der Zürcher Arbeitspsychologe Felix Frei hat soeben ein kluges Buch publiziert («Hierarchie – Das Ende eines Erfolgs­rezepts»), in dem er die Effizienz der Hierarchie in Frage stellt. In einer digitalisierten, also laufend neu strukturierten Welt scheinen ihm intelligente Vernetzungen erfolgversprechender als Rangordnungen, die in analogen Produktionswelten an­gezeigt sind.

Der Blick in die Zoologie gibt ihm recht. Tiere sind nicht blöd. Sie wissen seit je, dass Hierarchien dann ausgedient ­haben, wenn die Komplexität eines Unterfangens grösser ist als die Fähigkeiten der Chefs.

Wechselnde Leader

Am besten beobachten kann man das bei den Vogelzügen von Drossel, Fink und Star. Vogelzüge sind ein logistischer 
und führungsmässiger Challenge der Sonderklasse. Tausende von Mitarbeitern müssen auf einem gemeinsamen Kurs ge­halten werden, bedroht von Winden, Regen, Temperatur­stürzen und Raubvögeln.

In dieser Situation zerbricht im Organigramm die etablierte Hierarchie. Die Vögel sind in der Regel in der V-Formation unterwegs. Die vorne fliegenden Chefs des Schwarms ändern je nach Situation. Wenn es regnet, fliegen andere ­Ma­nager an der Spitze als bei Sonnenschein; bei Rückenwind gibt es andere CEOs als bei ­Gegenwind; bei Bedrohungen durch Raubvögel ­übernehmen andere Leader als bei der Futter­suche. Einen Chef, der jede Lage beherrscht, haben Sie bei Drossel, Fink und Star noch nie angetroffen.

Es ist das Modell einer stetig und schnell ­ändernden Unternehmensrealität. Hier braucht es deshalb auch stetig und schnell ändernde ­Hierarchien. Die Vögel denken nicht in Kategorien der Hierarchie, sondern in Kategorien des permanenten Projektmanagements.

Als mein Teamleiter Hugo Huber damals Bereichsleiter werden wollte, habe ich ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, anstelle des Bereichsleiter-Jobs auch eine vorüber­gehende Projektleitung zu übernehmen. Er sagte Nein.

Damit war klar: Der Mann war ein reiner Hierarchist. Ich habe ihn nicht befördert.

Tiere wissen 
seit je, dass ­Hier­archien aus­gedient ­haben, wenn 
die Komplexität ­eines Unter­fangens grösser ist als die Fähig­keiten der Chefs.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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