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Eine falsche Schlange kann genau das Richtige sein

Eine falsche Schlange kann genau das Richtige sein
Solitäres Tier: Schlangen gelten als heim­tückisch, verlogen und unberechenbar. Keystone

Wer im Betrieb seine Kollegen nicht schont und auch mal kritisiert, 
der gilt schnell einmal als falsche Schlange. Doch Schlangen sind 
nützliche Tiere – auch in Unternehmen.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
2016-09-15

Ich hatte einmal eine Chefin des Verkaufssupports. Sie galt im Team als ein übles Exemplar einer falschen Schlange.

Die falsche Schlange berichtete mir nämlich jeweils brühwarm, wenn der Product Manager zusammen mit dem Vertriebsleiter die ­Umsatzprognosen wieder einmal viel zu optimistisch dargestellt hatte.

Einmal erzählte mir die falsche Schlange auch, dass sich einer unserer Controller mit einem Hauptkonkurrenten getroffen hatte und dort offenbar interne Zahlen preisgegeben hatte. Dank eines begründeten Verdachts der falschen Schlange schaute ich mir auch die Spesenrechnungen unseres Werbeleiters ­genauer an.

Die Schlange war mir äusserst nützlich. Im Team hingegen war sie unbeliebt.

S­olitäre Tiere

Damit wären wir in der Biologie. Es gibt kaum eine andere Spezies im Tierreich, die ähnlich unbeliebt ist. Schlangen gelten als heim­tückisch, verlogen und unberechenbar. Vierzig Prozent der Bevölkerung, so zeigten Umfragen, haben ein Problem mit den Kriechviechern.

Die schlechten Charaktereigenschaften der Schlangen haben einen einfachen Grund. Sie sind s­olitäre Tiere. Sie leben allein und halten wenig von ­Sozialkontakten und Gruppenerlebnissen. Sogar beim zwingenden Sozialverhalten rund um die Fortpflanzung tun sie mit wenig Begeisterung mit.

Die solitären Schlangen sind damit äusserst unabhängig. Sie brauchen zum Überleben kein Rudel und keine Herde und keine Sippe. Was der Rest der Gesellschaft über sie denkt, ist ihnen egal.

Keine Rücksicht auf das Gruppenverhalten

Bei meiner Chefin des Verkaufssupports war das vergleichbar. Sie spielte ihre Rolle der unabhängigen, falschen Schlange ohne falsche Rücksichtnahme. Sie nahm wenig Rücksicht auf das Gruppenverhalten der anderen. Das sogenannte Betriebsklima, das ja häufig nur der Kultur der Vertuschung und der Rücksichtnahme dient, kümmerte sie nicht gross. Wenn ihr etwas nicht gefiel, dann sagte sie es auch. Manche der anderen empfanden das als Giftspritzerei.

Schlangen haben extrem sensible Sinnesorgane. Sie können zum Beispiel, wie mit einer Infrarot­kamera, im Dunkeln sehen. Auch meine Chefin des Verkaufssupports verfügte über diese Gabe. Sie sorgte dort für Transparenz, wo andere Dunkelkammern bauten.

Dasselbe Prinzip in der Schöpfungsgeschichte

Die Schlange in der Schöpfungsgeschichte verfuhr nach demselben Prinzip. Gott hatte im Paradies bekanntlich einen Tabubereich ohne Transparenz geschaffen. Er nannte ihn Baum der Erkenntnis, und es war verboten, seine Früchte zu essen. Gott wollte mit dem Tabu die kritische Auseinandersetzung mit seiner Ideologie verhindern.

Die Schlange überredete nun Adam und Eva, in den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu beissen. Für das Betriebsklima im Paradies war das nicht besonders vorteilhaft, und die Beliebtheit der Schlange sank auf Tiefstwerte. Adam und Eva bekamen vom Chef die fristlose Kündigung und wurden Selbständig­erwerbende.

Mit dem Apfel der Erkenntnis gab es zwar Konflikte im Umfeld. Aber zugleich begann für die Menschheit die Entwicklung von Aufklärung, Forschung, Wissenschaft und Fortschritt. Am Anfang der menschlichen Erfolgsgeschichte stand eine Schlange, die Schlange der Transparenz.

Passen wir also auf. Eine falsche Schlange im Unternehmen kann genau das Richtige sein.

Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfältig ausgewählt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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